Eurovision Song Contest Wer übersteht das ESC-Halbfinale?

Teilnehmer aus 17 Ländern singen beim ersten Halbfinale des Eurovision Song Contests um den Finaleinzug. Wer schafft's? Wessen Hoffnungen enden schon? Einschätzungen zu allen Titeln im ESC-Soundcheck.

Grzegorz Go¿¿biowski

Von


1. Zypern

Tamta - "Replay"

2018 kam Zypern mit "Fuego" auf Platz zwei des Eurovision Song Contests - sehr leidenschaftlich vorgetragen von Eleni Foureira. Doch eigentlich hätte Tamta Goduadze singen sollen, die aber wichtigere Termine hatte. Die 38-jährige Tamta hat eine bewegte Lebensgeschichte, Teenagerehe in ihrem Geburtsland Georgien, Emigration nach Athen, Arbeit als Haushaltshilfe, Castingshow, seit 2007 Popstar in Griechenland. Nun hat sie Zypern für den ESC zugesagt - der Song kommt wieder vom "Fuego"-Team um den griechisch-schwedischen Produzenten Alex P. Doch so zeitgemäß die Avicii-nahen Beats auch sind, so knallig der Text ("Baby I'm all in tonight"), so ESC-klassisch der Trickjäckchen-Moment ihrer Show auch ist: Das ganze Unternehmen hat etwas von einem Abklatsch des Vorjahres.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

2. Montenegro

D mol - "Heaven"

Hier haben wir es zu tun mit der notdürftig kaschierten Werbung für eine Gesangsschule in Podgorica. Sie wird betrieben von Danijel Alibabic, 2005 als Mitglied der Boygroup No Name beim ESC dabei, und heißt d-Moll. Dort haben sich auch die drei Frauen und drei Männer zwischen 17 und 21 kennengelernt, deren Gruppe beim montenegrinischen Vorentscheid auch noch d-Moll hieß. Mit einem "l" weniger singen sie nun in Tel Aviv bestens geschult ein unerträglich klischeehaftes Liedchen ohne Finalchancen. Im Vorabvideo bilden Weißhemden am Adriastrand einen Notenschlüssel - der sich auf den zweiten Blick als das Markenzeichen der Gesangsschule d-Moll herausstellt.

Chancen aufs Weiterkommen: 1/5

3. Finnland

Darude feat. Sebastian Rejman - "Look Away"

In den ersten 30 Sekunden des finnischen Beitrags lassen sich Anklänge an den Klavierlauf von Abbas "The Winner Takes It All" und die Gesangsmelodie des Motown-Klassikers "You Keep Me Hangin' On" heraushören. Wenn man dann noch weiß, dass der Mann am DJ-Pult mit "Sandstorm" im Jahr 2000 einen Trance-Welthit hatte (der als Gamer-Soundtrack und Meme ein zweites Leben im Internet bekam) - was kann bei so viel Popularitätsvorschuss noch schief gehen? Ziemlich viel: Dem Rocksänger und Soap-Schauspieler Sebastian Rejman mangelt es an Charisma, DJs auf der Showbühne sind immer ein Problem (Darude regelt vor sich hin und klimpert auf einem Keyboard). Retten soll es eine grüngewandete Ausdruckstänzerin, die das vage Klimaschutzthema des Songs illustrieren soll - ja ja, "Look Away", gemeint im Sinne von "Schaut nicht weg"!

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

4. Polen

Tulia - "Fire of Love (Pali Sie)"

Polen kommt in diesem Jahr folkloristisch daher, aber wer da an ethno-verbrämten Sexismus denkt (wie die Milchstampferinnen 2014), liegt falsch. "Schrei, wenn du kannst", lautet diesmal das Motto. Denn die vier Sängerinnen aus Stettin praktizieren den traditionellen Schreigesang, der auch unter dem weniger abschreckenden Fachbegriff "Weißer Gesang" bekannt ist. Mit einem YouTube-Cover von Depeche Mode wurden Tulia bekannt, ihr Debütalbum ist ein großer Erfolg in Polen. Nun singen sie in Tracht über das Feuer der Liebe, das keine Feuerwehr zu löschen vermag - auf Englisch und Polnisch. Sehr ungewöhnlich, sehr auffällig - und auch sehr eingängig (an der Komposition waren auch US-Songwriting-Profis beteiligt, die schon für Whitney Houston schrieben). Dürfte ins Finale kommen.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

