Eurovision Song Contest Außenseiter, Geheimtipps, Favoriten - die 26 Finalisten im Check

Europas großes Pop-Fest? Ein grelles Varieté-Spektakel? Die Illusion eines progressiveren Kontinents? In Tel Aviv steigt der ESC. Welches Lied hat Siegchancen? Welches öffnet die Herzen? Hier erfahren Sie es.

José Irún

Von


1. Malta

Michela: "Chameleon"

Was nützt ein moderner Popsong mit geschickt reduzierter Hintergrundmusik, bestellt bei Songwriting-Routiniers aus Schweden und Bulgarien, wenn man dann in der Inszenierung so danebenhaut: Malta ließ sich von dem Chamäleon des Songtitels im Halbfinale dazu hinreißen, die Sängerin in von Zeile zu Zeile wechselnde Videoscreen-Settings zu stellen, dass sie selbst ganz kirre zu werden schien. Riskant, weil die Interpretin, die 18-jährige Michela Pace von der Insel Gozo, ganz und gar nicht routiniert ist. Da wirkte sie stellenweise wie das Klassen-Mauerblümchen, das beim Studienfahrt-Karaokeabend mal zu Nicki Minaj alle verblüffen will. Aber, "Yalla yalla yalla la la la", ins Finale ging's ja trotzdem.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 4/10

2. Albanien

Jonida Maliqi: "Ktheju tokës"

Albanien war der Überraschungs-Qualifikant des 2. Halbfinales. Dafür gibt es zwei Erklärungsansätze. Erstens: Bei den niedrigeren Einschaltquoten der Semifinals (insbesondere in den fürs Finale gesetzten großen Ländern) fallen die treuen Zuschauer aus der Diaspora stärker ins Gewicht. Und um die in ganz Europa verteilten Albaner geht es ja ganz explizit in diesem Lied: "Kehr in dein Land zurück" heißt es da übersetzt, und "so viel Sehnsucht und so wenig Hoffnung / alleine, identitätslos". Auf den Video-Bühnenboden wurde - Symbol, Symbol - ein Nest projiziert. Die 36-jährige Sängerin gab dann sozusagen die Glucke Albaniens, sang aber - und das ist der zweite Ansatz - ihre Ballade mit sehr viel Inbrunst und in fein mit den Chorsängerinnen abgestimmten Melodieschlenkern. Noch einmal vor das viel größere Publikum treten: Damit sind die albanischen Ambitionen für 2019 erfüllt.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 1/10

3. Tschechische Republik

Lake Malawi: "Friend Of A Friend"

Albert Cerny, der Sänger der Band Lake Malawi aus der osttschechischen Industriestadt Trinec, strahlt auf der Bühne aus, wie sehr er es genießt, vor dem gesamteuropäischen Publikum zu singen. Sein gelber Pullover wird im Gedächtnis bleiben, er rutscht auf dem Bühnenboden, zwinkert der Kamera zu - und ruft in eine Pause hinein: "We are Lake Malawi from the Czech Republic". Diese Promotion-Einlage hat einigen ESC-Puristen missfallen. Doch sind sie eine Band, deren melodiesatter, aufgekratzter Indie-Pop auch abseits des ESC-Kontextes Fans finden könnte. Kann man ihnen da verdenken, dass sie die Werbegelegenheit nutzen?

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 5/10

4. Deutschland

S!sters: "Sister"

Oh doch, es gibt eine Rangliste, in der Deutschland beim ESC 2019 an der Spitze steht: Bei manchen Wettbüros kann man darauf setzen, wer Letzter im Finale wird - und da ist Deutschland Topfavorit (am Freitagnachmittag vor Großbritannien und San Marino). Dabei ist den beiden Sängerinnen Laura Kästel und Carlotta Truman mangelndes Engagement nicht vorzuwerfen, aus Tel Aviv ist nur Lob für ihre freundliche Art zu hören. Aber es bleibt das Grundproblem, dass der ganze Act so überkonstruiert wirkt: Die blonde und die dunkle Sängerin, die hohe und die tiefe Stimme, die abgestimmten Laufwege - es will keine rechte Chemie entstehen zwischen den beiden, und das Liedchen aus schweizerisch/dänischer Ko-Produktion bietet auch nur das Allernötigste an Melodie und Aussage an. Es deutet sich ein bitterer Abend für die deutsche Delegation an.

