»Grete Minde«-Partitur: »Qualitativ hochwertig und absolut aufführungswert«
»Grete Minde«-Partitur: »Qualitativ hochwertig und absolut aufführungswert«
Foto: Janice Lowen Agee

Wiederentdeckung eines Komponisten »Dieser Mann hat sich nicht um sein Leben bemüht, sondern um seine Oper«

Der jüdische Kaufmann Eugen Engel liebte klassische Musik und komponierte sogar. Fast 80 Jahre nach seiner Ermordung im KZ Sobibor wird seine Oper an diesem Sonntag uraufgeführt. Der Text dazu stammt von einem Karrierenazi.
Von Thomas Schmoll

Der Berliner Uwe Jöckel ist Hobbysänger, ein Mann, der klassische Musik leidenschaftlich liebt – den Namen Eugen Engel hatte er trotzdem noch nie gehört. Vor drei Jahren aber erzählte ihm eine Bekannte, dass für den jüdischen Komponisten in der Charlottenstraße ein Stolperstein verlegt werden sollte. Er wurde von den Nazis 1943 in Sobibor ermordet.

Jöckel wurde neugierig, beschaffte sich Noten. Kaum hatte er die ersten Vokalwerke Engels studiert, war er Feuer und Flamme. »Sie erinnerten mich an die Lieder Gustav Mahlers«, erzählt er. Es hatte ihn gepackt, er begann zu forschen, half bei der Organisation eines kleinen Konzerts mit Musikstudierenden. Ihm fielen zufällige Ähnlichkeiten zwischen seiner und Engels Biografie auf, die über die Liebe zur Musik hinausgehen: Wie einst Engel arbeitet Jöckel als Kaufmann. Auch liegen Wurzeln beider Familien an den Masurischen Seen im früheren Ostpreußen.

Klassikenthusiast Jöckel: »Sie erinnerten mich an die Lieder Gustav Mahlers«

Klassikenthusiast Jöckel: »Sie erinnerten mich an die Lieder Gustav Mahlers«

Foto: Thomas Schmoll / DER SPIEGEL

Der Berliner schrieb Janice Lowen Agee, der Enkelin Engels in Amerika, die die Stolperstein-Initiative ausfindig gemacht hatte: »Können Sie mir noch einige Details über seine Musik erzählen?«, bat Jöckel in einer ersten Mail im April 2019. »Denn Sie müssen wissen, dass ich kein professioneller, aber ein sehr ambitionierter Sänger bin.«

Agee antwortete. Seitdem steht der Amateurmusiker an der Spitze der Bewegung zur Wiederentdeckung des Komponisten Engel. Mit der Uraufführung seiner einzigen Oper »Grete Minde« am Sonntag in Magdeburg erlebt die ihren Höhepunkt – fast 80 Jahre nach der Ermordung ihres Schöpfers.

Engel war der typische Bildungsbürger jener Zeit. Der Witwer stand, wie Briefverkehr belegt, in regem Austausch mit Künstlern der Klassikszene. Dazu zählten Engelbert Humperdinck, der »Hänsel und Gretel« vertonte, und Bruno Walter, einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts.

Zwar wurden einige Werke des Kaufmanns hier und da vor Publikum gespielt. Aber seine Oper mit ihren deutlichen Anklängen an die Spätromantik hatte zu seinen Lebzeiten nicht den Hauch einer Chance auf Aufführung. Ihre Realisierung war schon wegen der üppigen Besetzung – 14 Sängerrollen und ein Kinderchor – zu teuer, sie dürfte auch nicht modern genug gewesen sein. Vor allem aber fiel ihre Vollendung in das Jahr 1933, als Hitler die Macht ergriff.

