Essay Bin ich zu alt für diese Musik?

Er ist Fußball-Fan, Schriftsteller, Musikkritiker. Jetzt hat Nick Hornby die Erkenntnis gewonnen: Marah aus Philadelphia sind die beste Band der Welt. Er fragt sich aber: Sollte ich nicht langsam Klassik hören? Von Nick Hornby


Marahs Bielanko-Brüder: Hoch grandioses Spektakel

Marahs Bielanko-Brüder: Hoch grandioses Spektakel

Kurz vor Weihnachten letzten Jahres, die Rock-'n'-Roll-Band Marah aus Philadelphia war gerade mitten in einem ihrer typischen chaotischen und inspirierenden Konzerte, als plötzlich die Tür zur rechten Bühnenseite aufging und ein junger Mann hereinwankte, der wesentliche Teile eines Schlagzeugs trug. Meine Freunde und ich hatten die besten Plätze im Saal, nur wenige Schritte von Serge und Dave Bielanko, den Frontmännern den Band, entfernt, doch nun mußten wir unsere Tische zurückschieben, um dem Schlagzeuger Platz zu machen. Er war nicht Marahs Schlagzeuger (sie haben vorübergehend keinen), aber immerhin, er war Schlagzeuger, er besaß wesentliche Bestandteile eines Schlagzeugs, und sein Auftritt verhalf der Band zu einem noch grandioseren Spektakel, als sie es bis dahin schon auf die Beine gestellt hatten. Wie jede Marah-Show endete auch diese im Triumph - mit einem auf dem Boden liegenden Serge, der seinem Publikum zu Füßen auf der Harmonika vorspielte.

Dieses Konzert fand in einem Pub namens Fiddler's Ellbow in Kentish Town, Nordlondon, statt, aber Szenen wie diese ereignen sich wohl überall auf der Welt: eine Band, ein Aushilfsschlagzeuger, der von einem anderen Gig herüberkommt, wahrscheinlich sogar das Tische-Zurückschieben. Es ist nur so, daß Bruce Springsteen, ein Fan der Band, die Bielanko-Brüder drei oder vier Monate zuvor eingeladen hatte, mit ihm gemeinsam auf der Bühne des New Yorker Giants Stadiums eine Zugabe zu spielen. Außerdem haben Marah dieses Jahr ein Album veröffentlicht, das, in einer Welt mit Ohren, eigentlich das meistgeliebte Rock-Album des Jahres sein müßte: "20000 Streets Under the Sky". Nein, diese Band sollte nicht im Fiddler's Ellbow mit einem Aushilfsschlagzeuger spielen. Und nach dem Konzert sollte sie ganz bestimmt keinen Hut herumgehen lassen. Wie viele Leute haben schon im selben Jahr, in dem sie im Giants Stadium auftraten, einen Hut herumgehen lassen?

Rock handelt davon, jung zu sein

Es ist jetzt dreißig Jahre her, daß der Musikkritiker Jon Landau im "Rolling Stone" seinen einflußreichen, karrierestiftenden und viel belächelten Text über Springsteen veröffentlichte - den Text, der die Zeile enthielt: "Ich sah die Zukunft des Rock 'n' Roll, und ihr Name ist Bruce Springsteen." Bis vor kurzem kannte ich den Rest dieses Textes gar nicht, er beginnt, herzzerreißend: "Es ist vier Uhr morgens, und es regnet. Heute bin ich 27, fühle mich alt, höre meine Platten durch und erinnere mich daran, daß die Dinge anders waren vor zehn Jahren ..." Ich weiß es natürlich nicht, aber ich kann mir vorstellen, daß sich ein paar von Ihnen, die das hier lesen, noch daran erinnern können, wie es war, 27 zu sein und sich alt zu fühlen. Und wie es kein bißchen damit vergleichbar ist, sich mit 37 alt zu fühlen.

Ich bin vor kurzem 47 geworden, und mit jedem Jahr, das verstreicht, wird es schwieriger, mich nicht zu fragen, ob ich nicht vielleicht lieber Musik hören sollte, die meinem Alter mehr entspricht - Jazz, Folk, Klassik, Oper, Begräbnis-Märsche, die üblichen Verdächtigen. Sie wissen schon: Die meiste Rockmusik wird von jungen Menschen für junge Menschen gemacht, sie handelt davon, jung zu sein, und wenn Sie nicht jung sind und immer noch Rockmusik hören, dann sollten Sie sich schämen. Endlich habe ich meine Antwort darauf gefunden: Ich sehe das ganz genauso, auch wenn dieser Ansatz nicht im geringsten die neueren Alben von Neil Young, Dylan, Springsteen, Robert Plant und so weiter berücksichtigt, die zum Teil ganz hervorragend sind. Trotzdem komme ich nicht zu derselben Schlußfolgerung.

Jugend ist eine Qualität, die der Gesundheit nicht unähnlich ist: Unter jungen Menschen ist sie am weitesten verbreitet, aber wir alle brauchen die Verbindung zu ihr. (Längst nicht alle jungen Leute haben das Glück, jung zu sein. Denken Sie nur an all die Leute an Ihrer Uni, die Politiker oder Rechtsanwälte werden wollten.) Ich spreche nicht von den Begleiterscheinungen der Jugend, den faltenlosen Gesichtern, den Waschbrettbäuchen, Haaren. All das sei den jungen Menschen von Herzen gegönnt - ich meine, was würden wir denn schon damit anfangen? Nein, ich spreche von der Energie, von sehnsuchtsvollem Verlangen, einer unerklärlichen Heiterkeit, sporadischen Anflügen eines Gefühls von Unbesiegbarkeit, von Hoffnung, die brennt wie Chlor. Als ich jünger war, drückte Rockmusik all diese Gefühle für mich aus - jetzt, wo ich älter bin, regt sie sie an. So oder so: Rock 'n' Roll war und bleibt eine Notwendigkeit. Jeder kann ein bißchen grundlose Heiterkeit brauchen oder das Gefühl, unbesiegbar zu sein, und sei es auch nur hin und wieder.

Komischer alter Kauz

Ich weiß, was Sie denken - bitte nicht noch so ein komischer alter Kauz, der sich beschwert, daß die Musik von heute auch nicht mehr ist, was sie mal war. Und Sie haben recht: ich bin ein komischer alter Kauz, der sich beschwert, daß die Musik von heute nicht mehr ist, was sie mal war. Trotzdem hege ich die Hoffnung, mich aus der Grube wieder herauswinden zu können, die ich mir schaufele, wenn ich sage, daß die Musik von heute, für meine Ohren, nicht mehr jung klingt - jedenfalls nicht auf eine leichte, unbeschwerte Art. Irgendwie ist sie zu erwachsen geworden, zu voll von sich selbst. Klar lassen sich viele Songs finden, die wütend sind, oder seltsam, oder pervers, oder melancholisch und lebensmüde; aber dieses laute, manchmal stumpfe Feiern des Lebendigseins ist irgendwo auf dem Weg verlorengegangen. Natürlich wollen wir Songs über den Irak hören und über Kinderprostitution und Heroinsucht. Und wenn Bands es für notwendig erachten, Elektrobohrer anstelle von Gitarren zu verwenden, um ihrer Wut Luft zu machen, dann nichts wie her damit. Aber gibt es eine Chance, daß wir als Zugabe "Little Latin Lupe Lu" von Mitch Ryder And The Detroit Wheels bekommen können oder, noch besser, ein modernes Äquivalent dafür?



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