Deutscher ESC-Kandidat Ben Dolic Professionell - aber auch originell?

Der NDR hat für den Eurovision Song Contest einen knalligen Disco-Titel ausgesucht - komponiert von einem ESC-Profi und gesungen von einem Talent mit Castingshow-Erfahrung. Reicht das?
Klubatmosphäre: Ben Dolics "Violent Thing" klingt tanzbar

Klubatmosphäre: Ben Dolics "Violent Thing" klingt tanzbar

Foto: Zlatimir Arakliev/ NDR

"Das Schweigen der Länder" habe für die deutsche Delegation 2019 beim Eurovision Song Contest geherrscht, witzelte Barbara Schöneberger bei der Vorstellung des deutschen ESC-Beitrags 2020 - passend zum Veranstaltungsort, einem Hamburger Kino. Auf die große Bühne eines nationalen Vorentscheids hatte die federführende ARD-Anstalt, der Norddeutsche Rundfunk (NDR) diesmal verzichtet. Die Präsentation vor der Presse fand in einem Saal mit fünf Sitzreihen statt, die TV-Ausstrahlung wird im Spartensender One versteckt - und doch zeigt die Auswahl von Lied und Sänger: Der NDR will es dieses Jahr wissen.

Fangen wir, den Wurzeln des ESC als Kompositionswettbewerb entsprechend, mit dem Songwriter an: Borislav Milanov, 1983 in Sofia geboren und heute in Wien ansässig, ist der Gründer der Produktionsfirma Symphonix, die in den vergangenen Jahren den Eurovision Song Contest mitprägte. Seine Kompositionen schafften es in den vergangenen vier Jahren immer unter die ersten acht und gleich dreimal unter die Top 4: Kristian Kostov wurde 2017 mit "Beautiful Mess" für Bulgarien Zweiter, Cesár Sampson 2018 mit "Nobody But You" für Österreich Dritter und Poli Genova 2016 mit "If Love Was a Crime" für Bulgarien Vierte.

Milanov betonte bei der Präsentation, er arbeite stets im Songwriting-Team, aber: "Ich bin der Leader von dem Team." Den Song, den er für Deutschland ins Rennen schickt, heißt "Violent Thing": Mit seinem rhythmischen Gitarrenriff und seinem Disco-Beat erinnert er an eine etwas bravere Variante von Daft Punks "Get Lucky". Vor dem Refrain ist ein cleveres Stocken eingebaut zur Zeile "Does your Mama know", das ebenso bis zur Abstimmung in Erinnerung bleiben könnte wie Textzeilen über Dominosteine, Guns 'n' Roses oder auch "you don't give me no audio" - selbst wenn sich deren Sinn nicht beim ersten Hören erschließen mag.

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Der Sänger ist dem gar nicht so einfach zu singenden Song allem Anschein nach gewachsen: Ben Dolic beherrscht sowohl die tiefen Lagen in den Strophen als auch die Passagen im Refrain.

"Freust du dich schon auf den hohen Ton?", fragte ihn Barbara Schöneberger, die Antwort "Ja, ein bisschen" klang nach Untertreibung - es sind diese Stellen, in denen ein Sänger auf der ESC brillieren kann wie ein Torhüter mit einer Flugparade.

Keine Irritationen bei der professionellen Auswahl

Überhaupt macht Ben Dolic einen zurückhaltenden und zugleich selbstsicheren Eindruck. Er wurde 1997 in Ljubljana geboren, nahm schon als Zwölfjähriger an der slowenischen Variante von "Das Supertalent" teil und wollte 2016 sein Heimatland beim ESC vertreten - als Teil der Gruppe D Base, das Aus kam im Vorentscheid.

Mit 18 zog seine Familie in die Schweiz, Benjamin jobbte bei McDonald's in Solothurn an der Kasse und versuchte sein Glück im "großen Kanton" - bei der Castingshow "The Voice of Germany", wo er 2018 ins Finale und dort hinter Samuel Rösch auf den zweiten Platz kam. Anfang dieses Jahres ist Dolic nach Berlin gezogen.

Doch da wusste er schon, dass er Deutschland beim Eurovision Song Contest in Rotterdam vertreten soll: Am 12. Dezember habe die Entscheidung festgestanden, erklärte der ARD-Unterhaltungskoordinator und ESC-Oberverantwortliche Thomas Schreiber, der den Auswahlprozess noch einmal erklärte.

Man habe festgestellt, dass die Schnittmenge zwischen den abstimmenden Zuschauern beim nationalen Vorentscheid und den Televotern beim internationalen Finale nur 6,6 Prozent betrage. und deshalb versucht, den Geschmack des europaweiten Publikums durch zwei Jurys abzubilden - eine aus ausgewählten Zuschauern, deren Geschmack dem ESC-Endergebnis möglichst nahe gekommen sei; die andere aus ehemaligen Mitgliedern von ESC-Expertenjurys aus anderen Teilnehmerländern.

Der womöglich irritierende Faktor TV-Publikum fehlt also weitgehend. Die Folge ist, dass mit "Violent Thing" und Ben Dolic ein hochprofessionell auf die Belange des Eurovision Song Contest zugeschnittenes "Pairing" (NDR-Teamchef Christian Blenker) an den Start geht. Und die Einschätzung von ESC-Kommentator Peter Urban, wenn dieser Song nicht im Radio laufe, "dann heiße ich Emil", könnte auch korrekt sein (Urban wird diesmal übrigens mit dem ESC-Vierten von 2018, Michael Schulte, einen Co-Kommentator haben). Aber was man in diesem Verfahren ganz sicher nicht bekommt, ist ein Song wie "Guildo hat euch lieb", der auch Leute fesselt (oder eben irritiert), die sich sonst nicht so für den Wettbewerb interessieren.

Wenn nun mit dem tschechisch-amerikanischen Choreografen Marty Kudelka, der schon mit Jennifer Lopez und Justin Timberlake gearbeitet hat, eine starke Bühnenshow entwickelt werden sollte, müsste allerdings für Deutschland am 16. Mai in Rotterdam ein guter Platz drin sein. Der Song ist professionell, das Team ist international.

Ob's zum Sieg reicht? Den erringen dann ja doch oftmals Lieder die aus der Reihe fallen, wie "Toy" für Israel 2018 oder "Amar pelos dois" für Portugal 2017.

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