Eurovision Song Contest 2008 Moldawien? Twelve Points!

Musiker und Fans sind sauer wegen des Ostblock-Votings beim Eurovision Song Contest. In diesem Jahr droht der Kalte Krieg der Pop-Gladiatoren zu eskalieren. Dabei kaschiert die Aufregung über Punkteschieberei nur eines: Den arroganten Westländern fehlt es an Geschäftssinn.
Von Irving Wolther

Erinnern Sie sich noch an den Eurovision Song Contest 2007 in Helsinki? Das Ereignis, das sich als "Offensive der Ost-Mafia" ins Bewusstsein der Fernsehzuschauer zwischen Lappland und Lissabon gebrannt hat? Kein einziger West-Qualifikant hatte damals den Sprung vom Halbfinale in die Samstagsveranstaltung geschafft.


Den wenigen westeuropäischen Ländern, die durch glückliche Plazierung im Vorjahr gesetzt waren, wurde beim Finale der Garaus gemacht. Gastgeber Finnland kam mit 53 Punkten und Rang 17 noch am glimpflichsten davon. Deutschland landete weit im Abseits, auf Platz 19, aber zumindest noch vor seinen großen Verbündeten im musikalischen Elend, Frankreich, England und Spanien.

Sofort waren die üblichen Betroffenen zur Stelle, um in diversen Blut- und Busenblättern ihre Empörung in die Welt hinauszuschreien. Grand-Prix-Siegerin Nicole forderte unseren endgültigen Rückzug aus dem Wettbewerb, Deutschlands Rockgewissen Heinz-Rudolf Kunze wetterte über Seilschaften. Ralph-Siegel-Eintagsprodukt Lou verlangte gar, für Westeuropa den guten alten Grand Prix wieder ins Leben zu rufen und den Eurovision Song Contest gnädig dem Osten zu überlassen.

Denn in einem waren sich alle einig: So ein Ergebnis könne nur auf freche Punkteschiebereien zurückzuführen sein. Und wenn hier jemand im Verdacht steht, die Regeln des demokratischsten aller Musikwettbewerbe schamlos zu verletzen, dann ja wohl die rechts vom Eisernen Vorhang.

Eine Argumentation, die Tomislav Šaban wütend macht: "Europa ist viel größer und liegt viel weiter östlich, als die Leute in Westeuropa denken", meint der Generalsekretär des kroatischen Komponistenverbandes HDS. "In Osteuropa leben sehr viele Menschen auf sehr großem Gebiet, und die einzelnen Subregionen sind kulturell, geschichtlich, sozial und auch musikalisch völlig unterschiedlich. Bei uns auf dem Balkan gibt es eine eigene Popmusiktradition, während sich in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine ganz andere Musik entwickelt hat", erklärt Šaban.

Die baltischen Länder tendierten dagegen stärker nach Nordeuropa. Tatsächlich stammten im letzten Jahr die einzigen drei "osteuropäischen" Punkte für den deutschen Teilnehmer Roger Cicero aus Estland.

Für Dominique Mayr, Student an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, ist das keineswegs überraschend. Er arbeitet an einem Forschungsprojekt über das sogenannte Block-Voting. "Wir untersuchen, inwiefern die Vorlieben und Abneigungen einzelner Länder regionale Ähnlichkeiten aufweisen", erläutert der 24-Jährige.

So zeigen die Wertungsprofile von Estland, Lettland und Litauen deutliche Parallelen: Es werden nicht nur die gleichen Länder bevorzugt, sondern auch die gleichen Länder geschnitten, wenn es um die sprichwörtlichen "12 Points" geht. Die baltischen Präferenzen gehen aber auch mit denen der Skandinavier konform. Mit den ehemaligen Sowjetrepubliken Russland und Ukraine hingegen verbindet Estland und Co. geschmacklich so gut wie nichts.

Selbst wo eher selten zwölf Punkte hin- und herwandern, zeigen sich verblüffend ähnliche Geschmacksmuster. Schon zu Juryzeiten gab es zwischen Deutschland und Österreich einen unerwarteten Wertungskonsens: In mehr als 43 Prozent der Fälle waren die Vorlieben der Nachbarn gleich geartet. Seit Einführung des Televotings stimmen die beiden Länder sogar in über 55 Prozent ähnlich ab – nur eben nicht unbedingt füreinander.

