Eurovision Märchenerzähler schlägt Sexbombe

Die Norweger haben den Musiknerv Europas getroffen: Beim Song Contest in Moskau triumphierte Alexander Rybak mit seinem Song "Fairytale". Der deutsche Song floppte - da half auch nicht US-Stripperin Dita von Teese, die die Bühne für Extrem-Po-Posing nutzte.
Von Irving Wolther

Wer die Welt verstehen will, muss sie nicht lesen, sondern ihr beim Weltsein zuschauen. Und das kann man besonders gut beim Eurovision Song Contest. In diesem Teilchenbeschleuniger des Trivialen prallten am Samstagabend die Unterhaltungskulturen aus 25 Ländern aufeinander, um nach Abfeuerung eines gigantomanischen Show-Feuerwerks Konsens über die beste Musikdarbietung Eurovisionopas zu erzielen.

Ein Prozess, der sich in der Vergangenheit problematisch gestaltete: Kroatische Konspiration, rumänische Ränge und polnische Parteilichkeit raubten den westlichen Teilnehmerländern die Freude an der Teilnahme mit altbackenen Trümmerballaden, talentfreien Castingsternchen und schlecht geschminkten Transvestiten. In diesem Jahr nun scheint die Gerechtigkeit gesiegt zu haben: Mit Norwegen und Island eroberte der Westen Gold und Silber, Aserbaidschan kam auf den dritten Platz.

Der in Weißrussland geborene Alexander Rybak kämpfte auf der Bühne für Norwegen - und gewann die Herzen der Europäer. Mehr als die Hälfte der 42 teilnehmenden Länder beschenkten ihn mit den maximal zwölf möglichen Punkten, am Ende kam der 23-jährige Sunnyboy auf 387. Sein folkloristisch angehauchtes Lied "Fairytale", das Rybak selbst mit der Geige begleitete, handelt von seiner ersten Liebe.

Es ist nach 1985 und 1995 das dritte Mal, dass Norwegen Grand-Prix-Sieger wurde. Island kam mit der Sängerin Yohanna und ihrer Ballade "Is It True?" auf 218 Punkte. Aserbaidschan konnte mit dem orientalisch angehauchten Popsong "Always" des Duos AySel und Arash 207 Punkte erringen.

Deutschlands Song "Miss Kiss Kiss Bang" schrammte haarscharf an der Total-Blamage vorbei. 2008 hatten die No Angels in Belgrad die rote Laterne geholt. Das wollte "Alex Swings Oscar Sings" diesmal besser machen, sie strebten ein Platz unter den besten zehn an - und hatten dafür eigens US-Stripperin Dita von Teese verpflichtet. Doch das Po-Posing der Räkelmeisterin half am Ende trotzdem nur zu Platz 20 von 25.

Nur zur Hälfte durfte das Fernsehpublikum die Wertung bestimmen, die übrigen 50 Prozent lagen in der Hand fünfköpfiger Fachjurys aus der Musikbranche. "Demokratie heißt Entscheidung durch die Betroffenen", definierte Carl Friedrich von Weizsäcker die Grundfeste unserer freiheitlichen Gesellschaft. Doch wenn es um Geschmack geht, schien man den Betroffenen nicht recht über den Weg zu trauen.

Offiziell verlautbarte die Europäische Rundfunkunion EBU, dass sich die Wertung des Publikums immer weiter von der Wertung der Backup-Jurys entfernt hätte, welche im Falle einer Televoting-Panne eine reibungslose Punktevergabe gewährleisten. Über die Zusammensetzung dieses Gremiums herrschte Stillschweigen. Acht Mitglieder sollen es in jedem Land gewesen sein, vier davon Fachleute, vier repräsentative Vertreter der heimischen Zuschauerschaft. Unter Song-Contest-Anhängern ist es jedoch ein offenes Geheimnis, dass viele Delegationen Vertreter der Fanclubs in ihre Backup-Jurys geladen hatten.

Strategiespiel um die Gunst der TV-Zuschauer

Kein Wunder also, dass die Juroren 2008 Eurovision-Wiedergängerin Charlotte Perrelli ins Finale mogelten - wo die blondierte Botox-Queen von den Zuschauern brutal abgestraft wurde. Die Frage darf gestellt werden, ob sich hier nicht eher die Wertung der Jurys vom Geschmack des Fernsehpublikums entfernt hatte. Für einige westliche Delegationsleiter war das Ergebnis jedoch Grund genug, lautstark nach einer Änderung des Reglements zu krakeelen, statt die Qualität der eigenen Einreichung zu hinterfragen.

