Eurovision Song Contest 2019 in Israel Jeder Freund zählt

Tel Aviv hatte sich für den ESC besonders herausgeputzt. Das Image sollte verbessert, Fans aus aller Welt angelockt werden. Um Politik sollte es bitteschön nicht gehen - wie immer beim ESC. Doch in Israel konnte das nicht funktionieren.

Veronique Brüggemann/ SPIEGEL ONLINE

Aus Tel Aviv berichtet


So ein Eurovision Song Contest ist eine mitreißende Sache. Man kann komplett darin untergehen, die Welt drumherum vergessen. Es ist ein Paralleluniversum, in dem eine recht zufällig scheinende Gruppe Länder, die irgendwie an Europa hängt, friedlich und freundlich eine Gemeinschaft bildet. Hier haben alle sich lieb, hier liegt man sich schunkelnd in den Armen. Wie am Samstagabend, als die ESC-Allstars auf der Bühne zusammenkamen um Gali Ataris Song "Hallelujah" von 1979 zu singen und sogar die Journalisten im Presseraum nebenan mitsangen.

Auch im Eurovision Village, der Fanmeile am Strand von Tel Aviv, feierten Tausende diese Gemeinschaft. Auf der Wiese zwischen Tel Aviv und der alten arabischen Stadt Jaffa wird schon die ganze Woche mitgefeiert und mitgefiebert. Es gab Liveübertragungen, Auftritte der Kandidaten, Streetfood aus aller Welt und immer eine leichte Brise vom Meer. All das vor den glitzernden Lichtern der Stadt. Die Gäste lieben es.

Was viele nicht wissen: Hier stand das Dolfinarium, ein Klub, in dem vor 18 Jahren bei einem Terroranschlag der Hamas 21 Israelis ums Leben kamen, die meisten davon Teenager. Geht es um den Ort des Eurovision Village, nennen die Einheimischen nicht den Namen, Charles Clore Park. Sie sagen: "Da, wo das Dolfinarium war."

Der ESC ist unpolitisch, die Realität hat keinen Platz

Die Fans sollen unbeschwert feiern und nicht über die komplizierte Geschichte und Politik des Landes nachdenken. So wollen es die Veranstalter, so will es Israel und auch die European Broadcasting Union (EBU). Nicht in Tel Aviv und auch nicht an den Bildschirmen. Entsprechend zuckersüß waren auch das Intro zur Show und die Einspielfilme mit den Kandidaten. Es wirkte mal wieder ein bisschen, als hätte man der örtlichen Tourismusbehörde zu viel Geld hingestellt. Und etwas Ecstasy. Glückliche Menschen, malerische Landschaften, aufgeräumte Straßen.

Israels Sender KAN musste den Eurovision Song Contest allein bezahlen, die Regierung stellte lediglich einen Kredit zur Verfügung. Auch deswegen war die Halle so klein und die Tickets so teuer. Kameraführung, Videowand, LED-Boden und Leuchtelemente an der Decke sorgten dafür, dass die Bühne im Fernsehen deutlich größer wirkte. Und auch das Programm wurde nach dem Motto "mehr ist mehr" gestaltet: Vier Moderatoren gab es, darunter Supermodel Bar Rafaeli und so viele Gäste, dass es leicht war den Überblick zu verlieren: Dana International, Mans Zelmerlöw, Conchita Wurst, Izhar Cohen, Verka Serduchka, Eleni Foureira und natürlich Netta Barzilai waren nur einige davon. Hier fährt ein Land wirklich alles auf. Sogar Madonna.

Warum ist dieser ESC anders als andere ESCs?

Das ist natürlich alles soweit normal. Auch die Gastgeberländer der letzten Jahre haben sich von ihrer allerschönsten Seite gezeigt, Probleme und Konflikte ausgespart. Das Politische ist beim ESC ja bekannterweise verboten.