Sympathiepunkte: Keine Angabe, weil keine Stimmabgabe aus Deutschland
Siegchancen: 2/10

5. Russland

Sergey Lazarev: "Scream"

Er kann nur ein Ziel haben: den Gesamtsieg. Schließlich war Sergey Lazarev 2016 mit "You Are the Only One" der Sieger in der Publikumswertung - wurde aber wegen der Jurystimmen noch durch den ukrainischen Beitrag abgefangen (und von Australien). "Tears aren't quiet things", lauscht Lazarev, "they scream" - entsprechend dramatisch darf er singen, da hat der Produzent, Russlands gar nicht graue ESC-Eminenz Philipp Kirkorov, schon drauf geachtet, denn das flößt Jurys Respekt ein. Beim Publikum macht wohl eher sein souveräner Umgang mit gleich neun Videoscreen-Spiegelbildern Eindruck. Am Ende schreit er die Spiegel in digitale Scherben. Stark, aber kein echter Sieganwärter.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 6/10

6. Dänemark

Leonora: "Love Is Forever"

Das Lied mit dem überdimensionierten Stuhl hat es also ins Finale geschafft - nützlich, so ein Requisit. Zumal es noch die Möglichkeit bot, zwei Tänzer aufzubieten, die mit Leitern herumalbern. Mehr nach Olsenbande als nach Olsen Brothers sah das aus - von der Selbstverständlichkeit, mit der die älteren Herren 2000 ihr "Wings of Love" sangen, kann sich die arg angespannt wirkende Leonora viel abschauen. Dabei müsste das leichtgewichtige Liedchen gerade besonders locker vorgetragen werden. So nehmen wir die Ranschmeiße an die aufs Politikverbot so bedachte EBU mit der Textzeile "Don't get too political" doch ein bisschen übel.

Sympathiepunkte: 3/10
Siegchancen: 3/10

7. San Marino

Serhat: "Say Na Na Na"

Wer könnte ihn vergessen? Serhat, den Mittelmeer-Leonard-Cohen. 2016 scheiterte er in auberginefarbenem Anzug und Hut im Halbfinale, diesmal brachte er San Marino ganz in Weiß ins Finale - zum zweiten Mal überhaupt, nach Ralph Siegels "Maybe" 2014. Das Englisch des 54-Jährigen ist nicht über jeden Verdacht erhaben. Aber das macht wenig, denn Serhat muss ja diesmal hauptsächlich überzeugend "Na Na Na" singen und sich nicht von den kurzbehosten Tänzern ablenken lassen. Den geschmeidigen Discosong hat er selbst geschrieben, zusammen mit der Texterin Mary Susan Applegate, die schon für Jennifer Rush oder Modern Talking reimte. Alles reichlich altbacken also, aber Futter für die Crazy-Zeug-beim-ESC-Zusammenschnitte der kommenden paar Jahre.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 1/10

8. Nordmazedonien

Tamara Todevska - "Proud"

Stolz kann sie wahrhaftig sein: Dass Tamara Todevska ihr Land gleich beim ersten Versuch unter dem neuen Namen Nordmazedonien ins Finale gebracht hat, verdankt sie vor allen Dingen ihrem ausgesprochen konzentrierten, kraftvollen Vortrag. Ihre Hymne auf das weibliche Selbstbewusstsein kommt ohne Beat aus, nur Klavier und Streicher tragen die Stimme der Todevska - eine Wohltat nach dem sanmarinesischen Disco-Schwof. Klassisch, groß, hätte einen guten Mittelplatz verdient.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 4/10

Fotostrecke

26  Bilder
ESC 2019: Sie sind im Finale dabei

9. Schweden

John Lundvik: "Too Late For Love"

John Lundvik kam 1983 in London zur Welt, wuchs aber bei Adoptiveltern im schwedischen Växjö auf. In der Musikszene wurde Lundvik zunächst vor allem als Songwriter bekannt. So richtig selbst in den Vordergrund stellte er sich erst mit Mitte 30, als er 2018 bei der schwedischen ESC-Vorentscheidung in die letzte Runde kam. Ein Jahr später war ihm der Sieg nicht zu nehmen mit seinem energiereichen Soul-Pop-Song "Too Late for Love", bei dem er durch vier Gospelsängerinnen von der Gruppe The Mamas in glitzernden Kostümen eindrucksvoll unterstützt wird. In Tel Aviv macht sich Lundvik selbst Konkurrenz, denn Großbritannien tritt mit einem Song an, bei dem er mitgeschrieben hat - doch der schwedische Beitrag ist der deutlich stärkere.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 7/10