Regionale Geschmacksinseln in einer globalisierten Welt? Musiksoziologe Andreas Gebesmair kennt dieses Paradoxon: "Während das lokal verfügbare Nischenangebot in den unterschiedlichsten Regionen der Welt immer ähnlicher wird, scheint sich der Mainstream regional auszudifferenzieren", schreibt der Österreicher in seinem neuesten Buch.*

Wo der Austausch von Mainstream-Repertoire im Westen an sprachliche und kulturelle Barrieren stößt, erweist sich der slawische Raum als deutlich durchlässiger. Für Kroatien als führendes Musikexportland ein wichtiger Wettbewerbsvorteil: "In den letzten Jahren haben wir viel Musik nach Tschechien, Polen, Russland und auch in die Slowakei verkauft. Viele alte Werke kroatischer Rockgruppen aus den achtziger Jahren werden dort mit neuen Texten gecovert", sagt Tomislav Šaban. Die Verwandtschaft der slawischen Sprachen erleichtere die Adaption.

ESC-Gewinner: Konkurrenz zu einheimischen Musikern

Aber auch aktuelle Künstler aus Kroatien erfreuten sich im angrenzenden Ausland großer Beliebtheit. Im Gegenzug drängten zunehmend Folk-Titel aus dem Ostbalkan auf den kroatischen Markt, in die Clubs und in die Privatradios.

Im Westen allerdings will man von osteuropäischer Musik nichts wissen. Selbst die Siegerin des letzten Eurovision Song Contests, Marija Šerifovi, konnte ihren Titel "Molitva" nur mit Mühe veröffentlichen. In Deutschland weigerten sich sämtliche Major Companies, den serbischen Titel in ihr Programm aufzunehmen.

In Schweden ätzte die Tageszeitung Ekspressen nach dem Wettbewerb: "Der Flop – Keine Plattenfirma will ESC-Gewinnerin Marija". Dabei war der Titel gerade durch die Zahl der Internet-Downloads auf Platz 9 der schwedischen Hitparade geschnellt – höher hatten es selbst die finnischen Monsterrocker Lordi nicht geschafft. Nur durch den Einsatz des Independent-Labels Highball Music aus Hamburg wurde die serbische Silberscheibe doch noch gepresst.

Auch Magdi Rúsza, die mit ihrem "Unsubstantial Blues" vor allem in den Traditionsländern des Wettbewerbs gepunktet hatte, blieb außerhalb Ungarns unbeachtet. Alle Versuche, die stimmgewaltige Sängerin in Westeuropa unterzubringen, scheiterten bereits im Ansatz.

Schnappis und Schnuffels

Ádám Bérczes von der ungarischen Plattenfirma CLS Records vermutet dahinter Branchenprotektionismus: "Warum sollten die westlichen Plattenfirmen Ostkünstlern eine Chance geben? Sie würden ihren eigenen lokalen Acts doch nur Konkurrenz machen."

Vor allem in Deutschland scheint man für Ostmusik wenig empfänglich. Selbst der Nummer-Eins-Hit "Dragostea din tei" der moldawischen Boygroup O-Zone musste erst die Charts in halb Europa erobern, bevor er endlich auch bei uns veröffentlicht wurde.

Nun muss "Ma-ia-hii, ma-ia-hoo" nicht jedem als Bereicherung deutscher Populärkultur gefallen. Doch im Musikbusiness geht es in erster Linie um Umsatz. Und wo Schnappis und Schnuffels die Charts anführen, sollte man besser nicht mit Kulturkritik argumentieren.

In Südafrika jedenfalls hat man das osteuropäische Repertoire längst für den heimischen Markt entdeckt. Mit neuen Texten auf Afrikaans nehmen gegenwärtig zwei ehemalige Eurovisionsbeiträge aus der Ukraine und Mazedonien (Pardon: FYROM) Kurs auf Goldene Schallplatten. Weitere Veröffentlichungen osteuropäischer Titel sind in Vorbereitung.

Ob es sich die westeuropäische Musikindustrie angesichts des anhaltenden Abwärtstrends leisten kann, das kreative Potential im Osten auf Dauer zu verschenken? Und wird sie auch dieses Jahr im negativen Sinne punkten - mit einer missstimmigen Mischung aus Ignoranz und Arroganz?


*Andreas Gebesmair: "Die Fabrikation globaler Vielfalt. Struktur und Logik der transnationalen Popmusikindustrie", Transcript, 376 Seiten, 28,90 Euro

Erstes Halbfinale, heute Abend, 21.00 Uhr, NDR; zweites Halbfinale am 23. Mai, 0.45 Uhr, NDR.

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