Zweite ESC-Vorrunde Wer hat das Finale verdient?

Zehn Finalplätze sind noch frei beim Eurovision Song Contest, 18 Länder bewerben sich darum. Diesmal auch stimmberechtigt: die deutschen Zuschauer. Einschätzungen zu allen Titeln im ESC-Soundcheck.

Jonathan Brincat

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Anders als beim ersten Halbfinale sind dieses Mal auch die deutschen Fernsehzuschauer abstimmberechtigt - per Anruf, SMS oder über die offizielle Eurovision-App.

1. Armenien

Srbuk - "Walking Out"

Über eine toxisch gewordene Beziehung scheint Srbuhi Sargsyan zu singen - so viel habe sie hingenommen, nun sei es genug, sie geht: "You're no more a king, 'cuz I was your crown". Im Musikvideo singt die 25-Jährige, die sich kurz Srbuk nennt, inmitten einer Männergruppe, die ihr zu nah kommt, sie herumschubst, bis sie sich befreit. Bei den Proben zur Halbfinal-Show verzichtete Armenien auf Tänzer, verlässt sich ganz auf die Ausstrahlung und die nicht unsoulige Stimme der Sängerin. Die dramatische Elektro-Ballade ist nicht so stark, dass das sicher reicht.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

2. Irland

Sarah McTernan - "22"

Nach drei Jahren mit jungen Männern schickt Irland nun eine Solosängerin: Die 25-jährige Sarah McTernan war im Vorjahr schon nach San Marino gegangen, um sich ihren ESC-Traum zu erfüllen - da scheiterte sie im Auswahlprozess. Nun schickt ihr Heimatland sie ins Rennen mit einem nostalgischen, ganz charmanten Gitarrenpop-Liedchen über die Zahl 22 - wie die Nummer des Hauses, vor der sie einst geküsst wurde. Das niederländische Komponistenteam wird von Janieck Devy angeführt, 2015 der Sänger desNummer-eins-Hits "Reality" von Lost Frequencies. Der Beat fehlt hier, dafür gibt es ein etwas fehlgeleitetes Fünfzigerjahre-Diner als Bühnendeko. Ob das reicht? Zu allem Überfluss hatte die arme Sarah in der Probewoche Weisheitszahnsorgen.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

3. Moldau

Anna Odobescu - "Stay"

Für den in Tübingen geborenen griechischen Songwriter Gorgi muss das ein großer Tag sein: Über 30 Einreichungen zu verschiedenen nationalen Vorentscheiden verzeichnet seine Wikipedia-Seite, nun hat einer seiner Songs es erstmals zum Song Contest geschafft. Der Text stammt aus dem ESC-Textbaukasten - "Hold on" und "Be strong" gleich in den ersten beiden Zeilen! Der Song beginnt als Klavierlied, wuchtet sich aber mit ohrfeigengleichen Snaredrum-Schlägen zur Powerballade herauf - komplett mit Tonartwechsel und Mitklatsch-Break. Fehlt noch was? Ach, klar: ein Gimmick für die Bühnenshow. Die moldauische Delegation reaktivierte die Sandmalerin, die2011 der Ukraine zu Platz vier verhalf.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

4. Schweiz

Luca Hänni - "She Got Me"

In den vergangenen zehn Jahren hat es die Schweiz nur zwei Mal ins ESC-Finale geschafft. Aber diesmal wollen es die Eidgenossen wissen: Sie schicken Luca Hänni ins Rennen - doch den 16-jährigen "Sonnenschein", der bei Dieter Bohlens "DSDS"-Show siegte, wird man kaum wiedererkennen: Dreitagebärtig und mit ärmellosem Shirt singt er vom "dirty dancing". Der von einem schwedischen Produzententeam vorgelegte Song klingt, als könne er aus einer Latinobar am Limmatquai tönen (falls es so etwas gibt): sehr zeitgemäßer, R&B-beeinflusster Pop; dass Luca Hänni bei allem Bemühen um verführerische Blicke kein Justin Timberlake ist, wird man ihm an dieser Stelle nicht allzu übelnehmen.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