In Israel fällt es nur auf, weil eine Woche vorher noch Raketen aus Gaza auf das Land fielen und die Armee ihrerseits mit Gegenschlägen reagierte. Weil in Gaza und der Westbank - nur wenige Kilometer von Tel Aviv entfernt - dieser Songcontest nicht gefeiert, sondern dagegen protestiert wurde. Weil die Menschen dort keine Reisefreiheit haben, sie nicht Bürger dieses Staates sind, der sich hier feiert, und ihnen ein eigener Staat seit Jahren verwehrt bleibt.

Kritiker sagen: Hier wird diese Realität verdrängt oder sogar absichtlich verschleiert. Die BDS-Kampagne spricht von "artwashing" und fordert den kompletten Boykott Israels und der Veranstaltung.

Diese Stimmen ließen sich natürlich nicht ganz ausblenden - Regeln hin oder her. Die isländische Band Hatari hatte bereits vorab Protest angekündigt und im Finale dann wenig überraschend auch palästinensische Fahnen geliefert. Auch Madonna zeigte die palästinensische Fahne, auf dem Rücken eines Tänzers, der Seite an Seite, Arm in Arm mit einer Tänzerin läuft, die eine israelische Fahne trug.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
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"Wir wollen, dass die Welt auch die schönen Seiten unseres Landes sieht, nicht nur die schlechten" - diesen Satz hört man hier immer und immer wieder. Israel hat viele Feinde - sein Ansehen in der Welt ist für den kleinen jüdischen Staat überlebenswichtig. Jeder Freund zählt. Diese Lehre hat man hier aus Jahrhunderten von Vertreibung, Verfolgung und dem Holocaust gezogen.

Madonna zählt hier als Freundin, obwohl sie den Konflikt nicht ausblendet, mit ihrer Stiftung auch palästinensische Projekte unterstützt. Wie immer ist das "Wie" entscheidend. Madonnas Auftritt - so skurril er war - habe mit genau dieser Szene eine wichtige Botschaft gesendet, sagen israelische Fans nach der Show. Eine, die Israel hören müsste. Hatari hingegen, das seien Trolle.

Die Blase in der Blase in der Blase

Es ist, als hätte das Land sich abgesprochen: Diese Woche machen wir einen richtig guten Eindruck! Taxifahrer haben Englisch gelernt, wurden in Höflichkeit geschult. Im Radio laufen Eurovision-Songs rauf und runter. Es gibt endlich auch englische Busfahrpläne - bisher mussten Touristen vor den arabischen und hebräischen Schriftzeichen stehen und rätseln. Und sogar die Sicherheitskontrolleure an den Eingängen der Einkaufszentren wirken geduldiger als sonst.

Tel Aviv gilt als Blase, als Insel in Israel. Hier ist alles etwas bunter, lustiger, entspannter. Die Menschen sind liberaler, offener, linker. Sie wollen den Frieden und ein Ende der konservativen Regierung Netanyahus. In Tel Aviv kann man fast vergessen, dass man im Nahen Osten ist, in einem Land im ständigen Ausnahme- und Angstzustand. Die Blase hat zwar gelitten, seit die Raketen der Hamas auch hierherkommen. Doch damit die ESC-Gäste davon nichts merken, hat Israel vorsichtshalber seine Raketenschirme in Position gebracht.

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Die Fans, die gekommen sind, sind bereit, das Spiel mitzuspielen. Über Politik wollen sie nicht reden. Sie wollen feiern. Teil der Blase in der Blase sein. Der Eurovision, wie die Leute hier sagen, ist eine eigene Blase, die jährlich von Stadt zu Stadt zieht. Seit einer Woche stolpern ihre Bewohner hier morgens beglückt aus den Clubs der Stadt. Sie haben alles dabei, was sie brauchen: ihre eigenen Stars, ihre eigene Musik, Presse, Freunde. Der Rest ist nur Kulisse.

Selbst die Kritischen, die fast nicht kommen wollten, weil sie die Politik Netanyahus unmöglich finden, haben keine Lust nach dem ESC noch in die Westbank zu fahren oder nach Ostjerusalem und sich die Realität wirklich anzusehen. "Wir wollen Urlaub machen, Spaß haben", sagen sie dann. "Wir sind für den ESC da, nicht für Israel."

