ESC-Stylecheck Auf freigelegte Bürzel wird dankenswerterweise verzichtet

Bewohnbare Turmkleider, rachsüchtige Schmandköniginnen und Glitzer-Egel: Der Eurovision Song Contest schießt, rein outfitmäßig, wieder aus allen Wunderlichkeitskanonen. Acht bemerkenswerte Stileskapaden.

Hat im Flamboyanzbedarf tief ins Täschchen gegriffen: Portugals Conan Osiris
Pedro Pina/ RTP

Hat im Flamboyanzbedarf tief ins Täschchen gegriffen: Portugals Conan Osiris

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1. Zypern - Tamta: "Replay"

Hier hat eventuell jemand in David Lynchs Altpapier mit den Verworfene-Ideen-Kladden gekruschtelt: Erst sehen wir Sängerin Tamta so verschwenderisch pink umtüllt, als sei dieses Video ein Awareness-Imagefilm gegen zu viel Verpackungsmüll, dann duscht sehr kurz jemand, Daunen rieseln, Menschen werden an dickgliedrige Ketten gelegt, es gibt eine Champagnerdusche, in einer Frivolwerkstatt werden anzügliche Schweißarbeiten ausgeführt. Auf dem Kopf der Sängerin Tamta scheint sich zwischenzeitlich ein Rudel Glitzer-Egel festgesaugt zu haben, sie wirft mit Messern und Hundeleckerli, dann versucht sie, aus einem Herren-Sanitärbereich aus dem Fenster zu fliehen, jemand wird mit Honig übergossen, und zwischendurch ist immer wieder superkurz der Blitzduscher zu sehen, als sollte man subtil zum Waschgelkauf getriggert werden, womöglich rüsten Influencer jetzt mit solch perfiden Mindgames auf - kurz gesagt: Das offizielle Video zum zyprischen Beitrag "Replay" beschäftigt selbst erfahrene Metapherdröselisten länger als das jüngste Rammstein-Filmchen. Man darf gespannt sein, ob und wie sie all diese Verstörlichkeiten bei ihrem Auftritt auf die Bühne übersetzen wird. Falls das Budget knapp wird: Wir raten zur radikalen Reduktion auf Egeldusche.

2. Polen - Tulia: "Fire of Love"

Wir sehen und hören das Klagelied der Zweit-, Dritt-, Viert- und Fünftplatzierten bei der diesjährigen Schmandköniginnenwahl, die - noch in vollem Wettbewerbsornat samt Klimbimkrone - ihren Schmerz über den abermals durch plumpe, usurpatorische Schiebung an die Tochter des Molkereimagnaten verlorenen Ehrentitel in die Welt singen. In ihren traditionellen roten Plusterärmeljacken und Streifenröcken wirken sie dabei rural-festlich, durch die statische Drehscheibenfixierung aber auch latent gruselig. Man möchte nicht in der Haut des bestochenen Schmandköniginnenwahljurors stecken, den diese vier Rachegöttinnen zu Recht in seinen unruhigen Träumen heimsuchen und mit extra angespitzten Roggenhalmen pieksen.

3. Tschechische Republik - Lake Malawi: "Friend of a Friend"

Würde man Tim Bendzko, Wincent Weiss sowie eine saisonale Auswahl weiterer Fühlosophiesänger optisch auf einen einzigen Menschen verdichten, die Chancen stünden ganz gut, dass dabei der Sänger von Lake Malawi herauskäme. Als lammlockiger Süßknabe im senfgelben Sweater singt er mit arglosen Klimperaugen von nachbarlicher Bumsegeräuschbelästigung und turnt im Video wie ein possierliches Äffchen durch ein Instagramgitter. Seine beiden Bandkollegen sind ebenfalls maximal basic und schmucklos gekleidet, nach dem Uni-Oberteil-Stilvorbild von Tick, Trick und Track wurde jedem eine Farbe zugeordnet, auf freigelegte Bürzel aber dankenswerterweise verzichtet. Eine Honigdusche würde den Outfits guttun.

4. Australien - Kate Miller-Heidke: "Zero Gravity"

Endlich umarmen auch die Australier, für den Song Contest ja seit einigen Jahren zu Europäern ehrenhalber ernannt, den stilistischen Wahnsinn dieser Veranstaltung mit offenen Armen - und kombinieren für ihren Auftritt zwei weltbekannte Sehenswürdigkeiten. Das dünnstachelige Strahlen-Diadem von Kate Miller-Heidke erinnert vage an den Kopfputz der Freiheitsstatue, leider aber auch an die Taubenabwehrsysteme echter Ätzmolche, die ihre Fensterbänke mit ähnlichem Stachelwerk in unbelandebare Dornenvögel-Streifen verwandeln. Für Kates Kleid hat man dann der Einfachheit halber ganz simpel den Eiffelturm mit Stoff verkleidet, zack, fertig ist die Robenlaube, die man außerhalb der ESC-Hauptsaison auch problemlos als Tiny House für eine genügsame Kleinfamilie vermieten kann. Es ist wirklich SEHR hoch. Darüber, was darunter bei Kate Miller-Heidkes Auftritt so abgeht, kann man angesichts ihrer zuweilen etwas spitzen Schreie nur mit roten Ohren mutmaßen.

