Soundcheck Wer siegt beim ESC?

Setzt sich Top-Favorit Schweden durch? Schafft Ann Sophie für Deutschland eine Sensation? Um 21 Uhr startet das Finale des Eurovision Song Contest 2015. Wir wagen die Prognose.
Bühnenbild in der Wiener Stadthalle für den Eurovision Song Contest (beim zweiten Halbfinale)

Bühnenbild in der Wiener Stadthalle für den Eurovision Song Contest (beim zweiten Halbfinale)

Foto: LEONHARD FOEGER/ REUTERS

Zum 60. Mal messen sich die Sänger Europas beim Eurovision Song Contest. Dank Conchita Wurst diesmal in der österreichischen Hauptstadt Wien. Jeweils zehn Songs haben die beiden Halbfinals überstanden, sieben Gesetzte treten am Samstagabend erstmals auf die Bühne der Wiener Stadthalle, darunter Deutschlands Vertreterin Ann Sophie sowie erstmals Australien. Die TV-Zuschauer aus 40 Ländern dürfen den Sieger mitbestimmen. Lesen Sie hier unsere Einschätzung, wer gewinnen könnte - subjektiv und fehlbar, wie immer.

Startnummer 01: Slowenien

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Maraaya: "Here for You" (Halbfinalvideo hier )

Eine Lehrstunde in Aufmerksamkeitsökonomie: Wie schafft man es, dass sich das abstimmende Publikum auch nach zwei Stunden mit 26 anderen Monstrositäten noch an den ersten Beitrag erinnert? Indem man der Sängerin Marjetka und ihrem klavierspielenden Ehemann Raay ohne weiteren Zweck zwei riesige Kopfhörer aufsetzt. Möge es dem sehr zeitgemäßen Retro-Soul-Song der beiden behilflich sein - dass dann auch noch eine Luftgeigerin dazukommt, ist vielleicht der eine Gimmick zu viel.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 4/10

Startnummer 02: Frankreich

Foto: Nathalie Guyon/ France TV

Lisa Angell: "N'oubliez pas" (Vorabvideo hier )

Hinter dem Pseudonym des Hauptautors dieses Chansons, Moïse Albert, verbirgt sich Robert Goldman, jüngerer Bruder des französischen Superstars Jean-Jacques Goldman und selbst einer der namhaftesten Songschreiber des Landes. So war er auch an "Je n'ai que mon âme" beteiligt, mit Platz vier der erfolgreichste französische ESC-Beitrag der letzten 20 Jahre. Die diesjährige Ballade ist ähnlich dramatisch aufgebaut, nur dass es nicht um das Seelenheil einer Einzelnen geht, sondern um die Wunden, die der Krieg in einem Dorf hinterlassen hat. Ein Aufruf, zu verzeihen, aber nie zu vergessen. Kompetent gesungen von der 46-jährigen Südfranzösin Angell, sollte einen Mittelplatz erreichen.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 3/10

Startnummer 03: Israel

Foto: Georg Hochmuth/ dpa

Nadav Guedj: "Golden Boy" (Halbfinalvideo hier )

Ein abrupter Stimmungswechsel - aber in dem Lied sind ja auch zahlreiche: Der 16-jährige Goldjunge beklagt sich bei Mama, verfällt in eine Justin-Timberlake-Strophe, zählt "3,2,1" eine Kibbuz-Schunkel-Melodie ein, mit Tanzbeats dazu, Top-Reimen für Trash-Liebhaber ("And before I leave / Let me show you Tel Aviv") und einen hübschen Meta-Gag für die eisenharten ESC-Fans zum Schluss. So berechnet die Komposition, so mitreißend und begeisternd der Auftritt, der in seinem Halbfinale in der Halle bejubelt wurde wie kaum ein anderer. Wird's aber bei den Jurys schwer haben.