5. Lettland

Carousel - "That Night"

Sängerin Sabine Zuga umrahmt ihren Kopf mit einem breitkrempigen Hut. Gitarrist Marcis Vasiljevskis war bei den Proben noch unschlüssig, ob er seine langen Locken - Erinnerung an seine Hardrocker-Tage? - im Zopf bändigen soll oder nicht. Dazu zupft einer den Standbass, das Schlagzeug tuschelt. Die lettische Gruppe Carousel gibt sich konsequent folky, von Ferne kommen Erinnerungen an Deutschlands Trio Elaiza hoch, doch die hatten deutlich mehr Schwung. Carousel erzeugt eine Stimmung, wie man sie von Sängerinnen wie Feist oder Yael Naim kennt, aber der (selbstgeschriebene) Song findet keine rechten Höhepunkte. 18 Lieder sind viele - ob die Letten dazwischen in Erinnerung bleiben?

Chancen aufs Weiterkommen: 1/5

6. Rumänien

Ester Peony - "On a Sunday"

Gruselschauer sind erwünscht bei der Performance des rumänischen Beitrags, der mit Gothic-Horror-Bilderwelten illustriert werden soll. Mit dem Songtext, der vom Verlassenwerden handelt, hat das selbstredend nur assoziativ etwas zu tun. Aber ein bisschen Show braucht der arg gebremst wirkende Song schon, der nie zu jammerig, aber auch nicht zu ausgelassen werden will. Ester Peony, die eigentlich Alexandra Cretu heißt und in Montreal aufgewachsen ist, traut sich gesanglich auch nicht so richtig, die Bukarest-Beyoncé herauszulassen, die ganz vielleicht in ihr steckt.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

Preisabfragezeitpunkt:
21.05.2019, 03:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Label:
Polystar (Universal Music)
Preis:
EUR 12,97

7. Dänemark

Leonora - "Love Is Forever"

Ein überdimensionaler Stuhl ist das Bühnenrequisit, mit dem der dänische Beitrag assoziiert werden wird. Denn Fragen wie: "Was war nochmal Dänemark?" könnten aufkommen, angesichts des allzu leichtgewichtigen Liedchens von Leonora Colmor Jepsen. Die war zwar in ihrer Jugend eine ziemlich erfolgreiche Eiskunstläuferin, doch an die ESC-Tradition dieses Sports wollte sie offenbar nicht anknüpfen. Mit der Textzeile "Don't get too political" schmeißt sich das dänische Team arg an die aufs Politikverbot so bedachte EBU heran - die Harmlosigkeit der Botschaft geht auch in vier verschiedenen Sprachen nicht weg (deutsche Zeile: "Liebe ist für alle da"). Aber immerhin wird es am Ende heißen: "Ach ja, das waren die mit dem Stuhl!"

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

8. Schweden

John Lundvik - "Too Late For Love"

John Lundvik kam 1983 in London zur Welt, wuchs aber im schwedischen Växjö auf, wo er als Leichtathlet reüssierte. In der schwedischen Musikszene wurde Lundvik zunächst vor allem als Songwriter bekannt. So richtig selbst in den Vordergrund stellte er sich erst mit Mitte 30, als er 2018 bei der schwedischen ESC-Vorentscheidung in die letzte Runde kam. Ein Jahr später war ihm der Sieg nicht zu nehmen mit seinem energiereichen Popsong "Too Late for Love", bei dem er auf dem gesanglichen Höhepunkt durch die vier Gospelsängerinnen von der Gruppe The Mamas eindrucksvoll unterstützt wird. Im Finale könnte er sich selbst Konkurrenz machen, denn Großbritannien tritt mit einem Song an, bei dem Lundvik mitgeschrieben hat - doch der schwedische Beitrag ist der deutlich stärkere.

