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ESC-Final 2013: Süße Dänin, säuselnder Karpate

Foto: Michael Sondergaard

Eurovision-Finale in Malmö Vorsicht vor dem Karpaten-Kastraten

Siegt beim ESC die barfüßige Konsens-Dänin Emmilie? Sie ist die Favoritin. Oder holt der Rumäne Cezar als Lady Gaga der Karpaten die europäische Schlagerkrone? In Malmö steigt in wenigen Stunden die große Show. Mal schauen, ob die Südeuropäer wegen Merkel gegen Cascada stimmen.
Von Jan Feddersen

Unter Puristen und Traditionalisten des Eurovision Song Contest (ESC) kursiert seit der zweiten Qualifikationsrunde ein garstiges Gerücht: Wird die Final-Show am Samstagabend in Malmö mit einem Sieg des Rumänen Cezar enden?

Mit diesem Mann, der wie eine Mixtur aus Graf Dracula, Lady Gaga der Karpaten und Gloria Gaynor ("I will Survive") kastratenhaft drei Minuten lang nichts anderes behauptet als: "It's My Life"?

2006, beim ESC in Athen, als Deutschland Olli Dittrich mit "Texas Lightning" schickte und ins Mittelfeld verwiesen wurde, gab es eine Sensation, die mit beinahe allen Konventionen des ESC brach: Finnlands Metal-Masken-Rocker von "Lordi" und ihr stampfendes "Hard Rock Hallelujah" - das war die Rache des nichtschlageresken Undergrounds am Wohlfühlestablishment bei diesem europäischen Popfestival.


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Der bildschöne Rumäne wäre hingegen die ästhetische Konsequenz einer Entwicklung beim ESC, bei der androgyn angelegte Performances nicht mehr abgestraft, sondern wegen ihres hohen Unterhaltungswerts belohnt werden.

Es ginge, wenn kurz nach Mitternacht das Resultat feststeht, natürlich auch viel langweiliger, erwartbarer, vergessenswürdiger: Dann wäre es die Dänin Emmilie de Forest, die die Krone der Pop-Europameisterschaft von Schweden in ihr kleines Nachbarland entführt. Emmilie singt barfüßig, in zotteligem Gewand und begleitet von einer Flöte nebst Trommlern ihr Lied "Only Teardrops". Als in allen Wettbüros hoch favorisiertes Nachwuchssternchen wäre Emmilie ein typischer ESC-Kompromiss. Mit ihr als Siegerin bleibt man middle of the road. Es gewänne ein Lied, das auf professionell-konfektionierte Weise nichts falsch macht. Eine generationenübergreifende Nichtigkeit mit Lächelfaktor, die niemanden irritiert.

Die Spannbreite des künstlerischen Angebots der 26 Länder, die im Grand Final des ESC stehen, ist weit: Eine Mixtur aus freundlichen Banalitäten, aber auch riskanten Kunstambitionen, wie sie etwa die Niederländerin Anouk verkörpert. Sie ist eine der populärsten Rock-Chanteusen in ihrer Heimat, die mit ihrem Gesang von "Birds" ätherisch eine Art Minimal Act ohne viel Tanzgeflirre und Kostümhochrüstung bietet.

Die deutsche Formation Cascada mit Frontfrau Natalie Horler hingegen hofft mit "Glorious" an den Vorjahreserfolg von Loreens "Euphoria" anschließen zu können, auf dass die Kultur des Dancefloors beim ESC Anerkennung finde. Zwischen all den jugendlichen und jungerwachsenen Menschen steht mit der Waliserin Bonnie Tyler, 61, eine alte Dame des Rockröhrengeschäfts. Im Herbst ihrer leutselig-erfolgreichen Karriere ("It's A Heartache", "Total Eclipse Of The Heart") wird sie mit "Believe In Me" einen Wehmuts-Song für das Marktsegment alt gewordener Rocker und ihrer Fans angemessen rauchig vortragen.

Auch der ESC muss sparen: Kein Mineralwasser, kein Shuttleservice

Dass der 58. Eurovision Song Contest in Malmö - im Vergleich zu den Veranstaltungen der vergangenen Jahre in Baku, Düsseldorf, Oslo und Moskau - sparsamer ausfällt, wird der TV-Zuschauer nur sehen, wenn er die Details der TV-Inszenierung lesen kann. Kein Monsterangebot von LED-Leuchtwänden mehr, weniger Kameras, keine realen Gegenstände mehr auf der Bühne (Bushaltestellenschilder, Möbellandschaften, echte Fontänen) und schließlich die Einsparung von zwei Moderatorengehältern.

Die schwedische Comedienne und Schauspielerin Petra Mede, die durch den Abend führen wird, muss es allein schaffen, sonst teilten sich den Job drei Leute. Hinter den Kulissen hörte die Sparsamkeit nicht auf: kein Mineralwasser, sondern grüne Plastikflaschen, um sich Leitungswasser abzuzapfen. Shuttlebusse wurden nur noch auf Wunsch zur Verfügung gestellt. All das ergebe aus der Logik einer TV-Produktion heraus keinen Sinn, erklärt Sietse Bakker, Supervisor für den ESC bei der European Broadcasting Union - außer dass es nach "wichtig, wichtig" aussah.

Kostendämpfung, das heißt in diesem ESC-Jahr auch, dass nicht jedes Land gewinnen will. Weißrussland, die Ukraine oder Russland freilich schon: Ein ESC-Sieg würde helfen, ihre autokratischen Regime in glamourösen Bildern zu spiegeln. Der Italiener Marco Mengoni aber, der mit "L'essenziale" bereits in seiner Heimat das Festival von San Remo gewann und nun noch eine Zugabe in Malmö absolviert, sagt unumwunden: "Italien will nicht wirklich gewinnen - in Zeiten der Finanzkrise wäre das eine allzu große Belastung für die RAI."

Ähnlich wollen auch Spanien, mit "Contigo haszta el final" der Gruppe ESDM ohnehin Aspirant auf den letzten Rang, wie auch Griechenlands fröhliche Sechs-Männer-Horde Koza Mostra & Agathonas Jakovidis mit der Ska-Nummer "Alcohol Is Free", nur dies zeigen: Wir sind in der Euro-Krise noch da und können wenigstens noch singen.

Spannend wird auch, wie viele Punkte aus den südeuropäischen Krisenländern auf Cascada entfallen. Könnte ja sein, dass der deutsche Beitrag mit einem Merkel-Malus rechnen muss.

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