SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Mai 2015, 11:53 Uhr

ESC-Songs

Was singen die denn da?

Von

Beim Eurovision Song Contest findet sich viel Jammer in den Texten. Liebe hier, Liebe da, und dann hilft nur noch: "Mama!" Die Songtext-Analyse.

Die Liebe ist ein Schlachtfeld. Von Norwegen bis Aserbaidschan, von Georgien bis Frankreich: Love is a battlefield - und der ESC kümmert sich um die Opfer, um die "Herzen ohne Rüstung", les cœurs sans armure, wie Frankreich sie dieses Jahr besingt. Es wird viel gekämpft und geblutet. Gleich zwei Nationen, Malta und Georgien, haben sich entschieden, ihre Songs passenderweise schlicht "Warrior" zu nennen, "Krieger".

Es ist aber auch immer das Gleiche mit der Liebe: Erst wird man fast verrückt (positiv) und hat große Sehnsucht, dann folgen die Vereinigung und eine kurze Zeit des Glücks. Später kommt das Zerwürfnis, es ist aus. Wieder wird man verrückt (negativ). Anschließend beginnt der ewige Kreis von vorn, oder eben auch nicht, weil man keinen Bock mehr drauf hat.

Das Klagelied über Unglück in der Liebe ist das dominierende Genre beim Eurovision Song Contest 2015. Popsongs beschreiben zwar meistens einen Teil dieses Liebeszyklus'. Die ESC-Kandidaten beschäftigen sich in diesem Jahr allerdings in beeindruckend großer Zahl mit dem Jammer anstatt mit der Euphorie oder der Erfüllung. Sie klagen in Duetten zu fast wagneresker Instrumentierung mit vielen Streichern.

Vielleicht ist das eine Grundstimmung im erweiterten Europa? Ich suche das Glück, finde es aber nicht? Diese Gefühlslage ist immerhin ein kleiner gemeinsamer Nenner, auf den sich Zuhörer in Baku, London, Rom oder Wien einigen können. Liebeskummer ist weltbekannt und wird seit Jahrtausenden besungen, wieso also abweichen?

Es werde Licht!

Dessen ungeachtet ertönen beim Grand Prix natürlich auch dieses Jahr ein paar Lieder, die den wunderbaren Anfang einer Liebe beschreiben. Sie tun das alle mit der gleichen Metapher: Licht. So beginnt der lettische Beitrag "Love Injected" mit den Versen:

You bring the light to my darkest side, babe

und weiter:

Show me the source of the light / I'm becoming affected / Seeing the glow of the white / Is what I have detected / Feeling again I'm alive / It's your shining reflected / Love injected, love injected

Licht ist in der Sprache schon immer wichtig gewesen. Es repräsentierte bereits Jesus Christus (vgl. "Ich bin das Licht der Welt") und die Vernunft (Aufklärung heißt auf Englisch "enlightenment") - beides große, jahrhundertealte Erfolgsgeschichten der Lichtmetapher.

In den Liebesliedern des ESC kommt das Licht mit dem neuen Geliebten ins Leben des Sängers. Der Geliebte hebt die lange dunkle Nacht endlich auf, in seinem Licht erst kann etwas wachsen, kann man alles sehen. Aus dem Licht der Liebe kann schnell das einige Grad heißere Feuer der Leidenschaft werden, das dann schon verzehrenden Charakter hat. Doch Flammen müssen genährt werden, sonst endet man ganz schnell beim deutschen Beitrag: "Black Smoke".

Das liest sich so:

When there's nothing left to talk about / 'Cause you know the flame is running out / Two hearts are left to burn / Do you know, we're only left with smoke / Black smoke, we're only left with smoke, black smoke

Schwarzer Rauch über den Ruinen der Liebe! Und dann wird es wieder dunkel. Der deutsche Song ist metrisch klug aufgebaut, erzählerisch jedoch eher blass. Frau stellt fest, dass sie und ihr Partner sich auseinandergelebt haben. Frau beklagt das. Diese beiden Phänomene wechseln sich in den Strophen dauernd ab, dann und wann erklingt süß ein Paarreim, zu Ende wiederholt sich der Refrain mit dem löchrig-elliptischen Satzbau häufiger, als es selbst für Popsongs schicklich ist.

Videointerview mit der deutschen ESC-Sängerin Ann Sophie

Manchmal könnten sich die Interpreten der Klagelieder auch gegenseitig helfen. Das tschechische Duo Marta Jandova & Vaclav Noid Barta zum Beispiel singt davon, dass es sich in einem Meer der Schmerzen befindet. Da könnte Portugal rettend zur Seite springen: "Wenn das Meer uns trennt, werde ich es mit Sehnsucht austrocknen!" In Sachen Metaphern geht also einiges beim ESC.

Über die Brücke gehen

Als Tiefpunkt der Liebeslyrik mag man dabei den israelischen Beitrag empfinden. In dem Titel "Golden Boy" ruft der Interpret Nadav Guedj mehrmals laut und wortwörtlich Mama! um Hilfe - um prospektiven Interessentinnen gleich den Reim des Wettbewerbs um die Ohren zu hohren, Verzeihung, zu hauen:

I'm a golden boy / Come here to enjoy / And before I leave / Let me show you Tel Aviv

Der European Song Contest soll zwar nicht politisch sein, doch einige wenige Länder schicken trotzdem keine Liebeslieder ins Rennen, sondern Sozialutopien. Es wundert, aber ja, ganz vorn ist Russland dabei, dessen "A Million Voices", dargeboten von Polina Gagarina, klingt, als wäre es der Titelsong der Vereinten Nationen:

We are the world's people / Different yet we're the same / We believe / We believe in a dream

Allerdings kommt dann auch die Zeile: When you hear our voices call, you won't be lonely anymore. Davon können die Menschen in der Ukraine ein Lied singen.

Bevor es hier politisch wird, erinnern wir uns an das Motto des diesjährigen Wettbewerbs: "Building bridges", Brücken bauen. Ganz artig hat sich der polnische Beitrag "In the name of love" des Themas angenommen. Die Sängerin Monika Kuszynska tröstet all die Herzgebrochenen und Geplagten dieser Welt, deshalb ist es ein bisschen schade, dass sie nicht ganz zuletzt auftritt:

Beyond the fear / Let's build the bridge / From heart to heart / In the name of love

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Mit U2 fragen wir uns angesichts der Textqualität dieses Songcontests aber schon doch noch: In the name of love / What more in the name of love?

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung