Eurovision Song Contest Legion der Lenas

Oh Schreck: Auch andere Länder haben hübsche Töchter! Gleich neun Teilnehmerinnen des Eurovision Song Contest 2011 ahmen unübersehbar das deutsche Fräuleinwunder Lena nach. SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick über die kieksenden Klonkriegerinnen.


Maja Keuc aus Slowenien macht unserer Hoffnung aus Hannover ernsthaft Konkurrenz: Sie kann auch Balladen, ist erst süße 19, und wird bei der Präsentation ihres Songs "No One" von Männern unterstützt, die tanzen, als würde Jaques Tati einen Besoffenen spielen. Lena dagegen muss in ihrem Beitrag "Taken By A Stranger" gegen Tänzerinnen in silbernen Ganzkörper-Fetisch-Anzügen angrooven. Sollte sie gewinnen, kann das demzufolge nur daran liegen, dass die europäische BDSM-Zentai-Szene (Liebhaber enganliegender Lycra-Catsuits) zahlreicher und Songcontest-affiner ist, als man vermutete. Insofern kommt die höchste Punktzahl garantiert aus kinky Großbritannien.

Auch Getter Jaani aus Estland, die im Februar 18 geworden ist, schleudert bei ihrem Song "Rockefeller Street" stolz Lena-mäßige Extensions umher und tanzt in blickdichten Strumpfhosen - wie die Deutsche im letzten Jahr, als man bei ihr noch ständig mit Begriffen wie Natürlichkeit oder Schulmädchencharme hantierte und ihr typisches Einwärtsdrehen der Zehen beim Tanzen süß fand. Als Estin spricht Getter zudem besseres Englisch als der Rest der Cliquenländer unterhalb von Skandinavien und rechts von Deutschland - und setzt ihre glänzende Zahnleiste auf den Punkt genau ein: Immer wenn das Zauberhafte des Songs über die "Party-Cinderellas" herauskommen soll, blitzen weiße Jacketkronen.

Genau jenes bereits erwähnte Über-den-großen-Onkel-Hüpfen gepaart mit braunen Locken, Rehaugen und kurzem Künstlernamen hat das findige Armenien kongenial in seiner Künstlerin vereint: Emmy sieht aus wie Lena, bewegt sich wie Lena - singt jedoch wie Shakira. Aber Lena sang schließlich auch noch nie wie Lena, sondern immer wie Kate Nash und Lily Allen. Zudem heißt Emmys Song "Boom Boom" - so mit der Tür ins Haus würde Lena natürlich nie fallen. Lena ist viiiiiel subtiler: "Taken By A Stranger" - da ist ja zwischen Rosamunde Pilcher-Titel, dem neuen Nick-Hornby-Roman und einem Youporn-Filmchen alles drin.

Anastasiya Vinnikova aus Minsk könnte mit ihren zarten 20 Jahren ebenfalls Lenas Schwester sein, aber was singt die denn da? Ra-Ra-Rasputin? Ach nein, "I love Belarus". Eine Liebeserklärung an ihre Heimat Weißrussland. Hat sie denn Gustav Heinemann nie zugehört? Keiner will Staatsliebe, alle wollen Teenie-Liebe, zumindest wäre ein Titel namens "I Love Michail" subtil als Liebeserklärung an den weißrussischen Ministerpräsidenten Mjasnikowitsch umdeutbar, und man hätte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Aber Subtilität hat die Weißrussin wohl nicht gefrühstückt. Sondern ein paar Teller Borschtsch mit Wodka.

Veräppeln bezüglich ihrer Kandidatin wollen einen dagegen eindeutig die Litauer: Evelina Sasenko hat angeblich polnische Eltern, singt aber ein englisches Lied mit französischem Refrain: "C'est ma vie". Da hat man sich wohl aus Versehen eher an Nicoles 1982er "A Little Peace"-Darbietung in Esperanto orientiert als an Lenas straightem Cockney vom letzten Jahr. Dazu hat man die 23-Jährige geschminkt wie eine "Cats"-Darstellerin, die seit 1981 dabei ist. Noch nie vom Nude Look gehört, Litauen?

Echte Konkurrenz kommt jedoch aus Österreich. Nadine Beiler, 20 Jahre jung, blickdichte Strumpfhose, dunkle Haare und das auch noch mit Mireille-Mathieu-Putz: Den Song "The Secret Is Love" hat sie selbst geschrieben, außerdem studiert sie Jura und singt schon seit Jahren professionell, spricht Deutsch, Kisuaheli und Java, kann fliegen, zaubern, sternekochen, hat mehrere Pulitzer- und Nobelpreise in allen Kategorien und repariert in ihrer Freizeit Rennmotorräder. Also fast. Jedenfalls darf man sie nicht unterschätzen. Die Österreicher tun ja immer so harmlos, und haben's dann faustdick.