Sympathiepunkte: 8/10
Siegchancen: 5/10

Startnummer 04: Estland

Foto: Georg Hochmuth/ dpa

Elina Born & Stig Rästa: "Goodbye to Yesterday" (Halbfinalvideo hier )

Der ausgemachte Favorit in Musikkennerkreisen: Wann lässt ein ESC-Beitrag schon mal an britische Retro-Pop-Preziosen wie My Life Story oder Richard Hawley denken? Dafür ist der stilsichere Herr Rästa verantwortlich, seine Duettpartnerin Elina Born bringt noch eine gewisse Soul-Atmosphäre hinzu. Auch die Bühneninszenierung, eine Trennung als Schattenspiel, hat viel Klasse. Aber verträgt sich Klasse mit Eurovisions-Erfolgen? Das Abschneiden der Common Linnets für die Niederlande 2014 könnte hoffen lassen, in den Wettquoten ging's zuletzt aber raus aus den Top Five: ungünstiger Startplatz. Dennoch: ein Lied, das bleiben wird.

Sympathiepunkte: 9/10
Siegchancen: 6/10

Startnummer 05: Großbritannien

Foto: BBC/ Sarah Dunn

Electro Velvet: "Still in Love with You" (Vorabvideo hier )

Derzeit ist Electro-Swing wieder hoch in den deutschen Charts vertreten, dank Parov Stelar aus Österreich. Dennoch überrascht es, dass die Briten es mit dem Stilgemisch aus alt klingenden Melodien und elektronischen Beats versuchen, denn hier war Deutschland dem Pop-Mutterland mal voraus und musste 2009 mit Alex Swings, Oscar Sings! erfahren: Beim ESC läuft das nicht, nicht mal mit Dita von Teese. An deren Stelle haben Electro Velvet eigentlich nur Anflüge britischen Humors zu bieten. Bei den Buchmachern sind die beiden Favoriten: für den letzten Platz.

Sympathiepunkte: 3/10
Siegchancen: 1/10

Startnummer 06: Armenien

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Genealogy: "Face the Shadow" (Halbfinalvideo hier )

Aus Frankreich, den USA, Australien, Äthiopien, Japan und aus Armenien selbst kommen die armenischstämmigen Sänger, die sich zusammengefunden haben, um an den Völkermord an ihren Landsleuten vor hundert Jahren zu erinnern. "Don't deny" singen sie, "Leugnet nicht" also. Dass es dem armenischen Team gelungen ist, aus dem sehr pathetischen, schwergängigen Lied einen Auftritt zu formen, der es ins Finale geschafft hat, ist eine Leistung. Allerdings scheinen Lieder mit Message in Europa gerade gut anzukommen.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 2/10

Startnummer 07: Litauen

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Monika Linkyte & Vaidas Baumila: "This Time" (Halbfinalvideo hier )

Bitte küssen Sie sich jetzt: Auch Litauen setzt auf einen Gimmick - sie haben "das Lied mit dem Kuss", wobei sich nicht nur die zum Paar zusammengecasteten Solokünstler Vaidas und Monika küssen, sondern auch die zwei Männer und zwei Frauen vom Hintergrundgesang. Wenn's denn in Russland oder Irland provoziert - prima! Ansonsten ist die Geste so leichtgewichtig wie das gutgelaunte Liebeslied der beiden.

Sympathiepunkte: 3/10
Siegchancen: 3/10

Startnummer 08: Serbien

Foto: Nigel Treblin/ Getty Images

Bojana Stamenov: "Beauty Never Lies" (Halbfinalvideo hier )

Von Adele zu Beth Ditto in 180 Sekunden: Bojana, die Drama-Queen aus Belgrad, bringt das fertig, ohne mit der Wimper zu zucken. Ob als Ballade oder als Euro-Disco-Stampfer, ihre Message ("Finally I can say, yes, I'm different and it's okay") bringt sie mit dem größten Enthusiasmus vor, der in diesem Jahr auf der ESC-Bühne zu erleben war. Das hat nicht nur in der Halle gewirkt - Serbiens Auftritt war ein Höhepunkt für die Twitterer vor den Fernsehern. Ohne die Show mag man das Lied nicht unbedingt hören (bei Spotify und iTunes ist es im Hinterfeld), doch durch Bojanas Präsenz wird es einige Stimmen einsammeln, nicht nur aus Ex-Jugoslawien.