Chancen aufs Weiterkommen: 5/5

9. Österreich

PÆNDA - "Limits"

War blaugrünes Haar schon je so in Mode wie derzeit, da Billie Eilish in den Charts der Welt ganz oben steht? Doch von der ist die Österreicherin Paenda musikalisch weit entfernt: Bei aller Melancholie ist ihre Komposition "Limits" sehr viel harmonischer und auch konventioneller. Im ESC-Kontext ist der konzentrierte Auftritt der Sängerin, die als Gabriela Horn im steiermärkischen Deutschlandsberg zur Welt kam, dennoch ein Wagnis.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

10. Kroatien

Roko - "The Dream"

Musikalisch ist Roko recht weit entfernt vom modernen Leben: Er singt eine so richtige Eurovisions-Schnulze zwischen Fremdschämen und vor Rührung heulen. "I dream of love, you dream of love" und tatsächlich auch noch "we all dream of love". Zur Hälfte wechselt die Tonlage und auch die Sprache, dann geht's auf Kroatisch weiter. Roko Blazevic ist mit seinen Engelsflügeln das Gesicht, aber der eigentliche Kitschmeister im Hintergrund ist Jacques Houdek, der doppelgesichtige Vertreter Kroatiens 2017, der "The Dream" komponiert hat. Wird die Geister scheiden. Musik, die man nur in der ESC-Woche erträgt - aber dann vielleicht sogar liebt.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

11. Malta

Michela - "Chameleon"

Einen äußerst modernen Popsong mit geschickt reduzierter Hintergrundmusik schickt Malta ins Rennen - da hat man weder Kosten noch Mühen gespart, denn für die Musik zeichnen Songwriting-Routiniers aus Schweden und Bulgarien verantwortlich, die zum Beispiel Österreichs Cesar Sampson 2018 einen starken dritten Platz einbrachten. Ganz und gar nicht routiniert ist hingegen die Interpretin, die 18-jährige Michela Pace von der Insel Gozo. Sie singt so schöne Zeilen wie "I can be your jungle" oder auch "Yalla yalla yalla la la la" - nicht ohne!

Chancen aufs Weiterkommen: 5/5

12. Litauen

Jurij Veklenko - "Run With The Lions"

Vorgearbeitet in die Bühnenmitte hat sich der 28-jährige Sänger aus Klaipeda - 2015 war er noch als Hintergrundsänger für Litauens ESC-Beitrag dabei. Nun darf er im Mittelpunkt stehen mit seiner Interpretation eines vielleicht etwas allzu routinierten Elektro-Popsongs aus schweizerisch-englischer Feder. Da wird jedes "oh-ho" sitzen, aber der große Charme eher ausbleiben. Doch das dachte man auch bei dem Kollegen aus Estland im ersten Halbfinale - und der setzte sich überraschend durch.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

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ESC 2019: Sie singen im 2. Semifinale

13. Russland

Sergey Lazarev - "Scream"

Er kann nur ein Ziel haben: den Gesamtsieg. Schließlich war Sergey Lazarev 2016 mit "You Are the Only One" der Sieger in der Publikumswertung - wurde aber wegen der Jurystimmen noch durch den ukrainischen Beitrag abgefangen. Sein diesjähriger Song gibt Lazarev sehr viel Raum, um seine Gesangsstimme auszustellen - da hat der Produzent, Russlands gar nicht graue ESC-Eminenz, Philipp Kirkorov schon drauf geachtet, denn das flößt Jurys Respekt ein. Wie 2016 interagiert Lazarev wieder souverän mit den Hintergrundgrafiken. Stark, aber finden sie noch das gewisse Etwas?

