Nachbarschaftshilfe und Punkteverweigerer Was Sie über das ESC-Voting wissen müssen

Schieben sich Nachbarländer beim ESC gegenseitig die Punkte zu? Machen Jurys den Wettbewerb fairer? Wer ignoriert Deutschland? Alle Daten, die Sie heute Abend zum Fachsimpeln brauchen.
Nachbarschaftshilfe und Punkteverweigerer: Was Sie über das ESC-Voting wissen müssen

Nachbarschaftshilfe und Punkteverweigerer: Was Sie über das ESC-Voting wissen müssen

Foto: Ronen Zvulun/ Reuters

Beim Eurovision Song Contest sind politische Äußerungen vom Veranstalter verboten - trennen lässt sich der Wettbewerb trotzdem nicht von der Politik. In diesem Jahr forderten zahlreiche Künstler den Boykott des ESC als Zeichen gegen Israels Umgang mit Palästina. Aber lassen sich politische Konflikte auch an den Wertungen ablesen? Wie sehr beeinflusst räumliche Nähe das Abstimmungsverhalten? Und wer trifft den europäischen Musikgeschmack am besten?

1. Gibt es regionales Abstimmungsverhalten?

Ja. Seitdem die Zwölf-Punkte-Regelung 1975 eingeführt wurde, geben Teilnehmerländer ihren direkten Nachbarn mehr Punkte als Ländern ohne gemeinsame Grenze: Nachbarn bekamen im Schnitt 4,3 Punkte, andere nur 2,4 Punkte. Dieser Effekt lässt sich mal stärker und mal schwächer in fast ganz Europa finden.

Einzig Tschechien fällt deutlich aus dem Muster: Hier gingen durchschnittlich 2,4 Punkte an nicht-benachbarte Länder und nur 0,5 an Nachbarn. Vielleicht liegt dieser Ausreißer aber auch einfach daran, dass es in den sieben Teilnahmejahren Tschechiens die benachbarte Slowakei nie ins Finale geschafft hat und die Beiträge der anderen Nachbarn - Deutschland, Österreich und Polen - meist auch in ganz Europa schlecht abgeschnitten haben.

Dieses regionale Abstimmungsverhalten muss nicht zwingend böswillige Punkteschieberei sein. Europa ist kulturell vielfältig, und so treffen auch verschiedene musikalische Traditionen beim ESC aufeinander. Aserbaidschan und die Türkei sind sich schlichtweg kulturell näher als Belgien und Georgien. Gleichzeitig kommt es häufiger vor, dass die Berühmtheit von Künstlern auch in die Nachbarländer reicht - wie in diesem Jahr von "DSDS"-Gewinner Luca Hänni, der für die Schweiz antritt.

2. Gibt es eine Spaltung zwischen Ost- und Westeuropa?

Osteuropäische Länder geben mehr Punkte in den Osten als in den Westen - bei westeuropäischen Ländern ist es umgekehrt. Stärker noch ist aber der Unterschied zwischen Nord und Süd: Nordeuropäische Länder geben Ländern aus der eigenen Region im Schnitt vier Punkte und südeuropäischen Ländern nur 1,6 Punkte. Insbesondere das Baltikum und Skandinavien punkten sich selbst hoch. Besonders wenig Punkte geben sich hingegen Länder aus dem Baltikum und vom Balkan gegenseitig.

3. Helfen Jurys gegen regionales Abstimmungsverhalten?

Komplett verhindern können die Jurys diesen Effekt nicht - aber sie mildern ihn ab. Bis die European Broadcasting Union (EBU), der Veranstalter des ESC, 1998 nahezu flächendeckend das Televoting einführte, wurden Nachbarländer nur leicht bevorteilt - seitdem bekommen sie fast immer mehr als die doppelte Punktzahl von Nicht-Nachbarn.

Gerade zwischen 2004 und 2008, als ausschließlich das Publikum entschied, war der Effekt extrem. Seit 2009 steuert die EBU nun mit verschiedenen Voting-Reformen dagegen. Auch die wieder eingeführten Jurys bewerten die Künstler angrenzender Länder zwar besser. Aber der Effekt ist im Vergleich zur Publikumswertung gering.

4. Von wem gibt es keine Punkte für Deutschland?

Montenegro, Mazedonien, Weißrussland, Armenien und Aserbaidschan. All diese Länder waren schon mehr als zehn Mal dabei und haben Deutschland dabei höchstens ein Mal Punkte gegeben. Glaubt man den aktuellen Wettquoten, wird Deutschland in diesem Jahr aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur in diesen fünf Ländern leer ausgehen.