Sympathiepunkte: 8/10
Siegchancen: 5/10

Startnummer 09: Norwegen

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Mørland & Debrah Scarlett: "A Monster Like Me" (Halbfinalvideo hier )

Dieser Stimmungswechsel könnte den Norwegern guttun: Nach der knallbunten Show der Serben wird es nun ruhig und angespannt, wenn Kjetil Mørland von einer Untat singt, die er als Kind begangen hat. Seine Duettpartnerin Debrah Scarlett, die eigentlich Joanna D. Bussinger heißt und lange in der Schweiz lebte, hütet sich vor Generalvergebung und klingt auch eher streng. Ein Lied wie ein Ibsen-Drama, wie ein Film mit Liv Ullmann, oder doch zumindest wie eine a-ha-Ballade. Die Wertungen werden sich zwischen Nord- und Südeuropa deutlich unterscheiden.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 5/10

Startnummer 10: Schweden

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Måns Zelmerlöw: "Heroes" (Halbfinalvideo hier )

Was wäre Måns ohne seine Männchen? Die Frage kam auf beim Auftritt des schwedischen Top-Favoriten im zweiten Halbfinale. Die Interaktion mit den animierten Figuren war originell und hochprofessionell umgesetzt - aber es umgab sie ein Hauch von ungleichem Wettbewerb. Ein Indiz dafür, dass der knallige Schweden-Dance-Pop mit den vielen Oh-ho-hos auch für sich stehen kann, ist allerdings, dass "Heroes" mit riesigem Abstand der meistgehörte ESC-Finaltitel bei Spotify ist (über 15 Millionen mal gehört, als nächstes folgt Italien mit rund 2,5 Millionen Abspielungen). Gut, der Streamingdienst kommt aus Schweden und ist dort besonders weit verbreitet. Aber auch bei iTunes, wo Leute Geld bezahlen, um einen bestimmten Song hören zu können, steht "Heroes" in 15 wahlberechtigten Ländern unter den 50 meistverkauften Tracks. Die Chancen stehen also eindeutig sehr gut für Schweden - aber vielleicht zu gut? Es bleibt ein Bauchgefühl, dass der Auftritt zu vielleicht einen Tick zu selbstsicher daherkommt.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 8/10

Startnummer 11: Zypern

Foto: Georg Hochmuth/ dpa

John Karayiannis: "One Thing I Should Have Done" (Halbfinalvideo hier )

Simpel und effektvoll war der Halbfinalauftritt des 20-jährigen Giannis, der sich, ein bisschen poppiger, John nennt. Zunächst singt er sein freundliches Folk-Liedchen in Retro-Schwarz-Weiß, dann kommen die Farben und die Streicher dazu - bloß sein dunkler Anzug und die dickrandige Brille bleiben, aber die sind ja heute so modern wie in den Sechzigern. Platziert zwischen zwei der größten Vorab-Favoriten des Teilnehmerfeldes allerdings droht das etwas brave Liedchen, an dem ESC-Veteran Mike Connaris beteiligt war (Platz 5 2004 als Co-Autor von "Stronger Every Minute"), unterzugehen.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 2/10

Startnummer 12: Australien

Foto: Respective broadcasters

Guy Sebastian: "Tonight Again" (Vorabvideo hier )

Guy Sebastian ist in seiner Heimat die Sorte Star, die zwar immer in den Charts (fünf Nummer-eins-Hits seit 2003), aber selten in den Schlagzeilen zu finden ist. Ein netter Typ eben, dessen Musik der "Guardian" als "offensively inoffensive" beschreibt  - "auffällig unauffällig" ist zu schwach. "Beleidigend harmlos" ist sein Soul-Pop aber wohl nur, wenn man dauerhaft im Radio mit ihm beschallt wird. Ein Song zwischendurch, so wie beim Finale des Eurovision Song Contest, kann sogar durchaus ein bisschen Spaß machen - auf die Art, wie man mit dem Fuß wippt, wenn Bruno Mars irgendwo läuft, aber nie auf die Idee käme, ein Album von ihm zu kaufen. Dass das allerdings reicht, um beim ESC zum Favoritenkreis gezählt zu werden, ist etwas besorgniserregend. Schieben wir es auf den Debütanten-Bonus der Australier.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 6/10

Startnummer 13: Belgien

Foto: AP/dpa

Loïc Nottet: "Rhythm Inside" (Halbfinalvideo hier )