5. Slowenien

Zala Kralj & Gasper Santl - "Sebi"

Woran denkt man, wenn man an ESC-Shows denkt? An Feuerräder und Windmaschinen, Trickkostüme und Tänzerinnen. Aber auch der Kontrast zu all dem Zinnober hat schon Tradition, man denke an Lena im schwarzen Dress oder an die Common Linnets, zu zweit in der Bühnenmitte. Slowenien bringt ein Duo, das ganz in Weiß auftritt und sich zu zweit in der Bühnenmitte in die Augen schaut. Die Musik dazu ist recht zeitgemäßer Elektropop, der problemlos im Radio laufen könnte - wenngleich dort Zala Kraljs tiefer Gesang in Landessprache verwundern würde. "Ich bin wie eine Schneeflocke, die darauf wartet, dass der Frühling kommt", kann man eine Zeile übersetzen. Ein konzentrierter, melancholischer Moment, der Magie entwickeln könnte.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

6. Tschechische Republik

Lake Malawi - "Friend of a Friend"

2012 stellte der britische "Guardian" europäische Pop-Alternativen zum Eurovision Song Contest zusammen. Über die tschechische Band Charlie Straight hieß es in dem Artikel, sie sänge "mit einem imaginären englischen Regionalakzent". Nun, sieben Jahre später, gibt es eine gesprochene Passage im tschechischen Beitrag, bei der sehr deutlich wird, was damals gemeint war - sein Englisch hat der Sänger Albert Cerny offensichtlich durch Britpop-Hören verfeinert. Lake Malawi ist die Band, die Cerny 2013 gründete, nachdem sich Charlie Straight aufgelöst hatten. Dem Indie-Pop ist er treu geblieben, sein ESC-Song erinnert ein wenig an die französische Band Phoenix, klingt sehr fröhlich, erzählt aber eine etwas unheimliche Geschichte um eine Nachbarin, die schon einmal nebenan wohnte, als der Sänger 13 war.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

7. Ungarn

Joci Pápai - "Az én apám"

Kommt uns dieser Zopf nicht irgendwoher bekannt vor? Genau, Joci Pápai hat Ungarn schon 2017 beim ESC vertreten, kam mit der Rap-Ethno-Mixtur "Origo" auf einen starken achten Platz im Finale. Gerappt wird diesmal nicht, dafür erinnert Pápai, der einer Roma-Familie entstammt, an seinen Vater - einstmals Leiter eines Gypsy-Orchesters. Für den Sohn war der Weg zum Repräsentanten Ungarns äußerst steinig. Mit all dem im Hinterkopf rührt der Song mehr an, der ansonsten etwas schwergängig wirkt - als suche er irgendein kompositorisches Ventil, doch er findet nur ein "Na na na".

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

8. Weißrussland

ZENA - "Like It"

Zinaida Kupriyanovich ist mit 16 Jahren die jüngste Teilnehmerin am diesjährigen Eurovision Song Contest, und ihr Auftritt wirkt ein bisschen so, als habe sie auf der Musikvideo-App TikTok am Britney Spears Challenge teilgenommen. Und als Hauptgewinn gab's den ESC-Auftritt? Oder doch zumindest die mit ihrem Künstlernamen ZENA gebrandeten weißen Stiefel? Ihr Song "Like It" passt ganz gut zur Popsängerinnen-Generation von Dua Lipa, Zara Larsson, Rita Ora - ist aber denkbar simpel gehalten und nervt bald kolossal. Könnte also bis zum Abstimmen im Gedächtnis bleiben.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

Preisabfragezeitpunkt:
21.05.2019, 03:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Label:
Polystar (Universal Music)
Preis:
EUR 12,97

9. Serbien

Nevena Bozovic - "Kruna"

Mit dem Trio Moje 3 war Nevena Bozovic schon einmal auf der großen Bühne des ESC zu sehen. Trat sie jedoch 2013 mit einem Uptempo-Song an, kommt die 24-Jährige diesmal mit einer Balkan-Ballade an, die wir nur deshalb nicht klassisch nennen möchten, weil der Anteil an lokalen Instrumenten zu gering ist - und stattdessen eine fiese E-Gitarre kurz zu hören ist, zu der wiederum der angedeutete Lack-und-Leder-Look der Sängerin passt. Ach, insgesamt ist es doch ein arges Kuddelmuddel - und wohl wieder das Aus im Halbfinale.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