5. Hat die Griechenlandkrise auch das musikalische Verhältnis zu Deutschland verschlechtert?

Nein. Tatsächlich hat Deutschland seit 1975 nur zehn Mal Punkte von Griechenland bekommen und 27 Mal null Punkte - die deutsche Musik scheint den Griechen also schon immer kaum zu gefallen. Dass Michael Schulte 2018 zwei Punkte vom Publikum bekommen hat, liegt auch nur an der neuen Aufteilung. Nach dem alten System wäre er leer ausgegangen. Außer ihm holten in den letzten 25 Jahren nur drei Künstler Punkte aus Griechenland: Lena (2010, 2011), Michelle (2001) und Guildo Horn (1998).

6. Wer gibt Deutschland definitiv Punkte?

Niemand. Während im Rest Europas viele enge Partnerschaften stehen, bekommt Deutschland nicht einmal von seinen direkten Nachbarn zuverlässig Punkte. Dänemark und Spanien geben Deutschland immerhin im Schnitt nur alle drei Jahre null Punkte. Besser wird es nicht.

Europaweit am schlimmsten steht in dieser Statistik Österreich da: Vom engsten "Verbündeten" Belgien bekommt das Land sogar nur bei jeder zweiten Finalteilnahme überhaupt Punkte.

7. Hat der Ukrainekonflikt den ESC beeinflusst?

Ganz ohne auf die Wertungen zu gucken, beeinflusst dieser innereuropäische Konflikt den Eurovision Song Contest seit Jahren stark. 2015 konnte die Ukraine wegen des Krieges nicht teilnehmen, 2017 durfte die für Russland nominierte Julija Samoilowa nicht in die Ukraine einreisen. In diesem Jahr scheiterte wieder die Teilnahme der Ukraine an Auswirkungen des Konfliktes: Die eigentlich ausgewählte Sängerin MARUV warf dem öffentlich-rechtlichen Sender UA:PBC auf Facebook vor, sie als "Werkzeug im politischen Spiel" missbrauchen zu wollen und verzichtete auf den Startplatz.

Am Rande dieses Konflikts sind dann auch die Jurys der beiden Länder nicht frei von politischen Einflüssen. Vor dem Krieg gaben sie sich noch gegenseitig regelmäßig Topplatzierungen. Seit 2014 ist diese Freundschaft zerbrochen. Für 2016 hat die EBU die genauen Platzierungen jeder Jury herausgeben. Damals setzten die russischen Wertungsrichter die Ukraine auf den vorletzten Platz, die Jury aus der Ukraine setzte Russland auf Platz 22 von 25. Dabei war 2016 wohlgemerkt das Jahr, in dem die Ukraine gewonnen hat und Russland insgesamt auf dem dritten Platz landete. Für 2020 hat die Ukraine angekündigt, wieder teilnehmen zu wollen - es sei denn, der ESC würde in Russland stattfinden.

8. Welche Länder sind die engsten Verbündeten?

Die wirklich engen Partnerschaften des ESC sind alle wenig überraschend und historisch begründet. Zypern gibt traditionell die Höchstpunktzahl nach Griechenland - in den letzten 25 Jahren gab es nur zwei Ausnahmen. Von den Griechen bekommt Zypern wiederum durchschnittlich 10,5 Punkte. Ähnlich eng ist die Beziehung zwischen Rumänien und Moldau. Die beiden Länder geben sich gegenseitig im Schnitt sogar mehr als elf Punkte.

Die größte Punkte-Freundschaft ruht aber seit einigen Jahren. Fünf Mal nahmen Aserbaidschan und die Türkei gleichzeitig am Eurovision Song Contest teil, und jedes Mal tauschten sie die zwölf Punkte aus. Seit 2013 schickt die Türkei nun keinen Vertreter mehr zum Wettbewerb - so leidet sicher auch deswegen die Platzierung Aserbaidschans. Nach sechs Top-Ten-Platzierungen in Folge wartet das kleine Land nun schon fünf Jahre auf den nächsten ESC-Hit.

9. Wer sagt den Gewinner voraus?

Ganz genau sollten ESC-Fans bei der Verkündung der israelischen Jurypunkte hinhören. Hier landete der spätere Gewinner seit 2014 immer auf einem der ersten beiden Plätze. Ähnlich spannend ist die Bewertung Montenegros: Als einzige Jury hat diese dem späteren Sieger immer null Punkte gegeben. Kein Land ist weiter weg vom europäischen Gesamtgeschmack. Beim Publikum hat Finnland die Nase vorne - hier bekam der Gewinner im Mittel 10,6 Punkte.

Und die deutsche Platzierung? Es ist schwierig, die Nuancen von Null-Punkten der letzten Jahre zu unterscheiden. Mit vier Mal null und ein Mal sieben Punkten hat die spanische Jury Deutschland zuletzt aber immer genau richtig einsortiert. Punkte aus Spanien wären also zumindest ein Indiz für eine Top-Ten-Platzierung Deutschlands.

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