Da ist es, das gute Omen: Erst ein einziges Mal hat Belgien den Eurovisions-Wettbewerb gewonnen, 1986 war das, als Sandra Kim ihr "J'aime la vie" sang. Ihre Startnummer damals - die 13! Allerdings folgten dann nur noch sieben Lieder, während Loïc Nottet sogar noch in der ersten Hälfte des Teilnehmerfeldes ranmuss. Dennoch herrscht eine ziemliche Aufregung um den 19-Jährigen aus dem wallonischen Courcelles. Mit minimalistischem Beat und "Rap-pap-ba-dam"-Gesang liefert er einen der modernsten Auftritte des Jahrgangs 2015 ab. Wer Stromae oder Lorde mag, wird's lieben - und bei iTunes ist "Rhythm Inside" einer der wenigen Titel, die es sowohl in West- als auch in Osteuropa schon in die Liste der meistverkauften Songs geschafft haben, wie die Seite Esctracker.com  zusammenfasst. Schafft also nach Deutschland und Österreich ein weiteres "klassisches" Grand-Prix-Eurovision-Land den zweiten Triumph? Es scheint nicht unmöglich.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 9/10

Startnummer 14: Österreich

Foto: Thomas Ramstorfer

The Makemakes: "I Am Yours" (Vorabvideo hier )

Die noble Aufgabe, einen ordentlichen Platz für die Gastgeber herauszuholen, aber bloß nicht zu gewinnen, geht an eine Band aus dem Umland von Salzburg, die zuvor immerhin schon zwei Top-Ten-Hits in Österreich hatte. "I Am Yours" ist eine sehr solide, klavierbasierte Pop-Rock-Ballade, die sich an einer Stelle der Melodie von Coldplays "Scientist" annähert - ohne eine Plagiat zu sein. Frei von der gesellschaftlichen Relevanz, die Conchita Wurst zumindest für einen Moment beanspruchen konnte, klimpert der Song dahin und wird unterwegs genug Stimmen für einen Mittelplatz einsammeln.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 3/10

Startnummer 15: Griechenland

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Maria-Elena Kyriakou: "One Last Breath" (Halbfinalvideo hier )

Wie jedes Jahr liegt die politische Interpretation nahe beim griechischen Beitrag: Pfeifen sie aus dem letzten Loch? Immerhin konnten sie die makellose Qualifikationsbilanz beim ESC tatsächlich aufrechterhalten: Auch mit diesem Piano-Klimpern, das sich recht überraschungslos zur Power-Ballade aufbäumt, kamen sie ins Finale. Manchen erinnerte "One Last Breath" sogar an den vorjährigen Gewinnersong - doch allem Windmaschineneinsatz zum Trotz: Eine Conchita Wurst ist Maria-Elena Kyriakou nicht. Zwölf Punkte aus Zypern, nicht viel mehr.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 2/10

Startnummer 16: Montenegro

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Knez: "Adio" (Halbfinalvideo hier )

Die ganz großen Zeiten von Nenad Knezevic sind schon ein bisschen her, Mitte der Neunziger zählte er zu den Stars auf dem Balkan. Heute tritt er in der Entsprechung zu "Sing wie dein Star" auf, er dürfte bei der TV-Show in etwa die Rolle gehabt haben, die in der deutschen Fassung Michelle hatte. Dennoch ist er hier im Finale und singt mit großer Routine und fünf jungen Frauen im Background die einzige echte post-jugoslawische Ballade des Jahrgangs. Sie stammt vom Meister Zeljko Joksimovic, dessen Kompositionen schon dreimal unter die Top 3 kamen, aber es ist keine seiner Sternstunden.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 2/10

Startnummer 17: Deutschland

Foto: Rolf Klatt

Ann Sophie: "Black Smoke" (Vorabvideo hier )

Auch Deutschland nimmt in seinem ESC-Beitrag Bezug auf ehemals siegreiche Pakete: Die Musik von "Black Smoke" wurde von dem Berliner Produzententeam aufgenommen, das auch schon Lenas "Satellite" produzierte. Und in der Bühneninszenierung findet sich ein Hauch James Bond wieder - so wie auch bei "Rise Like A Phoenix". Doch der Knoten will nicht recht platzen im Verhältnis zwischen der durch Andreas Kümmerts Verzicht ins Finale gerutschten Sängerin und der Weltöffentlichkeit. Am Freitagabend rutschte Ann Sophie bei manchen Buchmachern sogar auf den letzten Platz der Rangliste für den Siegtipp. Die 24-Jährige kann also eigentlich nur noch positiv überraschen, ihr Song, von englischen Profis komponiert, gäbe es vielleicht her.