10. Slowenien

Zala Kralj & Gasper Santl: "Sebi"

Slowenien bringt das Kontrastprogramm zu all dem Zinnober beim Song Contest: Ein Duo, das ganz in Weiß auftritt und sich zu zweit in der Bühnenmitte in die Augen schaut. Die Musik dazu ist recht zeitgemäßer Elektropop, der problemlos im Radio laufen könnte - wenngleich dort Zala Kraljs tiefer Gesang in Landessprache verwundern würde. "Ich bin wie eine Schneeflocke, die darauf wartet, dass der Frühling kommt", kann man eine Zeile übersetzen. Hin und wieder huscht ein Lächeln über Gasper Santls Gesicht. Und da - haben sich die beiden wirklich kurz am Arm berührt? So viel Schüchternheit war selten vor einem Millionenpublikum zu sehen. Langweilig? Magisch? Entscheiden Sie selbst.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 3/10

11. Zypern

Tamta: "Replay"

Jetzt wieder ordentlich Tamtam mit Tamta Goduadze, der in Georgien gebürtigen Sängerin, die sich durch schwere Zeiten in Griechenland zu einer gefeierten Sängerin hochgearbeitet hat. Entfernt erinnert sie in Blick und Styling an Madonna - ob das ein Vorteil ist, wenn das Original später als Pausenact kommt? Ihr Song für Zypern kommt vom Team um den griechisch-schwedischen Produzenten Alex P, der auch hinter dem Vorjahreserfolg "Fuego" (Platz zwei) steckte. Der Beat stampft schwer, die Zorro-Tänzer ziehen das Trickjäckchen aus, Tamta gibt viel - und doch: So recht will das "Fuego"-Feuer dieses Jahr nicht überspringen.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 4/10

12. Niederlande

Duncan Laurence: "Arcade"

Kaum war das Musikvideo zum ESC-Beitrag von Duncan Laurence auf dem Markt, schossen die Niederlande an die Spitze der Wettbüro-Listen. In den Wochen bevor sich die ESC-Community in Tel Aviv versammelte, konnte man noch mutmaßen, dass der nackte Hintern des Sängers im Video starken Einfluss gehabt hätte. Doch auf der Bühne des Kongresszentrums sitzt der 25-Jährige ja nun angezogen hinter dem E-Piano, spielt und singt konzentriert - bis auf ein paar kecke Seitenblicke zur Kamera. Die Lichtshow ist geschickt, viel Effekt wird aus einer Kugellampe und einem Strahler-Gegenlicht gezogen. Man muss es sagen: Es ist die stimmige Inszenierung einer starken Ballade, deren Kopfstimmen-Parts nie ins Jammerige kippen. "Small town boy in a big arcade, I got addicted to a losing game", das sind schöne, melancholische Zeilen. Falls der ESC vor allem ein Popsong-Wettbewerb ist, stehen die Chancen auf den ersten niederländischen Sieg seit 1975 ("Ding-a-dong" von Teach-In) ziemlich gut. Aber ist er das?

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 9/10

13. Griechenland

Katerine Duska: "Better Love"

Am Morgen vor dem ersten Halbfinale bekam man bei den englischen Wettbüros eine Quote von 40 zu 1, wenn man auf einen Sieg der Griechin setzte. Am Abend vor dem Finale steht die Quote teilweise bei 150 zu 1. So sehr hat der Auftritt am Dienstag die Erwartungen gedämpft. Allzu überfrachtet erschien die Show, trotz für sich genommen schöner Elemente (die Fechterinnen, die Lotusblüte, der große Ball). Zudem klang die Stimme der kanadisch-griechischen Sängerin Katerine Duska in den Strophen seltsam gepresst - erst im Refrain, der an Florence and the Machine erinnert, schien sie sich zu befreien. Es ist an sich einer der stärkeren Songs des Wettbewerbs - bleibt zu hoffen, dass Duska und ihr Team die zweite Chance im Finale nutzen.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 6/10

14. Israel

Kobi Marimi: "Home"