Während Engels Tochter Eva im Juli 1935 nach Amsterdam emigrierte, bemühte sich ihr Vater, seine »Grete Minde« in Deutschland auf die Bühne zu bringen. Im Entwurf eines Briefes – die in jener Zeit wie heutzutage Kopien aufbewahrt wurden –, den Engel im März 1938 anfertigte und wohl an mindestens drei Persönlichkeiten schickte, spricht er von der »Kühnheit« zu bitten, sich für ihn einzusetzen. »Es war vertan durch die Zeitumstände, obwohl ich noch retten wollte, was zu retten ging«, schrieb er. Auch der Verweis, dass der bekannte Dirigent Walter, der selbst Jude war und 1939 über die Schweiz in die USA floh, sein »fachmännisches Können u. meine musikalische Kultur« gelobt habe, half nichts.

Die Ausreise scheiterte

Engel verließ 1939 seine Wohnung in der Charlottenstraße und floh zu seiner Tochter Eva nach Amsterdam. Im Februar 1941 ging die Familie nach San Francisco, fünf Jahre später kam die Enkelin zur Welt, die Jöckel später per Mail erreichen sollte. Eugen Engel aber musste zurückbleiben. Am 12. November 1941 erhielt er die Nachricht von der kubanischen Botschaft in Berlin, dass ihm die Einreise in den Karibikstaat gestattet werde. Seine Ausreise scheiterte jedoch.

Engel schrieb Briefe nach San Francisco, in denen er beteuerte, es gehe ihm gut. Im März 1943 wurde er in das Durchgangslager Westerbork deportiert, in dem auch Anne Frank und ihre Familie auf den Transport in den Tod warteten. Nur wenige Tage später wurde Engel mit rund 1250 weiteren Häftlingen in die NS-Tötungsfabrik Sobibor gebracht, wo er bald im Alter von 67 Jahren ermordet wurde. Von 170.000 bis 250.000 Juden in dem KZ haben nicht einmal 50 überlebt.

Eva Engel hatte die musikalische Hinterlassenschaft ihres Vaters mit in die USA genommen und bewahrte sie zusammen mit allen seinen Briefen sorgsam auf, einschließlich der Partitur seiner Oper. »Sie befand sich in einer Truhe im Keller unseres Hauses in San Francisco. Wir wussten immer, dass die Noten dort waren«, erzählt die 74-jährige Agee dem SPIEGEL.

»Meine Mutter träumte davon, die Oper in den USA aufführen zu lassen.« Was sie nicht wusste: In dem Nachlass befanden sich noch andere Kompositionen und Papiere. Sie habe die Schriften erst entdeckt, nachdem das Jüdische Museum Berlin angefragt habe, was noch an Dokumenten der Familie existiere.

Jöckel erfuhr von dem Dreiakter, den Agee entdeckt hatte, ließ sich einen Auszug aus der Partitur schicken. »Die Oper muss nach Magdeburg«, sagt er, das sei ihm sofort klar gewesen. Das Werk beruht auf der Novelle »Grete Minde« von Theodor Fontane. Sie spielt zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Tangermünde nördlich von Magdeburg. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, der in einem Erbstreit bitteres Unrecht geschieht. Aus Zorn und Rache steckt sie die Stadt in Brand und kommt dabei ums Leben.

»Das muss man sich mal vorstellen: Ein Nazikarrierist schreibt ein Libretto, das ein Jude vertont, der im KZ stirbt.«

Uwe Jöckel

Der Verfasser des Operntextes, Hans Bodenstedt, kam in Magdeburg zur Welt. Er war Mitglied der NSDAP. »Das muss man sich mal vorstellen«, sagt Jöckel: »Ein Nazikarrierist schreibt ein Libretto, das ein Jude vertont, der im KZ stirbt.« Bodenstedt war als Journalist in die NS-Propaganda eingebunden. Nach dem Krieg wurde er Mitarbeiter beim öffentlich-rechtlichen NWDR in Hamburg (heute NDR). Über Engels Verhältnis zu seinem Librettisten und ihre Zusammenarbeit ist bislang kaum etwas bekannt.

