Eurovision Song Contest 2008 Russland gewinnt - No Angels, no Punkte

Ein Schlittschuhläufer, ein manischer Violinist, ein Balladen-Schluchzer: Diese drei machten für Russland das Rennen. Glückwunschskaja! Deutschland: Schlappe mit schlappen 14 Punkten.

Von Daniel Haas


+++ Russland ist Sieger! Cool! Wegen des Eises! Werden ganz neue Saiten aufgezogen im Popgeschäft. Ich sage nur: Stradivari!

+++ Deutschland: No Angels, no Punkte (fast).



+++ Russland an der Spitze. Medwedew und Putin killen eine Flasche Wodka: "Hey, und diesmal mussten wir noch nichtmal die Medien gleichschalten!"

+++ Dänen nutzt das auch nichts mehr, die paar Punkte.

+++ Deutschland erhält 12 Ehren-Punkte von Bulgarien.

+++ Gyros für alle! Griechenland an der Spitze!

+++ Russland wird für die umfassende Wahrung von Menschenrechten und Meinungsfreiheit mit der Chartspitze geehrt.

+++ Deutschland spendiert der Türkei einen Zehner und manövriert Griechenland an die Spitze mit zwölf Punkten.

+++ London calling: Griechenland, voll auf die Zwölf.

+++ Der Modemacher Jean-Paul Gaultier ist Ehrengast der Veranstaltung. Der hat sicher guten Stoff dabei (wie soll man das sonst durchstehen?).

+++ Schnarz!

++++ Gniedelgniedelgniedel!

+++ Tröööööt!

+++ Vor der Abstimmung noch schnell ein Nümmerchen, ein folkloristisches. Es trötet und gniedelt. Die Frauen haben was am Kopf. So rote Bommeln. So schaut sie also aus, die Zukunft der EU. Schräg und sympathisch.

+++ Der Schnelldurchlauf. Alle haben Wind bekommen. Von was? Von der Windmaschine natürlich. Ansonsten dominierte: der in die Luft gerissene Showarm (im folgenden Reißarm genannt), die schwarze sichtdichte Bühnenbrille. Was ein Glück, dass die georgischen Jungs in den Zwangsjacken die blinde Sängerin nicht umgehauen haben.



+++ Ein serbischer Basketball-Star ballert rum. Also, er wirft einen Ball ins Publikum. Ein schöner Brauch, dessen Bedeutung sich uns allerdings erst in einem anderen Leben erschließen wird.

+++ Atomares Glühen in der Deko. Maria! Maria aus Norwegen singt "Hold On Be Strong". Blond und gesond.

+++ Die Russen geigen uns eins. Ein Violinist schrottet vorsätzlich seine Stradivari (hat NDR-Moderator Peter Urban extra gesagt: "Der Violonist hat eine echte Stradivari!"). Dazu ein Eiskunstläufer im Pirouetten-Rausch. Wie man eiskalt Trash serviert. (Wenn der Typ mit den Schlittschuhen dem Sänger über die nackten Füße fährt, würde das den Gesang wesentlich verändern?)

+++ Kann kaum schreiben, seh die Buchstaben nicht mehr, alles voller Tränen. Titelverteidiger Serbien mit dem Song "Oro". Gepflegte Schwimmhallen-Ästhetik. Familienaufstellungs-Choreographie. Schnüff.

+++ "Baila El Chiki Chiki" von Rodolfo Chikilicuatre. Teletubbies für Erwachsene.

+++ Die tragen schwer an ihrer Nummer, die Griechen. Müssen ja auch die Sängerin Kalomira über die Bühne hieven. Möchtegern-Madonna mit Sex-and-the-City-Fummel. Wenigtens mal ein Kleid auf der Bühne, zu dem der Nagellack der Moderatorin passt


+++ Aserbaidschan. Die Begleitband für die nächste Partysause von Max Mosley. Teuflisch.

+++ Der französische Interpret Sébastien Tellier erscheint mit einem Golfwägelchen. Wo ist die Bruni, wenn man sie braucht.