Der 27-Jährige Kobi Marimi ist die Idealbesetzung für ein ESC-Gastgeberland. Denn die Vorjahressieger legen es zumeist nicht darauf an, den kostspieligen Song Contest im Folgejahr gleich wieder ausrichten zu wollen. Aber nach Abschenken soll es auch nicht aussehen, ein halbwegs würdevoller Auftritt, der ein paar Punkte einsammelt, ist erwünscht. Für einen Platz ganz oben in der Wertungstabelle ist Kobi Marimis Song viel zu nah am Musical. Aber er erzählt letztlich die rührende Geschichte des Sängers, der auf der Bühne erst das Selbstbewusstsein fand, das ihm im Leben fehlte - das wird genug Zuschauern nahe gehen und ein ordentliches Ergebnis für Israel bringen.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 2/10

15. Norwegen

KEiiNO: "Spirit In The Sky"

Am norwegischen Lied lässt sich geradezu exemplarisch zeigen, was einen Eurovision-Song-Contest-Beitrag ausmacht. Da wäre vor allem die Balance aus Vertrautem und Fremdem: "Spirit in the Sky" ist eine nach vorne gehende Euro-Trash-Nummer, wie sie in Skandinavien verlässlich und immer wieder hergestellt wird. Blonder Mann und blonde Frau singen im Wechsel - doch dann kommt Fred Buljo ins Spiel, der auf Samisch und mit kehliger Stimme einen Kontrapunkt setzt. Später bekommt der glatzköpfige Buljo einen Solopart, den er für eine Mischung aus Rap und dem traditionellen Joik-Gesang nutzt, auf der Videowand gibt es dazu Rentier-Zeichnungen. Der Beat dazu steigert sich wie in einem Calvin-Harris-Track - und dann sind wir wieder zurück im vertrauten Refrain-Gefilde. Aber nicht zum Selbstzweck, schließlich hört ja ganz Europa zu: Tom Hugo stellte die Gruppe Keiino zusammen, um eine Gleichberechtigungs-Botschaft zu verbreiten. So soll es sein.

Sympathiepunkte: 8/10
Siegchancen: 7/10

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Eurovision Song Contest-Tel Aviv 2019

Label:
Polystar (Universal Music)
Preis:
EUR 12,95

16. Großbritannien

Michael Rice: "Bigger Than Us"

Als Michael Rice die Castingshow "All Together Now" gewonnen hatte, eröffnete der damals 20-Jährige mit dem Preisgeld in seiner nordostenglischen Heimatstadt Hartlepool einen Waffel- und Crêpe-Imbiss. Nun, ein Jahr später, hat er sein zweites Standbein schon wieder ablegen müssen - die Leute seien nur noch für Autogramme gekommen und nicht zum Waffelessen, klagte der Sänger gegenüber dem Boulevardblatt "Daily Star". Wird er nach dem ESC ganz England mit einem Waffel-Imperium überziehen können? Vielleicht doch eher nicht. "Bigger Than Us" ist so ein bisschen Pathos-nach-Zahlen, große Gefühle werden eher behauptet als dass sie spürbar würden. Kuriosität aus den Zeiten der Songwriting-Camps: Mit der in der Schweiz lebenden Kanadierin Laurell Barker ist eine Autorin an gleich drei ESC-Finalsongs beteiligt - neben dem britischen auch an denen aus der Schweiz und aus Deutschland.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 2/10

17. Island

Hatari: "Hatrid mun sigra"

Richtig, auf Swahili heißt Hatari "Gefahr" - das gab dem Film von Howard Hawks den Titel. Der Bandname hier stammt aber aus dem Isländischen und heißt "Hasser". "Hass wird siegen" ist wiederum der Titel dieses Beitrags, der die Industrial-Konzeptkunst der slowenischen Gruppe Laibach aufs Eurovisions-Format herunterbricht. Das zu schaffen ist an sich schon eine Leistung. Hatari bekunden eine antikapitalistische Grundhaltung, auch zu Israels Umgang mit den Palästinensern haben sie sich schon so kritisch geäußert, dass sich die EBU bereits zu einem warnenden Hinweis auf das Politikverbot genötigt sah. Dazu kommt bei Hatari noch eine mit SM-Szenarien und Bondage-Kleidung spielende Schockshow und eine unterhaltsame Verweigerung der Lächelrituale rund um den Contest. Alles anti also? Vorsicht! Der Refrain des isländischen Songs ist sehr mitreißend, und die Gruppe nutzt eifrig den Hashtag #Reykjavik2020. Mancher Beobachter fühlt sich schon an den Sensationssieg von Lordi 2006 erinnert.