Jöckel ließ nicht locker, wandte sich an die Dirigentin Anna Skryleva, die er über seinen Gesangslehrer kannte. Sie sollte im August ihren Posten als Generalmusikdirektorin am Theater Magdeburg antreten.

Skryleva spielte das Opus am Klavier durch. »Schon die Idee, die Oper in Magdeburg uraufzuführen, hat mich begeistert«, sagt sie heute. »Umso glücklicher war ich, als ich feststellte, dass die Musik, die an Wagner erinnert, qualitativ hochwertig und absolut aufführungswert ist.«

Auch sie zeigt sich von Engel fasziniert. »Ich finde die Leidenschaft für seine Musik erstaunlich: Dieser Mann hat sich nicht um sein Leben bemüht, sondern um seine Oper.« Bei dem Projekt gehe es aber auch um Gerechtigkeit. »Wir würdigen damit Engel als Opfer der Nazis und als Komponisten.«

Dirigentin Skryleva: »Ich finde die Leidenschaft für seine Musik erstaunlich«

Dirigentin Skryleva: »Ich finde die Leidenschaft für seine Musik erstaunlich«

Foto: Thomas Schmoll / DER SPIEGEL

Skryleva schlug das Stück Generalintendantin Karen Stone und Ulrike Schröder, Chefdramaturgin der Musiksparte, für die Spielzeit 2021/22 vor. Schröder schlüpfte in die Rolle der Historikerin, forschte im Rahmen ihrer Möglichkeiten zum Leben Engels, las Briefe, studierte in Archiven und wurde so ein bisschen zu seiner Biografin. Sie fand heraus, dass Engel zwölf Geschwister hatte, von denen neun weitere während des NS-Terrors umgebracht wurden, die meisten im KZ Theresienstadt. Die anderen waren vor dem Krieg verstorben.

Schröder konnte als Erste einige Briefe vollständig transkribieren, die Engel in der Hoffnung geschrieben hatte, seine Oper aufzuführen. »Ich bin mit Rücksicht auf die Familie in den USA behutsam vorgegangen. Mit der Lektüre der Briefe betrat ich ja zum Teil sehr persönliches Terrain.«

Die Dramaturgin glaubt, dass der Fontane-Stoff »einen Bildungsbürger wie Engel überaus angesprochen hat«. Ob er damit auf seine Rolle als Außenseiter, dem wie Grete Minde Unrecht geschieht, habe aufmerksam machen wollen, sei unklar. »Es ist nicht einmal bekannt, wie er die politische Lage nach 1933 konkret einschätzte.«

Künstlerisch schätzt Schröder das Niveau der Oper hoch ein. Fontanes Stoff sei sowohl textlich als auch musikalisch sehr gut aufbereitet, sagt sie. »Massenaufläufe, Liebesszenen, Kirchen, Nonnen, Trauer, Schicksale, Tod und Teufel – es ist alles drin, was man braucht für eine spätromantische Oper. Engel zeigt großes Formbewusstsein, alles ist auf den Punkt.«

Die Uraufführung sollte schon Oktober 2021 stattfinden, wurde aber wegen der Pandemie verschoben. Die Corona-Regeln sorgen für einen Eingriff in die Partitur. Der Kinder- wird durch einen Frauenchor ersetzt – Jungen und Mädchen dürfen in Sachsen-Anhalt momentan nicht gemeinsam singen.

»Damit können wir gut leben«, sagt Skryleva. »Wirklich erstaunlich und wunderbar« findet auch Agee den Gedanken an die Premiere. Die Engel-Enkelin, die schon bei der Stolperstein-Verlegung in Berlin dabei war, will an diesem Wochenende nach Deutschland reisen, um dabei zu sein, wenn »Grete Minde« über die Bühne geht.

»Grete Minde« am Theater Magdeburg . Uraufführung am 13. Februar, weitere Termine u. a. am 20. Februar und am 5. März.