ESC-Fieber in Australien Party um 5 Uhr morgens

Australien fiebert dem Eurovision Song Contest entgegen: Zum ersten Mal ist das Land bei dem Wettbewerb offiziell vertreten - und Sänger Guy Sebastian gilt sogar als Titelkandidat.

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Von , Sydney


Am Sonntagmorgen um kurz nach 4 Uhr wird bei Ruth Oldfield der Wecker klingeln. Sie wird in ein Kleid schlüpfen und noch vor Sonnenaufgang auf eine Party gehen. Denn auf diesen Tag hat sie seit Jahren gewartet: Zum ersten Mal wird ihr Heimatland Australien bei dem Wettbewerb mitmachen, den sie seit ihrer Kindheit liebt, dem Eurovision Song Contest.

Ruth Oldfield wird sich die Show auf einer Party der österreichischen Botschaft in Canberra anschauen. Die größte Fete des Landes steigt aber in Melbourne: Tausende Menschen werden am Sonntag ab 5 Uhr in der Früh zum Public Viewing auf dem Federation Square im Stadtzentrum erwartet. In anderen Orten öffnen die Kinos am frühen Morgen, um das Spektakel zu übertragen.

Die Australier sind seit Jahren Grand-Prix-verrückt. Im vergangenen Jahr schalteten 2,7 Millionen Fernsehzuschauer ein - das ist mehr als jeder zehnte Einwohner. In einem Land, in dem drei Viertel der Menschen von europäischen Einwanderern abstammen, ist das auch gar nicht verwunderlich.

Australien tritt mit einem Chartstürmer an

2015, zum 60-jährigen Bestehen der Eurovision, werden sie endlich für ihre jahrelange Begeisterung belohnt. Erstmals darf Australien einen eigenen Teilnehmer zum Wettbewerb nach Wien schicken. "Wir können die größte Party der Welt nicht ohne die Australier feiern", begründete die Eurovision Broadcasting Union (EBU) ihre Entscheidung.

Guy Sebastian wird das Land vertreten, er ist auf dem Fünften Kontinent seit Jahren ein Star. 2003 gewann er die erste Staffel der Castingshow "Pop Idol", seither schaffte er es mit sechs Singles und zwei Alben auf Platz eins der australischen Charts. Bei den Buchmachern gilt der 33-Jährige mit seiner eingängigen Soulnummer "Tonight Again" deshalb als Mitfavorit auf den Sieg. In der Woche vor dem ESC-Finale hatte Sebastian mit einer Erkältung zu kämpfen, die soll aber bis Samstagabend überwunden sein. "Manchmal singe ich eh ein bisschen besser, wenn ich krank bin", sagte der Sänger selbstbewusst auf einer Pressekonferenz in Wien.

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Doch Sebastian ist gar nicht der erste Australier beim Eurovision Song Contest: 1974 trat Olivia Newton-John für Großbritannien an - und landete in jenem Jahr, als Abba mit "Waterloo" triumphierte, auf einem achtbaren vierten Platz. Dem gebürtigen Australier Johnny Logan gelang es sogar als bislang einzigem Künstler, zweimal als Sänger beim ESC zu triumphieren. Allerdings siegte er 1980 und 1987 unter irischer Flagge.

Und dann war da noch Jane Comerford: Die Sängerin aus Newcastle in New South Wales stand 2006 mit Texas Lightning um Olli Dittrich für Deutschland auf der Bühne. In Athen reichte es damals mit "No no never" aber nur zum 14. Platz.

ESC 2016 in Australien? Auf keinen Fall!

Für den ESC-Fan Ruth Oldfield ist es fast egal, ob Guy Sebastian in diesem Jahr auf dem ersten oder dem 27. und letzten Platz landen wird. "Wir wollen einfach nur eine große Party feiern und uns freuen, dass wir Australier endlich richtig mit dabei sind", sagt sie.

Doch der übertragende australische Sender SBS nimmt den Wettbewerb sehr ernst: Der Sender bat eigens in die Oper von Sydney, um den Teilnehmer Guy Sebastian und seinen Song offiziell vorzustellen. Für den Kanal ist es eine der wichtigsten Shows des Jahres.

Eines hat die EBU vorab sicherheitshalber schon mal klargestellt: Selbst wenn Guy Sebastian den Sieg nach Australien holen sollte, wird der Eurovision Song Contest 2016 nicht Down Under stattfinden. Australien würde stattdessen im kommenden Jahr als Co-Gastgeber in einer europäischen Stadt fungieren. Der Zeitunterschied zwischen Australien und Europa wäre einfach zu groß.

Um 5 Uhr morgens gut drauf zu sein, kann man zwar von partylustigen Australiern verlangen, aber eben nicht von den Sängern.

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karend 22.05.2015
1. x
"Der Zeitunterschied zwischen Australien und Europa wäre einfach zu groß. Um 5 Uhr morgens gut drauf zu sein, kann man zwar von partylustigen Australiern verlangen, aber eben nicht von den Sängern." Geht es wirklich um die Sänger oder nicht doch um die Zuschauer, deren Stimmen für die Show –zumindest anteilig – benötigt werden?
ihatezensur 22.05.2015
2. Einfach ein paar Flugzeugträger nehmen
dann erfüllen die Dinger endlich auch mal einen Zweck.
LapOfGods 22.05.2015
3.
Also ich werde es trotz günstigerer Urzeit nicht gucken, aber die Idee australische Fans in der Form zu würdigen hat Charme.
hschmitter 22.05.2015
4.
Wat für ein Klischee - Australien = partylustig. Im Umkehrschluß sind es die anderen nicht?
lachina 22.05.2015
5. Wieso ist Australien eigentlich nochmal dabei?
Meine These ist, dass ohnehin sehr oft "Austria" und "Australia" verwechselt werden - jetzt dürfen sie halt auch mit machen.
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