Style-Check ESC Brennender Bart im Finale, das wär's

Praktisch: Die Sprache der Musik ist international verständlich. Klanglich soweit also alles klar in Wien. Wie in jedem Jahr gibt der Eurovision Song Contest vor allem optisch Rätsel auf. Wir stellen die drängendsten Fragen.

Thomas Ramstorfer

Von


1. Zu viel "Game of Thrones" geschaut, Serbien?

Getty Images
Der vermaledeiten Metzel-Serie ist auch beim ESC nicht zu entkommen: Bojana Stamenov trug beim ersten Halbfinale ein Arrangement, mit der eine monarchenmeuchelnde Fashionista auch beim Nachmittagstee in Westeros adäquat angezogen wäre. Vor allem der glitzerschuppige Umhang kommt sicher gelegen, wenn es ans Kaschieren größerer Keulen geht. Überhaupt sind Powercapes das heiße Ding beim diesjährigen Gesangswettbewerb: Auch Elhaida Dani, die für Albanien ins Finale einzog, und Leonor Andrade aus Portugal, die noch das zweite Halbfinale überstehen muss, tackerten sich wogende Bahnen auf die Schultern. Wer nach "Game of Thrones" immer schlecht träumt, kann sich an den armenischen Beitrag halten: Die Mitglieder von Genealogy sahen im ersten Halbfinale aus, als habe ein amischer Modeschöpfer das Personal von "Herr der Ringe" eingekleidet.

2. Wo beginnt, anatomisch gesehen, eigentlich der Bauchnabel, Griechenland?

DPA
Von oben drängt es klaffend, von unten schlitzt es bauschend: Maria Elena Kiriakous keck durchlüftetes Kleid zündet die Kerze quasi von beiden Enden an. Viel Spielraumstoff blieb da körpermittig nicht übrig, um nötigstes zu bedecken - und dazu kam noch dieser lästige Wind, der ihr von schräg vorne immerfort ins Gesicht pustete. Erfahrene ESC-Schlawiner wissen indes: Es gibt kein schlechtes Bühnenwetter, es gibt nur allzu zeigefrohe Klamotten.

3. Ist schlicht das neue camp, Ungarn?

Eniko Várai
Eine gute Nachricht für alle Filmemacher, die schon immer mal ein alternatives Biopic über Kate Middleton drehen wollten, in dem die Duchess of Cambridge auf Prinzen, Kinder und Corgis pfeift, um fortan mit einer dutzihaft-gefühligen Folkkommune durch evangelische Gemeindezentren zu tingeln: Sie können ihr Casting jetzt einstellen. Sängerin Boggie verfügt über dieselbe charmöse Rickenhaftigkeit wie HRH Catherine. In ihrem Vorstellungsvideo schlendert sie so unprätentiös zum Auftritt vor die Basilika von Budapest, als sei sie gerade unterwegs zum Fusselrollenkauf, und im Halbfinale sang sie ihr "Wars for Nothing" im schlichtestmöglichen weinroten Kleid - als sei Kate gerade vom zwanglosen Merlotstampfen heimgekehrt.

4. Wird das dunkle Königreich nicht mehr aufzuhalten sein, Georgien?

DPA
Plaste und Rudimentär-Flügelchen, dazu düster umkrakelte Augen und noch finsterer Blick: Mit Nina Sublatti, so hat es den Eindruck, ist so mittelgut Kirschen essen, dafür lassen sich mit ihr aber vermutlich ganz formidabel Raben ausnehmen oder aus Gekröse das morgige Wetter vorhersagen. Das gehört aber auch so, schließlich singt Sublatti davon, dass sie eine Kriegerin sei. Und mit Schmunzeln werden nun mal keine Kämpfe gewonnen, außer vielleicht in Lächelland.

5. Brauchen wir wirklich noch mehr Kriegerinnen, Malta?

Respective broadcasters
Upsi: Auch der Beitrag von Amber trägt den Titel "Warrior". Allerdings setzt die Malteserin weniger auf Kettenrasseln, dafür hat sie auch keine Zeit - mit der sachkundigen Verzwirbelung der prächtigen Lockenkaskaden, die sie in ihrem offiziellen Video zeigt, ist ein ambitionierter Pudelfrisör sicher gut und gerne einen ganzen Nachmittag beschäftigt. Während bei ihren ausnahmslos Kapuze tragenden Begleitmusikanten dann wohl mutmaßlich die Brennschere durchgegangen ist, weswegen sie die traurigen Restflusen schamhaft verbergen. Falls es zum Endkampf der Warriorinnen kommen sollte: Unser Geld ist ganz klar bei der georgischen Rabenmadame.