Chancen aufs Weiterkommen: 5/5

14. Albanien

Jonida Maliqi - "Ktheju tokës"

Albanien bleibt sich treu und schickt erneut eine schwer verdauliche Schreiballade ins Rennen. Immerhin hat man sie diesmal nicht in ein hölzernes Englisch übersetzt, sondern den albanischen Text beibehalten. Der richtet sich aber offenbar vor allem sowieso an die Albaner in der Diaspora: "Kehr in dein Land zurück" heißt es da übersetzt, und "so viel Sehnsucht und so wenig Hoffnung / alleine, identitätslos". Die 36-jährige Sängerin gehört zu den prominenteren Stimmen der albanischen Musikszene.

Chancen aufs Weiterkommen: 2/5

15. Norwegen

KEiiNO - "Spirit in the Sky"

Nein, keine Version von Norman Greenbaums Klassiker, schließlich sind Cover nicht erlaubt beim ESC, der ja dem Wesen nach ein Kompositionswettbewerb ist. Die norwegische Komposition ist ein sehr auf den Punkt gebrachter, feister Euro-Trash-Knaller - mit kreischender Sängerin und dröhnendem Männerchor. Ausgedacht hat sich das der Songwriter Tom Hugo, der seine Gruppe mit einer Sängerin, die für Alan Walker gesungen hat, und einem Rapper aus der Volksgruppe der Samen vervollständigte - um seine Diversity-Botschaft sichtbar zu machen. Eurovision-Logik at its best!

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

16. Niederlande

Duncan Laurence - "Arcade"

War das erste Halbfinale vom Los zur Präsentationsfläche für die ausgefalleneren Showideen des ESC 2019 gemacht worden (portugiesischer Tanz, australische Stelzen, isländisches SM-Singspiel), kommt es im zweiten Semifinale zum großen Auftritt derer, die sich auf ihren Song verlassen wollen. Die Niederlande wurden schon frühzeitig zu dem Topfavoriten des Jahres ausgerufen. Das liegt an der unzweifelhaft schönen Ballade, die der holländische Starproduzent Oscar Holleman (Krezip, Kovacs) dem 25-jährigen Sänger auf den Leib geschneidert hat. Aber es liegt mutmaßlich auch ein bisschen am Leib, an Duncan Laurences Körper, der im Vorabvideo ausgiebig beim Schwimmen zu betrachten ist. Auf der ESC-Bühne sitzt er angezogen am Klavier. Ein Favoritensturz ist sehr unwahrscheinlich, aber auch nicht völlig undenkbar.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

17. Nordmazedonien

Tamara Todevska - "Proud"

2008 sang Tamara Todevska noch für ein Land, das die ESC-Fans liebevoll "Fyrom" nannten - nun vertritt sie Nordmazedonien mit einer ausgesprochen kraftvoll vorgetragenen Hymne auf das weibliche Selbstbewusstsein. Das bekommt hier eine neue Signalfarbe: türkis wie Tamaras Kleid.

Chancen aufs Weiterkommen: 3/5

18. Aserbaidschan

Chingiz - "Truth"

2018 ist es also zum ersten Male passiert: Aserbaidschan ist im Halbfinale ausgeschieden - haarscharf, aber dennoch! Diese Schmach soll Chingiz Mustafyev ausbügeln, der 28-Jährige gewann schon 2007 die lokale Version von "Pop Idol". Den Song "Truth" hat er zusammen mit dem ESC-Profi Boris Milanov geschrieben (Cesar Sampson für Österreich 2018, Poli Genova für Bulgarien 2016). Der Electro-Beat schleppt sehr locker durchs Lied, der Kopfstimmenrefrain bleibt im Gedächtnis, der vorteilhafte Startplatz wird sein Übriges tun. Nur die Aussage des Liedes bereitet uns Kopfzerbrechen: "Truth" heißt es und der Kehrreim lautet "Shut up about it". Seltsam.

Chancen aufs Weiterkommen: 4/5

Eurovision Song Contest, 2. Halbfinale, Donnerstag, 16.5., 21 Uhr, ONE

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