10. Belgien

Eliot - "Wake Up"

In den ungeraden Jahren ist das französischsprachige Fernsehen aus der Wallonie für den belgischen Beitrag zuständig - was seit einer Weile keine Chansons mehr bedeutet, sondern experimentell angehauchten modernen Pop. 2017 brachte das mit "City Lights" und der Sängerin Blanche im Finale einen starken vierten Platz ein - also wurde diesmal erneut der Songwriter Pierre Dumoulin von der Gruppe Roscoe beauftragt. Interpret ist erneut ein weitgehend Unbekannter, der 18-jährige Gymnasiast Eliot Vassamillet aus Mons. Die intensive Stimmung der Produktion ist eine Stärke des Songs, doch die hölzerne Bühnenshow mit zwei Trommlern und einigen Stimmwacklern ließ nach den Proben in Tel Aviv Skepsis aufkommen.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

11. Georgien

Oto Nemsadze - "Keep on Going"

Der 29-Jährige hat sich mit dem Sieg bei "Georgian Idol" für die ESC-Teilnahme qualifiziert, die er zum Aufruf nutzt, den Stacheldraht zu überwinden. Das Pathos und die Inbrunst, mit der er das tut, lassen an eine Coldplay-Coverband beim Mittelalterfest denken. Was er genau sagen möchte, wird den meisten Zuschauern verborgen bleiben, denn trotz des englischen Titels ist das Lied komplett auf Georgisch gehalten. Schwarzgekleidete Choristen singen zwischen Feuerfontänen "Varada Varada" - es ist Eurovision-Zeit!

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

12. Australien

Kate Miller-Heidke - "Zero Gravity"

Seit 2015 dürfen die Australier als eine Art Ehren-Europäer am Song Contest teilnehmen. Mit ihrem großen Enthusiasmus sind sie ein willkommenes Mitglied der ESC-Gemeinschaft geworden. Jahr für Jahr wählte der TV-Sender SBS sehr professionelle Interpreten und geschmackvolle Popsongs mit R&B-Anstrich aus, die es locker ins Finale schafften. Doch in diesem Jahr ließ man das australische TV-Publikum mitentscheiden - und was ist die Folge? Vivaldi-Geträllere zu Beats von einer Opern-Crossover-Starsängerin, die mit Dornenkrone und im Hochzeitstortenkleid auf einem Stab hin und her schwankt. Sollten noch Zweifel bestanden haben: Doch, sie lieben den ESC mit seinem ganzen Irrsinn, dort, Down Under.

Chancen aufs Weiterkommen: 5/5

13. Island

Hatari - "Hatrid mun sigra"

"Der Hass wird siegen", singt die isländische Gruppe Hatari, " Europa wird zusammenbrechen". Eigentlich hatte das Label der Band, deren Name "Hasser" bedeutet, Ende 2018 schon ihre Auflösung gefordert, weil sie ihren Zweck - nämlich den Kapitalismus zu überwinden - nicht erreicht habe. Aber dann kam der Ruf nach Tel Aviv, wo Hatari sich prompt eine Gelbe Karte der EBU-Funktionäre einfingen: "Wir hätten die Grenze der Toleranz erreicht", was das Politikverbot beim ESC beträfe, erzählte Hatari-Mitglied Matthias Tryggvi Haraldsson. Bei gewöhnlichen Zuschauern werden womöglich eher Toleranzgrenzen des Musikgeschmacks ausgetestet: Die Strophen haben einen für ESC-Verhältnisse recht kompromisslosen Industrial-Sound, zu sehen sind viel Leder, Nieten, Ketten. Doch was im Video düster und bedrohlich aussieht, könnte als Bühnenshow wie "Rammstein - das Musical" wirken.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

14. Estland

Victor Crone - "Storm"

Ein mittellanghaariger Akustikgitarrenmann in Lederjacke singt über einen Sturm: Mit diesem Beitrag legt sich Estland fest auf die Rolle als Irland des Baltikums. Dabei ist Victor Crone Schwede. Die dortige harte ESC-Qualifikation hat er aber nicht geschafft, in Estland war es leichter. Sein pathossatter Song steigert sich hinein in ein kitschiges Finale mit Elektrobeats und Streichern - ohne die Nostalgie, die den Song "Goodbye to Yesterday" auszeichnete, mit dem Songwriter Stig Rästa 2015 selbst angetreten und ins Finale gekommen war.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