6. Bei der Nebenkostenrechnung vertan, Irland?

AFP
Im Kim-Wilde-Achtzigerjahre-Lederjäckchen sitzt Molly Sterling in ihrem Video in einer leeren Fabrikhalle und bekennt: "I was playing with the numbers / and I didn't know what it meant." Nun gut, wir haben uns alle schon mal irgendwo verkalkuliert. Bei Sterling führt die Finanznot jedoch schon zu Nachlässigkeiten in der Garderobe: In ihrem Glitzerpullover sind, man sieht es an den Ärmellöchlein, auch schon die Motten drin. Ähnliche Probleme scheint allerdings auch die isländische Kollegin María Ólafsdóttir zu haben, die in ihrem Video zu "Unbroken" ruh- und Schuhe-los ebenfalls in einem leicht überdimensionerten, verlassenen Loft herumleidet. Vielleicht tut ihr euch einfach zu einer crazy Girls-WG zusammen, Mädels.

7. Brandschutzversicherung abgeschlossen, San Marino?

AFP
Ein Golfer, der beim Putten via Smartphone von erleuchtenden Strahlen heimgesucht wird - das ist die gruseligeste Figur im an bedeutungschweren Motiven nicht armen Video von Michele Perniola und Anita Simoncini. Natürlich hat hier der alte Magier Ralph Siegel die Finger drin. Allein mittels der Kraft seines spirituellen Undercuts kann beispielsweise Perniola mit nur einer Handbewegung Kerzen entzünden. "If we all light a candle / we can build a chain of light", singt das Duo zündelfreudig. Und schon brennt die ganze Siedlung lichterloh, und dann will es wieder niemand gewesen sein.

8. Zwickt das Hoserl, Österreich?

Thomas Ramstorfer
Steckte man die drei Typen von The Makemakes in eine mittelgroße Hipster-Herde, könnten wohl nur ihre eigenen Mütter sie wieder herausfischen. Engsthosen, Bärte, Spaniel-Frisuren, diese gewisse Fusseligkeit, die immer noch en vogue ist - alles da. Falls die geballte Hängerpower alleine doch nicht reichen sollte, haben die ESC-Gastgeber beim Vorentscheid vorsichtshalber auch noch das Klavier angezündet, als Spezialeffekt. Ein brennender Bart im Finale, das wäre doch mal was.

9. Neuer Lidstrich gefällig, Schweiz?

SRF/ Oscar Alessio
Schmink-Tutorial gone wrong: Mélanie René stromert in ihrem Video mit Panda-Augen durch den Wald, ihren Bettvorleger notdürftig um die Schultern geschlungen, als sei sie auf der Suche nach Schmink-Hobbit Boris Entrup und seinen Schwamm-Applikatoren, damit er dieses Make-up-Schlamassel wieder in Ordnung spachtelt. Es sei jetzt ihre "Time to Shine", erinnert René mehrfach und nachdrücklich. Einmal abpudern, bitte!

10. Schnurrt alles, Spanien?

DPA
Ein Video wie ein filmgewordenes Kitschposter aus den Achtzigern - Sie wissen schon, galoppierende Pastell-Pferde, Coladosen mit Wassertropfen, Tanktopgirls und Sonnennuntergänge, so bunt wie nach dem nuklearen Finalschlag. Die schöne Edurne trifft darin verkleidet als Diana, die Jagdgöttin, im wilden Feld auf einen Gladiator. Leider misslingt beider Verlobung, weil die Angebetete sich plötzlich in einen Tiger verwandelt. Man darf gespannt sein, wie sich dieser Handlungskniff am Samstag im Finale live übersetzen lässt. Tiere sind auf der ESC-Bühne ja leider verboten, aber ein Tiger-Transformations-Trickkleid könnte die ohnehin als Mitfavoritin gehandelte Edurne noch weiter nach vorn katapultieren.
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ESC 2015: Das sind die Finalisten


Videointerview mit der deutschen ESC-Sängerin Ann Sophie

insgesamt 10 Beiträge
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Giotti 21.05.2015
1. Esc
Wer tritt den für Deutschland an? Wem interessiert das ganze überhaupt noch??
Eduschu 21.05.2015
2.
Genial, Frau Rützel, ehrlich. Hier zahlt sich aus, dass wir Deutschen Weltmeister im Lästern sind. Eine gute Vorbildung lässt sich halt durch nichts ersetzen. Vielen Dank für die vergnüglichen Zeilen.
az75 21.05.2015
3. ...
Uh, jetzt muss ich nur noch einen Buchmacher finden, bei dem ich darauf wetten kann, daß Armenien keine Punkte aus der Türkei erhalten wird. Und man stelle sich nur mal vor, daß der Song am Ende gewinnt... also, DAS würde den ESC doch mal wieder richtig interessant machen!
Shönendanker 21.05.2015
4.
Für den deutschen Beitrag fällt Ihnen kein keckes Sprücherl ein, Frau Rützel? Ts, ts, ts...:-)
koenigludwigiivonbayern 21.05.2015
5. Wo
sind die Tunten, die Tucken, die Zicken? Ohne Skandal redet doch keiner über das Ding. Selbst "Bombendrohung" ist jetzt schon abgeorgelt.
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