+++ Ani Lorak. Nein, nicht Anorak. Der Song heißt "Shady Lady". Das wird knapp. Das Kleidchen. Wenn sie sich bewegt. Stripclub-Ästhetik. Ausgezogen um zu siegen. Irgendwie.

+++ Georgien. Sängerin mit Schwimmbrille für Blinde. Dazu Billy Idol im Ausruckstanzfieber. Oder mit Krämpfen. Oder beides.

+++ Schweden. "Hero" heißt der Song. Heldenhaft auch das Publikum, das gute Miene macht zum drögen Spiel.

+++ Pirates of the Sea singen "Wolves of the Sea". Die Village People finanzieren mit Hartz IV ihre erste Platte. Oder: DJ Blobo schmeißt LSD und castet im Alleingang eine Vorgruppe für seine Zeitreise in die Achtziger.

+++ Hat richtig Puste, die Portugiesin - und damit ist nicht die Windmaschine gemeint. Schöne Ballade, ans Statische grenzende Minimalchoreographie bei den Begleitern. Angenehm.

+++ Mor Ve Ötesi aus der Türkei mit Deli. Da sieht das Publikum schwarz. Schwarz gefärbte Haare (Sänger). Hüpfende Gitarrenenthusiasten.

+++ Islands Euroband. Der gute alte Beckham-Iro. Das knapp sitzende Cruising-Shirt für den sportlichen Darkroom-Abend. Die Sängerin erinnert an Jenny Elvers, im Porno-Dindl. "This Is My Life. I don't want to change a thing." Wer dies von sich sagen kann ...

+++ Polen hat Donatella Versace verpflichtet. Moment, ist sie gar nicht? Es gibt vier Streicherinnen in weißen Hochzeitskleidern. Sag ja zur Fiedel. Und die Showhand, nach rechts geworfen. Zähne so weiß, wie - Hochzeitskleider. Ah, verstehe!

+++ Kraljevi Ulice aus Kroatien. 75 Cent heißt der 75-jährige Sänger Ladislav Demeterffy. Alter, so geht Folklore!

+++ "Missä Miehet Ratsastaa" - sagen Sie das mal rückwärts! Dann haben Sie das schwäbische Wort für Satanismus. Na ja, fast. Die Band heißt Teräsbetoni, zu Deutsch Stahlbeton. Hart muss man auch sein für den Song - hart im Nehmen.

+++ "The Fire in Your Eyes" von Boaz aus Israel. Hebräisch und englisch gesungen, diese schöne, mit orientalischer Folkore durchsetzte Pop-Ballade. Lichtblick des guten Geschmacks.

+++ Bosnien-Herzegowina mit Kasperletheater. Man steckt halt nicht drin. In den Kostümen. Was ein Glück.

+++ Sirusho aus Albanien. Was liegt denn da auf der Bühne rum? Ach so, sind die Tänzer. Wabernde Licht-Spermatozoen. Neckisches Kopf-in-und-her-Geschmeiße. Die jungen Leute halt.

+++ Unsere Mädels, die No Angels. Komplett umnebelt (Trockeneis). Stretch-Choreographie, dezente Puff-Lightshow-Animation. Uuh, der angespannt-dramatische Handkantengriff an die Stirn - unschlagbar seit 1970.

+++ Die albanische Sängerin Olta Boka reckt die Hand nach rechts, als wollte sie abbiegen. Vom Rücken wedelt ihr so ein Ding, so eine, also, was ist das eigentllich? Und der Song: Traurig. Im Sinne von: Trauer zum Ausdruck bringend.

+++ Es folgt: gut abgehangener Discosoul im Achziger-Stil aus England. Interpret Andy Abraham war total blau - anzugtechnisch gesehen.

++++ Auftakt: Nico und Vlad für Rumänien. Rückkehr des Tremolos im großen Stil.

+++ Krasse Outfits, fieser Sound, kuriose Folklore: Der Eurovision Song Contest ist das Waterloo des guten Geschmacks - abba auch der Gipfel quietschvergnügten Pop-Vergnügens. Gleich alle Acts - live kommentiert.

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