Sympathiepunkte: außer Konkurrenz, aus Deutschland nicht wählbar
Siegchancen: 2/10

Startnummer 18: Polen

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Monika Kuszynska: "In the Name of Love" (Halbfinalvideo hier )

Es ist die Phase der Außenseiter im Ablaufplan des ESC-Finales 2015, zumindest nach den Wettquoten. Polen mit einem Lied für den Teil des ESC-Publikums, der zu Herzen gehende Barbra-Streisand-Balladen schätzt. Dieser Song ist eigentlich einen Tick zu flott, aber seine etwas altbackene Melodik passt auf die Beschreibung - und das Schicksal der auf den Rollstuhl angewiesenen Sängerin rührt an. Erst recht, wenn, wie im Halbfinale, Filmaufnahmen von ihr vor dem Autounfall 2006 zu sehen sind. Ziemlich dick aufgetragen.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 2/10

Startnummer 19: Lettland

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Aminata: "Love Injected" (Halbfinalvideo hier )

Die 22 jährige Tochter einer lettischen Mutter und eines Vaters aus Burkina Faso ist eine der Aufsteigerinnen der ESC-Woche in Wien: Hatte ihre Electro-Ballade im Vorfeld noch als Kuriosität gegolten, von manchen Fans gar nervig gescholten, schaffte es die Sängerin und Songwriterin mit einem sehr konzentrierten und eindrucksvoll gesungenen Halbfinalauftritt sogar ins erweiterte Favoritenfeld. Wer Jessie Ware oder FKA Twigs mag, könnte bei Aminata ausnahmsweise sogar beim Song Contest eine neue Favoritin finden.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 5/10

Startnummer 20: Rumänien

Foto: DIETER NAGL/ AFP

Voltaj: "De la capat / All Over Again" (Halbfinalvideo hier )

In ihrer ersten Form schon 1982 gegründet, hat diese Band in Rumänien laut Wikipedia bisher neun Studioalben veröffentlicht. Beim ESC schaffen sie es tatsächlich, ein bisher zu wenig beachtetes Problem in die europäische Öffentlichkeit zu bringen: Das Schicksal der Kinder, die von ihren zum Arbeiten ausgewanderten Eltern zurückgelassen werden. Illustriert durch eindringliche Videowandbilder, engagiert und zweisprachig gesungen, mit Coldplay-Chören zum Schluss.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 3/10

Startnummer 21: Spanien

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Edurne: "Amanecer" (Vorabvideo hier )

Die erste von zwei Final-Kompositionen des schwedischen Ralph Siegel der Neuzeit, Thomas G:son, 2012 Autor von Loreens Siegertitel "Euphoria". Mit seinem spanischen Kompagnon Tony Sánchez-Ohlsson arbeitete G:son schon 2012 für Spanien zusammen, da kam immerhin Platz zehn heraus. Das könnte auch diesmal zu erreichen sein mit Edurne, einer seit 2006 im spanischen Musikgeschäft bekannten Sängerin, die sich in England unbeliebt machte, als sie Manchester im spanischen Fernsehen als hässlich beschrieb - dort arbeitet ihr Lebensgefährte, der ManU-Torwart David De Gea.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 5/10

Startnummer 22: Ungarn

Foto: Georg Hochmuth/ dpa

Boggie: "Wars for Nothing" (Halbfinalvideo hier )

Ein bisschen Frieden bietet die Ungarin Boglárka Csemer zumindest soundästhetisch, eingeklemmt zwischen zweimal ESC-Gewummse aus schwedischer Produktion. Die Sehnsucht nach Frieden auf der Welt bestimmt auch ihren Folksong, den sie in Arrangement und Kleidung sehr schlicht präsentierte. Schlichtweg langweilig, fanden manche Halbfinalzuschauer, aber immerhin: Es reichte fürs Finale. Dort wird die wohlfeile Aussage aber übertönt werden durch stärkere Reize.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 2/10

Startnummer 23: Georgien

Foto: Georg Hochmuth/ dpa

Nina Sublatti: "Warrior" (Halbfinalvideo hier )

Die Leder-Amazone aus Georgien hat zumindest schon mal den Kampf um den erfolgreichsten Song namens "Warrior" des Jahres gewonnen: Maltas Song mit gleichlautendem Songtitel schied im Halbfinale aus. Doch auch im Finale könnte die 20-Jährige der Konkurrenz einen Schrecken einjagen: Ihr Song, komponiert mit ESC-Veteran Thomas G:son, stampft verflixt eingängig daher, und die Georgierin singt, als sehe sie in dem Auftritt die Chance ihres Lebens.