Aus der Traum

Auch das ist eine Enttäuschung für Tel Aviv. Die Eurovision-Fans haben deutlich weniger Geld in den Restaurants, Cafés und Clubs gelassen, als erhofft. Es sind insgesamt weniger Menschen gekommen, als erwartet. Die hohen Preise für Tickets und Hotels, sie haben einige abgeschreckt. Wer da ist, spart woanders. Fanmeile, Club, Bett - repeat. Das muss reichen. Gleichzeitig blieben andere Touristen der Stadt fern, um das Großevent zu vermeiden. Einige Gastronomen sagen, sie nehmen weniger ein, also sonst zu dieser Jahreszeit.

"Wenn ihr wollt, ist es kein Traum", soll Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, über die Schaffung eines jüdischen Staates gesagt haben. Auch in Anlehnung daran war das Motto in Tel Aviv dieses Jahr "Dare to Dream". Und oft wirkte die glitzernde, glückliche, liebende ESC-Welt wie genau das - ein Traum, fast zu schön, um wahr zu sein. Jetzt müssen alle wieder aufwachen. Hoffentlich setzt dann kein P.E.D. ein, eine Abkürzung, mit der Fans das Gefühl nach dem Eurovision Song Contest beschrieben: Post-Eurovision-Depression.

insgesamt 20 Beiträge
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spon-facebook-10000026491 19.05.2019
1. Ach Gottchen !
Wer in diesem Land lebt oder zumindest mehrere Monate im Jahr weiß das der Konflikt IMMER da ist ! Gönnen Sie dem Land doch mal eine verklärte Ruhepause und lassen Sie es mal die eigentliche Seite zeigen, die es zu einem der schönsten Flecken der Erde macht ...
Affenjones 19.05.2019
2. Typisch deutscher Kommentar
Liebe Frau Brüggemann, was wollen Sie mit diesem Kommentar sagen? Werfen sie den Israelis vor, dass sie trotz der angespannten politischen Situation ein möglichst normales Leben führen wollen? Aus der Sicht eines Israelis muss ihr Kommentar wie Hohn wirken. Eines können sie glauben: Niemand in Israel verdrängt den Konflikt mit den Palästinensern auch wenn es für ein paar fröhliche Stunden so wirken mag.
Furchensumpf 19.05.2019
3. Typisches Beispiel...
...von Elfenbeinturmjournalismus. Entschuldigen Sie Frau Brüggemann, dass nicht jeder ESC-Fan wie sie die Empörung auf Dauer 24-Stunden am Tag aufrecht erhalten kann. Das beim ESC politische Statements nicht gewünscht sind ist gut so - denn sonst würde dieser ständig von irgendwelchen Künstlern für ihre Zwecke missbraucht werden. Wer auf das Problem, welches definitiv vorhanden ist, aufmerksam machen will, kann das auch anderweitig. Und ja, manchmal möchte ich einfach mal ein paar Stunden diesen ganzen Schwachsinn in der Welt ausblenden können - denn sonst würde ich wirklich irgendwann mal verrückt werden...
mickygold 19.05.2019
4. Mimimi...
Alle, die Israel kennen, lieben und verstehen, wissen dass man hier die Extreme erlebt. Beim Feiern und auch bei allem anderen. Israelis sind Härten gewöhnt. Und deshalb müssen sie sich auch keine "Post-Eurovision-Depression" andichten lassen, schon garnicht ausgerechnet von den Deutschen mit ihrer "Null-Punkte-Depression".
frank.huebner 19.05.2019
5. Den Bericht zu lesen war Zeitverschwendung
Den Bericht hätte man sich auch sparen können. Es gab weder eine kritische Beleuchtugn des Gesamtprobems (wäre auch nicht mögich), es gab keine neutrale Situationsbewertung und keine Lösungsvorschlöge (wäre auch nicht möglich). Oh, die Preise waren höher als sonst. Ist normal. Überall. Israle ist nun kein freies, unbeschwertes Urlaubsland. Ist normal. Dafür war es aber doch ganz gut, oder nicht. Und den ESC zu politisieren ist auch völlig unnötig. Im übrigen war das künstlerich er schlechteste ESC seit Ewigkeiten.
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