15. Portugal

Conan Osiris - "Telemóveis"

Tiago Miranda hat seinen Künstlernamen der Manga-Serie "Future Boy Conan" und der ägyptischen Gottheit Osiris entliehen. Osiris war der Gott des Jenseits, und mit höheren Welten spielt auch dieser Song, dessen erste Zeilen übersetzt heißen: "Ich habe das Handy kaputt gemacht, als ich versucht habe, den Himmel anzurufen". Er wolle erfahren, ob er die "Saudade" abtöten könne - den typisch portugiesischen Weltschmerz. Hui. Die Musik dazu: Der venezolanische Elektronik-Produzent Arca trifft "Cabaret". Noch spektakulärer: Die Bühnengarderobe - hier der Verweis auf die Expertin. Wegen Auftritten wie diesem lohnen sich die Halbfinals beim ESC!

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

16. Griechenland

Katerine Duska - "Better Love"

Das wird sehr spannend: Griechenland hat diesmal eine anspruchsvolle Kombination zusammengestellt. Die kanadisch-griechische Sängerin Katerine Duska hat eine herausstechende tiefe Stimme und ist bereit, sich zur Bühnenkönigin aufstylen zu lassen. Ihren Song "Better Love" hat sie selbst zusammen mit dem queeren Indie-Pop-Sänger Leon of Athens und dem routinierten schottischen Songwriter David Sneddon geschrieben. Letzterer arbeite schon für Lana Del Rey oder Hurts, das ist so das ästhetische Terrain, auf dem wir uns hier bewegen - wobei "Better Love" im Refrain vor allem an Florence and the Machine erinnert. Popmusik vom Rand des Mainstreams also - kann das beim ESC funktionieren? Die Prüfung kommt im Finale.

Chancen aufs Weiterkommen: 5/5

17. San Marino

Serhat - "Say Na Na Na"

Wer könnte ihn vergessen? Serhat, der Mittelmeer-Leonard-Cohen im auberginefarbenen Anzug und Hut: 2016 brachte er San Marino nicht ins Finale - zu schwach war der Song. Seine englische Aussprache ist nicht akzentfreier geworden in der Zwischenzeit - aber das macht nichts, denn der 54-Jährige muss ja diesmal hauptsächlich überzeugend "Na Na Na" singen. Den geschmeidigen Discosong hat der Türke selbst geschrieben, zusammen mit der Texterin Mary Susan Applegate, die schon für Jennifer Rush oder Modern Talking reimte. Das ist also alles reichlich altbacken, aber für einen knappen Finaleinzug könnte es trotzdem reichen.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

Eurovision Song Contest, 1. Halbfinale, Dienstag, 14.5., 21 Uhr, ONE



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
hannelore101 14.05.2019
1. Hatari
... ist ein Wort aus dem Kiswahili und bedeutet ganz einfach 'Gefahr'. Wie kommt man denn auf 'Hasser?
Misanthrop 14.05.2019
2. Muttersprache
Ich drücke allen, die den Mut haben, in ihrer Landessprache zu singen, die Daumen zum Weiter-Kommen! Es bereichert diesen Wettbewerb, der in den letzten Jahren zum Großteil nur noch aus englischsprachigen 08/15-Popsongs bestand.
112211 14.05.2019
3. Soundschreck
Wenn San Marino den ersten Platz abräumt, wird der Kleinststaat bis ins Jahr 2138+ die Schulden für die Austragung des Finales in 2020 abzahlen.
chakula 14.05.2019
4. Hatari
Zitat von hannelore101... ist ein Wort aus dem Kiswahili und bedeutet ganz einfach 'Gefahr'. Wie kommt man denn auf 'Hasser?
Die Band kommt aus Island und Isländer haben nicht viel mit Kiswahili zu tun. Die schwätzen Isländisch ;-) kwa heri!
elektrofachkraft 15.05.2019
5. Name of the song…? - Darude Sandstorm
Ich vermute, dass sich die großen Gamer-Communities nicht so sehr um den ESC scheren. Ansonsten wäre bei Darude ein Wahnsinns-Erfolg quasi vorprogrammiert. ;-)
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