Sympathiepunkte: 8/10
Siegchancen: 7/10

18. Estland

Victor Crone: "Storm"

Ein mittellanghaariger Akustikgitarrenmann in Lederjacke singt über einen Sturm: Mit diesem Beitrag legt sich Estland fest auf die Rolle als Irland des Baltikums. Dabei ist der sehr von sich überzeugt wirkende Schwede Victor Crone. Die dortige harte ESC-Qualifikation hat er aber nicht geschafft, in Estland war es leichter. Sein pathossatter Song steigert sich hinein in ein kitschiges Finale mit Elektrobeats und Streichern - ohne die Nostalgie, die den Song "Goodbye to Yesterday" auszeichnete, mit dem Songwriter Stig Rästa 2015 selbst angetreten war. Aber siehe da: Ins Finale kamen beide Titel.

Sympathiepunkte: 3/10
Siegchancen: 3/10

19. Weißrussland

Zena: "Like It"

Zinaida Kupriyanovich ist mit 16 Jahren die jüngste Teilnehmerin am diesjährigen Eurovision Song Contest, und ihr Auftritt wirkt ein bisschen so, als habe sie auf der Musikvideo-App TikTok an der Britney-Spears-Challenge teilgenommen. Und als Hauptgewinn gab's den ESC-Auftritt? Oder doch zumindest die mit ihrem Künstlernamen ZENA gebrandeten weißen Stiefel? Ihr Song "Like It" passt ganz gut zur Popsängerinnen-Generation von Dua Lipa, Zara Larsson, Rita Ora - ist aber denkbar simpel gehalten und nervt Erwachsene bald kolossal. Könnte also bis zur Abstimmung im Gedächtnis bleiben.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 4/10

20. Aserbaidschan

Chingiz: "Truth"

Bühnentechnische Innovationen haben immer einen Platz beim Eurovision Song Contest - und sind im Falle von Aserbaidschan gut ausgegebenes Ölgeld: Denn die beiden Roboter, die Chingiz Mustafayev ein Laserherz auf die Brust projizieren, lenken vorzüglich ab von der eher mäßigen Strophe des Radiopop-Songs, den der bulgarische ESC-Spezialist Boris Milanov komponiert hat. Der mit Kopfstimme gesungene Refrain "Shut up about it" hingegen setzt sich von alleine fest - und just als er anstrengend wird, lenkt die nächste technische Innovation ab.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 6/10

21. Frankreich

Bilal Hassani: "Roi"

Bei der Castingshow "The Voice Kids" sang der aus einer marokkanischen Familie aus Paris stammende Sänger Bilal Hassani den ESC-Song "Rise Like a Phoenix" von Conchita Wurst. Nun versucht Bilal Conchitas Vorbild beim Song Contest selbst zu folgen, mit dem englisch/französischen Song "Roi", der das stärkste identitätspolitische Statement des ESC-Jahrgangs 2019 abgibt - passend zur queeren Metropole Tel Aviv. "Je suis free oui j'invente ma vie", betont er den Wunsch, sich sein eigenes Leben entwerfen zu wollen - allen Anfeindungen zum Trotz. Im Traum dann eben ein König. Auch der König des Abends?

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 8/10

22. Italien

Mahmood: "Soldi"

Ein weiterer starker Beitrag aus einem direkt qualifizierten "Big 5"-Land: Das Festival von San Remo gewann in diesem Jahr ein wenig überraschend der 26-jährige Sohn einer sardischen Mutter und eines ägyptischen Vaters. Wobei Mahmood hauptsächlich durch das Juryvotum siegte, Italiens Lega-Innenminister Matteo Salvini stellte sich öffentlich hinter den Publikumssieger. Der Produzent von Mahmoods Song, Charlie Charles, steht auch hinter Italiens erfolgreichstem Trap-Rapper Sfera Ebbasta. Im Hip-Hop-Schlendergang tritt Mahmood auf, erzählt davon, was das Fehlen von Geld aus einer Familie macht, strukturiert durch einen charakteristischen Doppelklatscher. Schaut man sich die Hitparaden europäischer Länder an, dominiert fast überall lokaler Rap. Mit Mahmood schlägt sich das zumindest in Ansätzen auch im ESC nieder.

