Eurovision-Misere Lasst Raab ran!

Die deutsche Sängerin Gracia landete beim Eurovision Song Contest auf dem letzten Platz, der Katzenjammer ist groß. An der Grand-Prix-Misere von Kiew zeigt sich jedoch vor allem die Krise des deutschen Vorentscheids, den der NDR nun endlich in fähigere Hände legen sollte.
Von Jan Feddersen

Die ästhetische Entwicklung des Eurovision Song Contest von einem Einerlei staatstragender Töne zu einer offenen Konkurrenz verschiedenster musikalischer Geschmäcker begann 1996, nachdem Deutschlands Vertreter Leon, per Vorauswahl eigentlich fürs Finale in Oslo nominiert, zu Hause bleiben musste: Wegen der großen Teilnehmerzahl sortierten die einzelnen Länderjurys noch einmal aus, welche Songs geeignet schienen. Die Beiträge, die dabei am schlechtesten abschnitten, wurden gestrichen, so auch Leons "Blauer Planet". Die norwegischen Organisatoren protestierten, weil damit die Quote auf dem europäisch lukrativsten TV-Markt Deutschland von Beginn an verdorben war. Nach diesem Contest wurden die vier größten Eurovisionszahler Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien privilegiert: Sie durften, unabhängig vom Abschneiden, immer mitmachen.

In den Jahren danach wurden noch andere Zöpfe abgeschnitten - durchaus zum Missfallen von Grand-Prix-Puristen, die sich unter diesem Signum eine erhaben-hymnische Schlagergeschichte versprachen und keine Pop-Show. Storniert wurde die Pflicht, in den Landessprachen singen zu müssen - gerade kleinere Länder wie Estland, Finnland oder Island hatten darunter gelitten, nicht auf das Englische, die lingua franca der modernen Unterhaltungsmusik, zurückgreifen zu dürfen. Diese Regel trat 1999 in Kraft. Zudem wurden die Länderjurys abgeschafft - anonyme Damen und Herren, die je nach meist abseitigem Geschmack für gut oder schlecht befanden, wie es ihnen behagte - manchmal bewegten sie sich auch ganz vorsätzlich abseits von Trends und Zeitgeist. Seitdem ist es das Televoting, das entscheidet: "Die Bevölkerungen entscheiden selbst, wen sie am besten finden", so Ukraines Revolutionspräsident Viktor Juschenko am vergangenen Samstag.

Diese Entwicklung - von NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer knallhart durchgesetzt - ging gerade in Deutschland nicht ohne Geschrei vonstatten: Schlagerbarden wie Ingrid Peters, Nicole, Cindy & Bert, Ireen Sheer, Roberto Blanco oder Bernhard Brink sahen ihre Pfründe bedroht. Doch gerade der Protest der Abgehalfterten machte, List der Vernunft, die Renovierung des Wettbewerbs in Deutschland erst möglich. Meier-Beer hatte 1995 das Projekt Grand Prix übernommen, nachdem der MDR einen Song der Gruppe Stone & Stone ins Rennen geschickt hatte - und nur einen einzigen Punkt (von Malta) erhielt. Bundeskanzler Helmut Kohl soll damals geäußert haben, er schäme sich, habe denn Deutschland keine schöneren Lieder? Meier-Beer setzte in den folgenden Jahren auf Medienprofis wie Guildo Horn, Stefan Raab oder Michelle - und ermöglichte aufgehenden Sternchen wie Rosenstolz eine Plattform, die ihnen MDR oder Bayerischer Rundfunk Jahre zuvor verwehrt hatten.

Trotzdem konnte das deutsche Format von Meier-Beers Gnaden sich nie vom Ruch befreien, eine popmusikalisch eher auf Krawall, denn auf nachhaltige Förderung von Nachwuchs setzende Show zu sein: Acts wie jene von Rudolf Moshammer und dem "Big Brother"-Viertelstunden-Promi Zlatko oder Skandale um Talentchen, die sich eher auf halbpornografische Auftritte als auf ernsthafte Musik konzentrierten, machten der Musikindustrie schwer zu schaffen. Einerseits befand man sich seit Anfang 2000 selbst in der Umsatzkrise-Krise, andererseits wollte man zum Grand-Prix-Vorentscheid nicht die unpolierten Juwelen schicken, denen man mehr zutraute als eine Eurovisionskrone: Wir sind Helden, Juli, Silbermond, Fettes Brot oder Annette Louisan. Sie alle hätten gewollt, wenn man sie gelockt hätte - aber sie wurden als zu newcomerhaft abgelehnt.


Von Nachteil für die Musikindustrie war auch, dass der NDR verstärkt auf die Boulevardkraft der "Bild"-Zeitung setzte. Statt um Musik ging es oft nur um Krawall: Kleine Skandale waren willkommen, größere Skandale galten sogar als quotenfördernd. Nur Stefan Raab machte dabei nicht mit. Schon vor fünf Jahren, bei seiner eigenen Eurovisionsteilnahme in Stockholm, hatte er jeden Kontakt zum größten Revolverblatt der Republik rabiat verweigert - und wusste, nachdem dies gelang, dass man in Deutschland auch ohne dieses Medium leben kann. Mehr noch: Man konnte Quote machen, ohne ein gutes Image zu verlieren.

Voriges Jahr schließlich wurde spürbar, wie fadenscheinig das Eurovision-Konzept des NDR geworden war: Raab hatte durch eine eigene, inzwischen Grimme-Preis-gekürte Castingshow ein Talent ausgegraben, das den Grand-Prix-Vorentscheid mit Abstand gewann. Max Mutzke belegte mit seinem "Can't Wait Until Tonight" in Istanbul allerdings nur den für ihn wie für Raab enttäuschenden achten Platz. Raab nahm dies als Zeichen, das Grand-Prix-Format zu kopieren, aber in nationalen Grenzen zu halten.

Im Februar lancierte er seine Version in Oberhausen: Der "Bundesvision Song Contest" brachte 16 Acts auf die Bühne, die für je ein Bundesland spielten - und ließ von Schleswig-Holstein bis Baden-Württemberg über sie abstimmen, als sei die Republik die ganze Eurovisionswelt. Die Quote war für die allererste ProSieben-Samstagsshow hervorragend - aber mit gut drei Millionen Zuschauern auch nicht überragend, gemessen an der ARD-Konkurrenz. Doch die Musikindustrie erkannte in Raabs Format die bessere Abspielstätte für junge Künstler. Obendrein hatte der NDR Reinhold Beckmann als Moderator des Vorentscheids verpflichtet, der seine Sache so indigniert-desinteressiert machte, dass es die Zuschauer scharenweise aus der Show trieb: Man hatte plötzlich einen Mann als Conférencier, der sich ein bisschen für seinen Job zu schämen schien. Ein Publikumskiller.

Raab aber wiederholte eigentlich nur, was 1963 schon einmal vollzogen worden war: Damals zog sich die Musikindustrie, auf Schlager abonniert, aus dem Grand Prix zurück - und schickte seine Besten nur noch zu den Deutschen Schlagerfestspielen. Das alte Geschäftscredo im Pop kam damals auch schon zum Tragen: Was interessiert mich die Welt, wenn mein heimischer Markt genug Tantiemen abwirft? Das ist, historisch gesehen, auch der Grund, weshalb die Deutschen es nie schafften, ihre Popstars zur Eurovisions-Teilnahme zu bewegen. Hochkaräter wie Westernhagen, Grönemeyer, Nena, Die Fantastischen Vier, die Ärzte oder Youngster wie Sido, Fettes Brot oder Juli sind im Ausland so unbekannt wie man nur sein kann. Deutsche Popmusik, so hieß es in Kiew von BBC-Journalisten, sei abgesehen von Kraftwerk, Modern Talking, Rammstein oder den Scorpions einfach nicht exportfähig.