5. Island - Hatari: "Hatrid Mun Sigra"

Prächtige Rollbraten, aber als Bühnenoutfit: Passend zu den gegauzten Strophen tragen die meisten Beteiligten an diesem herrlichen S/M-Minimusical hübsche Schnürgeschirre aus Leder, deren großzügige Beösung sicher praktisch ist, falls man sich überraschend mal irgendwo abseilen oder irgendwen vor dem Supermarkt anbinden muss. "Der Hass wird siegen/ Europa wird zusammenbrechen" ist die Gude-Laune-Wohlfühlbotschaft des begleitenden Liedtextes, der laut Interpretationshilfe vor allem antikapitalistisch gemeint sein soll. Bei aller arg angestrengten Bösigkeit ist das irgendwo schon auch niedlich.

6. Deutschland - Sisters: "Sister"

Schaltet man während der Darbietung des deutschen Beitrags - ganz wertneutral, aus rein wissenschaftlichen Gründen - kurz mal mal den Ton auf stumm, könnte man wegen der ganzheitlichen Schwarzklamottierung leicht auf die falsche Fährte geraten, worüber hier gerade gesungen wird: Weder streiten sich hier zwei Jungarchitektinnen engagiert über die Vorzüge von Sattel-, Walm- und Schleppdach, noch hadern zwei Vertreterinnen der "Sartre-Freunde Bitburg-Prüm" mit ihrem allzu minimalistisch ausgefallenen Bühnenbild. Wer nun gemein kalauert, die Farbe des Bühnenoutfits korrespondiere ganz gut mit den Erfolgschancen des diesjährigen Beitrags, da die auch eher in den Dusterbereich spielten, muss zur Strafe den Ton sofort wieder anschalten.

7. Portugal - Conan Osiris: "Telemóveis"

Angesichts dieser herrlich wahnsinnigen Goldblech-Gesichtsverspoilerung wird sich Harald Glööckler vor Wut eine Woche lang nicht die Augenbrauen zupfen, weil ihm dieser überkandidelte Geniestreich nicht selbst eingefallen ist. Conan Osiris hat im Flamboyanzbedarf tief ins Täschchen gegriffen und ist bestens ausgestattet: Er hat goldene Langkrallen, die Essstäbchen für ihn überflüssig machen, einen flauschigen Bademantel, zusammengenäht aus 1000 Angorakaninchenbabys und einen extrem exaltierten Tänzer, der einen formvollendeten Deathdrop hinlegt. Nur die Musik, die stört leider ein bisschen.

8. Kroatien - Roko: "The Dream"

Instagrammer verschmelzen überraschend mit ihren vieltausendfach durchgenudelten Motiven und müssen mit ihnen den gar nicht fotogenen Alltag bewältigen. Plötzlich merken sie, wie schwer man in der U-Bahn einen Sitzplatz findet, wenn einem ein aufgeblasener Schwimmtierschwan dauerhaft am Gesäß klebt. Dass es sich echt ungut anfühlt, wenn sich die am Strand geknipsten Hotdog-Legs auf einmal wirklich in wabbelige Würstchenbeine aus feinstem Kalbsbrät verwandeln. Und wie albern man auf einer ESC-Bühne aussieht, wenn einem die Flügel von dieser ollen Posingwand in L.A. plötzlich wirklich am Rücken festkleben. Tja, dumm gelaufen, Roko.



insgesamt 13 Beiträge
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hileute 13.05.2019
1. Werde den deutschen Beitrag beim ESC das erste Mal hören,
und mich wie jedes Jahr fragen warum ich mir dieses elend antue. Ich tippe auf eine mal wieder keinstellige Punktzahl. Finanzierung des ESC abbrechen, ins Halbfinale müssen, dann kommt auch was anständiges bei Rum ausnahmsweise
noalk 13.05.2019
2. dissertationswürdig
Weiß eigentlich jemand, wieviele Dissertationen zum Thema "ESC" schon Kulturanthropologen zum Erlangen des Doktorgrades verholfen haben?
BruceWayne 13.05.2019
3. once upon a time
Habe mir gerade ne LP von France Gall aus den 60ern angehört.... noch Fragen?
dasfred 13.05.2019
4. Freakshow mit Gedudel
Hab gerade in einige der Beiträge reingesehen und kann am Übertragungsabend wieder beruhigt ins Bett gehen. Sehr viel Aufwand, nur damit Frau Rützel uns daraus eine nette Unterhaltung destilliert.
sekundo 13.05.2019
5. Ja:
Zitat von BruceWayneHabe mir gerade ne LP von France Gall aus den 60ern angehört.... noch Fragen?
Kennen Sie "Dinge-Dange-Dong macht die Gitarre" von Willy Hagara?!? Auch sehr erfrischend.
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