Sympathiepunkte: 7/10
Siegchancen: 6/10

23. Serbien

Nevena Bozovic: "Kruna"

Mit dem Trio Moje 3 war Nevena Bozovic schon einmal auf der großen Bühne des ESC zu sehen. Trat sie jedoch 2013 mit einem Uptempo-Song an, kommt die 24-Jährige diesmal mit einer Balkan-Ballade, die wir nur deshalb nicht klassisch nennen möchten, weil der Anteil an lokalen Instrumenten zu gering ist - und stattdessen eine fiese E-Gitarre kurz zu hören ist, zu der wiederum der angedeutete Lack-und-Leder-Look der Sängerin passt. Was im Vorfeld als arges Kuddelmuddel erschien, wurde dann aber im Halbfinale durch die äußerst starke Stimme der Sängerin zusammengehalten. Die Belohnung: ein toller Startplatz im Finale.

Sympathiepunkte: 5/10
Siegchancen: 2/10

24. Schweiz

Luca Hänni: "She Got Me"

Der Aufsteiger der Tage vor dem großen Finale ist der einstige "DSDS"-Gewinner Luca Hänni mit seinem Latino-R&B-Partysong "She Got Me". Am Freitagabend steht der Berner plötzlich auf Platz drei der Wettbüro-Favoritenlisten, und der Gedanke erscheint nicht mehr völlig abwegig, dass Céline Dion nach 31 Jahren tatsächlich einen Nachfolger als Schweizer ESC-Sieger haben könnte. Eine kleine Skepsis bleibt jedoch: Immer wieder singt Hänni von "Dirty Dancing", und er tanzt auch gut dazu - aber dirty? Nein, es bleibt keusch, irgendwie schweizerisch sauber. Ein bisschen wie bei "Asterix bei den Schweizern", als die Römer sich darüber aufregen, dass bei ihren Orgien die Helvetier glauben, putzen zu müssen.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 8/10

25. Australien

Kate Miller-Heidke - "Zero Gravity"

Und wenn der Eurovision Song Contest am Ende doch vor allem ein Varietéshow-Wettbewerb ist? Dann kann es keinen klareren Favoriten geben als Australien. Jenes von Europa adoptierte Land, das sich lange schon für den ESC begeisterte und in diesem Jahr, als es erstmals einen öffentlichen Vorentscheid gab, prompt für einen extrem typischen ESC-Act entschied. Opern-Pop ist fast jedes Jahr dabei, dazu kommt das wirklich spektakuläre Showelement, das Kate Miller-Heidke und ihre beiden Begleiterinnen durch die Luft schweben zu lassen scheint. Man kann das ablehnen, man kann nach Beiträgen suchen, bei denen die Musik mehr im Mittelpunkt steht. Aber man sollte schon anerkennen, dass Australien die ESC-Logik zutiefst verstanden hat.

Sympathiepunkte: 4/10
Siegchancen: 9/10

26. Spanien

Miki: "La venda"

Spanien hat in den vergangenen vier Jahren viel dafür getan, dass man dazu neigt, es beim ESC zu unterschätzen - immer war man unter den letzten Sechs. Diesmal könnte es etwas besser laufen: "La Venda" heißt übersetzt "die Augenbinde" - und die soll dem Refrain zufolge schon gefallen und nur Freude geblieben sein. Die gute Laune des Songs ist tatsächlich ansteckend, der muskulöse Lockenkopf Miki Nunez und seine Tänzer laufen zum Rhythmus der katalanischen Rumba eifrig winkend über alle Brücken und Stege des Bühnengebildes, da wäre es doch gelacht, wenn nicht ein paar Punkte für einen Mittelplatz herausspringen würden.

Sympathiepunkte: 6/10
Siegchancen: 5/10

Eurovision Song Contest, Finale, Samstag, 18.5., 21 Uhr, ARD (ab 20:15 Uhr bereits Vorberichte)

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ArnoNyhm1984 18.05.2019
1. akustische Notsignale aus den Untiefen des Show-Business..
Die musikalische Qualität aller Beiträge ist ja schon tief im oberpeinlichen Terrain. -Am besten ist, man dreht am TV den einfach den Ton ab und schaut das Event als Stummfilm..
bullbay666 18.05.2019
2. Niveau wird immer schlechter
Ich verfolge den ESC eher nicht jedes Jahr, aber dieses Mal gab es ja nichts, was den Sieg verdient hätte. wird wohl wieder auf ne politische (welches Land mag welches am meisten) hinauslaufen. Musikalisch war es wohl selten schlimmer. Ist wie ne EM, wo nur Regionalligisten mitmachen dürfen. Und wie viel Kohle hauen wir jedes Jahr dafür raus?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.