Zweifelhaft bleibt obendrein, ob jüngere Pop-Künstler beim ARD-Publikum reüssieren würden: Ein Sender, der gewöhnlich Moderatoren wie Frank Elstner, Jörg Pilawa oder Florian Silbereisen im Angebot hat, der mit televisionären Festen der Volksmusik konkurrenzlos ist im Marktsegment oberhalb der Fünfzig, kann solchen zeitgenössischen Pop-Formen nichts bieten. Im Zweifelsfall siegte im Vorentscheid also immer der seit Nicoles "Ein bisschen Frieden" (1982) kommerziell erfolglose Ralph Siegel. Da er das ARD-Publikum repräsentiert, kann Stefan Raab umso glaubwürdiger für den Jugendsender ProSieben die jüngeren Pop-Talente akquirieren.

Die Aufspaltung der Märkte in Deutschland stellt für den Fortbestand des Eurovision Song Contests eine große Gefahr dar: Weil neben Deutschland auch Großbritannien, Frankreich und Spanien stets für das Finale gesetzt sind, muss man sich eben auch keine rechte Mühe geben. Alle dieser großen nationalen Märkte funktionieren autonom. Wenn aber eines dieser Länder sich aus dem Eurovisionsspektakel zurückzieht, ist sofort die ganze Show gefährdet. Die vier größten Zahler finanzieren insgeheim auch immer die Ambitionen kleinerer Länder wie Moldawien, Litauen oder Malta mit.

Meier-Beers gestern verkündete Demission, Gracias letzter Platz und Stefan Raabs unangefochtene Stellung als alternativer Contest-Meister verdecken nur einen Umstand: Die ARD-Unterhaltung ist, was ihre Kompetenz für die Zukunft angeht, so tot, wie eine TV-Leiche nur sein kann. Man setzt auf gediegene Schonkost, auf das Ressentiment gegen Ausländisches und auf Moderatoren, die wie Gute-Nacht-Onkel wirken.

Dabei liegt vor dem Eurovision Song Contest eine viel versprechende Zukunft: Ob er wirklich so kriselt, wie vielfach behauptet wird, weiß keiner so genau. Es fragt ja auch nach einer schlechten Bundesligasaison niemand, ob man das Fußballspielen jetzt einstellen muss. 1955 wurde der Grand Prix aus der Taufe gehoben - nicht als europäisches Initiationsprojekt unterhalb diplomatischer Ebenen, sondern als öffentliche Schaltprobe unsicherer internationaler Telefonnetze. In Kiew haben nun 39 Länder teilgenommen - und es könnten bald noch viel mehr werden. Die Eurovision selbst ist territorial nicht mit dem alten Kontinent identisch - sondern ein Netzwerk von TV-Stationen, zu dem auch solche aus nordafrikanischen oder nahöstlichen Ländern gehören. Libanon wollte dieses Jahr auch schon dabei sein - wurde jedoch disqualifiziert, weil man partout den israelischen Song nicht übertragen wollte.

Aber das sind temporäre Macken. Auch die Türkei und Griechenland saßen beinahe Händchen haltend bei Eurovisionsfestivals beisammen und schlossen Frieden, ehe Ankara und Athen politisch miteinander ins Benehmen kamen. Dieses Jahr gab die Türkei gar der griechischen Siegerin Elena die vollen zwölf Punkte: ein Friedensschluss auf Pop-Ebene. Israel wird nicht ausgeschlossen - das ist den arabischen Ländern auch klar. Sie werden mit dem Land leben müssen, im echten Leben und im Pop sowieso.

Ob die ARD begreift, welches kulturelle Pfund sie in der Hand hält, welches europäische Juwel sie weiter polieren müsste, ist offen. Möglicherweise wäre eine Lösung die Beste: Man überträgt weiter den internationalen Song Contest - und betraut Stefan Raab mit der deutschen Vorentscheidung. Dass er das kann, wird in keinem Mikromilieu der TV- oder der Musikbranche in Zweifel gezogen.

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