Mindestens genauso an Lenas Chancen knabbern wird die Polin Magdalena Tul. Herkunftstypisch kann die nämlich auch mal wieder alles. Sie sieht aus wie ein von einer Leihmutter geborenes Kind von Posh Spice und Catherine Zeta-Jones, lässt sich die Haare aus dem Gesicht wehen wie auf dem Eurotrash-Festival üblich - und wechselt innerhalb der ersten zwei Minuten ihres Videoclips zu "Jestem" viermal die Klamotte. Außerdem hat Lena gerade mal ihr Abitur, Lady Tullo, wie sie von Freunden genannt wird, aber ein abgeschlossenes Psychologie- und Pädagogikstudium. Andererseits: Masterstudium, ach Gottchen, ein Diplom ist das nicht! Und Lady Tullo ist ja auch ganz schön alt, schon 30 Jahre. Sozusagen mit einem (gestiefelten) Bein im Altenheim.

Außer Konkurrenz für unsere ehemalige Ausdruckstänzerin Lena kämpft für Spanien Lucía Pérez, über die auf der Eurovisonsseite im Internet zu lesen ist, sie sei aus Galizien und damit Galizierin, was ganz lustig ist, denn Galizien - im Gegensatz zum spanischen Galicien - ist eine Landschaft in der Ukraine und Polen, in der recht wenig Spanisch gesprochen wird. Das kommt einem doch sehr spanisch vor. Jedenfalls präsentiert Lucía ihren Titel "Que me quiten lo bailao", einen unsinnigen Karnevalstanzhit, an dem an manchen Stellen plötzlich ein Dudelsack zu hören ist (was typisch für die Musik aus Galicien, Spanien wäre, aber man besteht ja darauf, aus den ukrainischen Karpaten zu stammen, na dann bitte sehr!). Das alles kommt im Paket mit viel Lockenkopfgeschüttel, Sambatänzerinnen und wackelndem Federschmuck an Popo und Kopf. Keine Chance. Außerdem ist sie mit 25 - im Gegensatz zu Lena - alt wie Methusalem.

Außerdem versucht es Dana International aus Israel mit einem "Ding Dong"-Song. Aber trotz ihres Einsatzes für queere Rechte auf der ganzen Welt könnte es sein, dass zumindest schwule Männer irgendwann mal aufhören, sie aus Prinzip zu wählen: Als Transidentikerin wurde Dana zwar im falschen Körper geboren, das hat jedoch nicht zwingend etwas mit ihrer sexuellen Orientierung zu tun. Dana ist viel zu interessant, um ein zweites Mal den Contest zu gewinnen. Denn als nichtssagende Projektionsfläche für Millionen Menschen taugt die 39-Jährige bestimmt nicht.

Nur der Vollständigkeit halber soll hier noch angefügt werden, dass die rotblonden Zwillinge Daniela und Veronika aus der Slowakei, die sich zusammen TWiiNS nennen, auf einigen Bildern ebenfalls dunkle Lena-Haare haben. Aber man braucht sich nicht veräppeln zu lassen: Die beiden sind uralte 25, sehen aus wie Lindsay Lohan nach der Reha, und seit dem Niedergang der "Bros"-Zwillinge (und ihrem dereinst verzweifelt ausgestoßenen Schrei "When will I be famous?") glaubt doch wohl kein Mensch mehr an die Macht des Zwillings-Sternzeichen.

insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Zapallar 09.05.2011
1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von sysopOh Schreck: Auch andere Länder haben hübsche Töchter!*Gleich neun Teilnehmerinnen des Eurovision Song Contest 2011*ahmen unübersehbar das deutsche Fräuleinwunder Lena nach. SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick über die kieksenden Klonkriegerinnen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,760540,00.html
War nicht Lena selbst, jetzt mal nur die Persönlichkeit betrachtet, nur ein Nora Tschirner abklatsch?
schleppie 09.05.2011
2. ...
Man muss wohl "Jenni" mit Vornamen heißen, um so einen Schrott zusammenzuschreiben.
pklauss 09.05.2011
3. So ist es
Zitat von ZapallarWar nicht Lena selbst, jetzt mal nur die Persönlichkeit betrachtet, nur ein Nora Tschirner abklatsch?
Brilliant beobachtet!
PeterPan95 09.05.2011
4. Oh Schreck!
Zitat von ZapallarWar nicht Lena selbst, jetzt mal nur die Persönlichkeit betrachtet, nur ein Nora Tschirner abklatsch?
Oh nein, Lena hat das "junge niedliche Frau"-Sein doch nicht erfunden - was mach ich denn jetzt nur? Mein Weltbild ist zerstört!
Nostromo72 09.05.2011
5. Titel: Von und zu
Zitat von ZapallarWar nicht Lena selbst, jetzt mal nur die Persönlichkeit betrachtet, nur ein Nora Tschirner abklatsch?
Stimmt das Erbgut von Bonobos nicht bis auf etwa 99,4% mit dem des Menschen überein?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.