Sympathiepunkte: 2/10
Siegchancen: 4/10

Startnummer 24: Aserbaidschan

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Elnur Hüseynov: "Hour of the Wolf" (Halbfinalvideo hier )

Aserbaidschan hat sich wieder einmal die andere Schweden-Connection eingekauft, die mit den etwas subtileren Songs. Mit Sandra Bjurman kam dabei 2011 ja schon einmal der Song-Contest-Sieg für den vorderasiatischen Ölstaat heraus. Diesmal hat Bjurman unter anderem mit dem Deutschen Nicolas Rebscher einen dramatischen Popsong geschrieben, der sich kunstvoll zu einem Refrain heraufhebt - und dann eher enttäuscht. Immerhin: Der Sänger, der schon 2008 bei Aserbaidschans ESC-Debüt dabei war, hat einen sehr glaubwürdigen Wolfsschrei drauf.

Sympathiepunkte: 2/10
Siegchancen: 5/10

Startnummer 25: Russland

Foto: AP/dpa

Polina Gagarina: "A Million Voices" (Halbfinalvideo hier )

"Praying for peace and healing / I hope we can start again" singt die Vertreterin des Landes, das in der Ukraine derzeit wirklich nicht als Friedensbringer gesehen wird. Man kann sich nicht so unbefangen freuen über den Enthusiasmus, mit dem Polina Gagarina ihr Lied singt - auf dem ganzen Diven-Spektrum von Rihanna bis Céline Dion unterwegs. Man hat Bauchschmerzen bei der Liebe zum Bombast, die vor allem dem Mittelteil anzuhören ist - dessen Mitklatschteil doch gemacht wäre für den Camp-Genuss. Aber ist der hier möglich? Die Entscheidung von Europas Anrufern könnte die 28-Jährige den möglichen Sieg kosten.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 8/10

Startnummer 26: Albanien

Foto: Georg Hochmuth/ dpa

Elhaida Dani: "I'm Alive" (Halbfinalvideo hier )

Respekt: Mit einem Song, der im Vorfeld an eine Evanescence-B-Seite erinnerte, muss man erst mal ins Finale kommen. Ziemlich atemlos, aber mit ganz hübschen Balkan-Beyoncé-Anklängen beeindruckte die ehemalige Siegerin der italienischen "The Voice"-Fassung Jurys und Zuschauer. Trotzdem wirft die Meldung, die uns am Freitagnachmittag erreichte, Rätsel auf: Danach sagt ein sogenanntes "Social-Media-Orakel" (der Adobe Digital Index) einen Sieg für Albanien beim Eurovision Song Contest voraus - aufgrund der Erwähnungen in verschiedenen sozialen Netzwerken. Ist das wirklich nur der Diskussionsbedarf der weitverzweigten albanischen Diaspora? Wir sind gespannt.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 4/10

Startnummer 27: Italien

Foto: Daniele Barraco

Il Volo: "Grande Amore" (Vorabvideo hier )

Und dann kommen zum Schluss die drei jungen, feschen Opernsänger aus Italien, die schon Erfolgsalben in der halben Welt hatten, und wenn sie nur in etwa so überwältigend singen, wie sie es zweifelsohne können, dann wird der ESC 2015 im letzten Lied des Wettbewerbs entschieden. Der Song "Grande Amore" findet nämlich den Mittelweg zwischen der Abgeschmacktheit, die Popsongs durch den Gesang derart überqualifizierter Sänger manchmal bekommen, und dem Nervfaktor, den für Pophörer allzu expressiv gesungene Opernarien haben. Es ist nicht innovativ, es rührt nicht mal so arg an, aber es funktioniert. Der dritte Sieg wäre es für Italien, nach Gigliola Cinquetti 1964 und Toto Cutugno 1990.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 9/10

Eurovision Song Contest


Eurovision Song Contest - das Finale: Samstag, 21 Uhr, ARD - oder im Livestream bei SPIEGEL ONLINE

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