Am Samstagabend nun wurde das Urteil über die 25 teilnehmenden Beiträge zumindest zur Hälfte durch Fachleute aus der Unterhaltungsbranche gefällt. Es gab gute Gründe für diesen Schritt: Wissenschaftliche Studien beweisen, dass Fachjurys von externen Faktoren wie der Startreihenfolge weniger stark beeinflusst werden. Auch haben sie die Möglichkeit, die teilnehmenden Songs mehrmals zu hören - eine Entscheidungshilfe, die den Zuschauern meist nicht zur Verfügung steht. Kompetent sollte das Urteil der Jury sein. Und ausgewogen. Vor allem aber zu Gunsten Westeuropas.

Dabei waren die Eurovision-Wessis im Strategiespiel um die flüchtige Gunst der Fernsehzuschauer in diesem Jahr ohnehin so gut aufgestellt wie nie zuvor. Große Stars, große Stimmen, große Show. Doch wie sich zeigte, konnten auch die Fachjurys nicht verhindern, dass sich die Höchstpunktzahlen innerhalb klar definierter kultureller Räume hin und her bewegten. Warum auch? Als Vertreter der lokalen Musikbranche wären sie schlechte Experten, wenn sich ihr Urteil von den Vorlieben des heimischen Publikums grundsätzlich unterschieden hätte. Auch Silvia Kollek, DSDS-erfahrenes Mitglied der deutschen Fachjury, erwartete diesbezüglich nichts Gegenteiliges.

Tatsache ist: Es geht bei der Einführung der Fachjury nicht um Gerechtigkeit, es geht um die Unterstellung mangelnden Demokratieverständnisses: Der Pole, der für den Star aus der benachbarten Ukraine abstimmt und nicht für den deutschen No-Name, ist ein schlechter Europäer. Der Türke, der aus Duisburg für den Beitrag vom Bosporus anruft, folgt einem von der "Hürriyet" konditionierten Pawlowschen Reflex, nicht seiner Vorliebe für orientalischen Klang. Einen eigenen Geschmack zu haben, wird nur westeuropäischen Zuschauern zugetraut.

Gerechtigkeit ist keine Einbahnstraße. Wer sich weiter darüber echauffiert, dass sich westeuropäische Beiträge wegen vermeintlicher Ost-Kungelei schlecht beim Song Contest plazieren, aber nicht die Stimme erhebt, wenn osteuropäischen EU-Bürgern die vollständige Freizügigkeit in Westeuropa verwehrt bleibt, sollte sein Menschenbild hinterfragen. Ebenso der niederländische Journalist, der die moldauische Folkloresängerin im Interview fragte, ob er im Falle ihres Sieges nächstes Jahr ein Zelt zum Song Contest mitbringen müsse, da mit einer menschenwürdigen Unterbringung in ihrem Land ja nicht zu rechnen sei.

Grand Prix 2009: Alle Länder, alle Punkte

Platz Land Interpret Lied Punkte
1 Norwegen Alexander Rybak "Fairytale" 387
2 Island Yohanna "Is It True?" 218
3 Aserbaidschan AySel Arash "Always" 207
4 Türkei Hadise "Düm tek tek" 177
5 Großbritannien Jade Ewen "My Time" 173
6 Estland Urban Symphony "Rändajad" 129
7 Griechenland Sakis Rouvas "This Is Our Night" 120
8 Frankreich Patricia Kaas "Et s'il fallait le faire" 107
9 Bosnien-Herzegowina Regina "Bistra Voda" 106
10 Armenien Inga Anush "Jan Jan" 92
11 Russland Anastasija Prichodko "Mamo" 91
12 Ukraine Svetlana Loboda "Be My Valentine" 76
13 Dänemark Brinck "Believe Again" 74
14 Moldau Nelly Ciobanu "Hora Din Moldova" 69
15 Portugal Flor-de-Lis "Todas As Ruas Do Amor" 57
16 Israel Noa Mira Awad "There Must Be Another Way" 53
17 Albanien Kejsi Tola "Carry Me In Your Dreams" 48
18 Kroatien Igor Cukrov feat. Andrea "Lijepa Tena" 45
19 Rumänien Elena "The Balkan Girls" 40
20 Deutschland Alex Swings, Oscar Sings! "Miss Kiss Kiss Bang" 35
21 Schweden Malena Ernman "La voix" 33
22 Malta Chiara "What If We" 31
23 Litauen Sasha Son "Love" 23
24 Spanien Soraya "La noche es para mí" 23
25 Finnland Waldo's People "Lose Control" 22
Quelle: eurovision.ndr.de
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