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ESC-Vorentscheid: Der lange Weg zu Levina

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Deutsche ESC-Kandidatin Levina Stabile Stimme, mehrheitsfähiger Look

Es war ein langer Abend mit schwerstermüdenden Redebeiträgen, Schnarch-Einspielern und einer Pferdeschwanz-Zote. Beinahe folgerichtig, dass die Gewinnerin des deutschen ESC-Vorentscheids eine grundsolide Wahl ist.

Bei Sturmböen auf hoher See, eitrigen Wurzelbehandlungen und Verspätungsvorladungen beim Finanzamt, bei denen man statt einer ordentlichen Steuererklärung nur einen Haufen Flatterzettel auf den Tisch legen kann - viele schwere Situationen im Leben wären leichter durchzustehen, wenn man sich dafür als Betreuung Barbara Schöneberger buchen könnte.

Souverän wie eine abgeklärte Matrone klemmte sie sich als Moderatorin von "Unser Song 2017" den zaudernden Zuschauer unter den Arm, geleitete ihn durch den langwierigen Vorentscheid und schaffte es irgendwie, dass man ergeben Schnelldurchlauf um Schnelldurchlauf schluckte, als seien es Löffel voll Lebertran. Dazu sah sie in ihrem pinkfarbenen Tellerrock aus wie ein exzentrischer Lampenschirm, und ihre Frisur war eine Hommage an das Dach der kürzlich von ihr eröffneten Elbphilharmonie.

Eine stramme Begleiterin durch den Abend konnte man gut gebrauchen, denn eigentlich war schon nach einer Stunde (von dreien) klar, auf welche Bewerberin für den Eurovision Song Contest in Kiew es am Ende hinauslaufen würde. In der ersten Runde, bei der die fünf Anwärter selbstgewählte Coversongs vortrugen, verhuschte sich Felicia Lu Kürbiß in einer leider zu zaghaften Version von Robyns "Dancing on my Own". Und als Yosefin Buohler "Love on Top" von Beyoncé vortrug, war man gedanklich leider immer noch bei dem Einspieler, der die studierte Schauspielerin in einer Glanzrolle als Kartoffel in einer schwedischen Kindersendung zeigte.

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ESC-Vorentscheid: Der lange Weg zu Levina

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In die nächste Runde schaffte es Helene Nissen, eine grundvergnügte Dauer-Abiturientin, die unverhohlen drohte: "Ich werde euch alle anstecken mit meiner Positivität!" - und dann die Zeilen "I Shot a Man in Reno / Just to Watch Him Die" so niedlich vortrug wie sicher niemand zuvor. Bild im Kopf dazu: ein faustschwingendes Eichhörnchen.

Isabella "Levina" Lueen lieferte dann mit Adeles "When We Were Young" den professionellen, abgeklärt-aber-nicht-unterkühlten Gegenentwurf: stabile Stimme, solide Bühnenpräsenz, mehrheitsfähiger Look. "Wenn ich keinen BH anhabe, gehen mir deine Beine bis zur Brust", jubilierte Moderatorin Schöneberger. Ebenfalls in die nächste Runde schaffte es Axel Maximilian Feige, ein auf der Bühne überraschend verdruckster und besenstielig herumstehender Bartmann mit lackierter Knödelfrisur.

Poesiealbumverse wie in einer ganzen DSDS-Staffel

"Vielleicht beim nächsten Mal Pferdeschwanz auf", riet Florian Silbereisen, der zusammen mit Lena Meyer-Landrut und Tim Bendzko ein herzlich überflüssiges Kommentatorentrio bildete. "Also Tim, Pferdeschwanz raus!", nutzte Schöneberger die Vorlage für einen anzüglichen Versprecher.

Die Redebeiträge des restlichen Personals waren leider schwerstermüdend. Die drei Kommentatoren lobten durchgängig, die Kandidaten sagten in ihren Vorstellungsfilmchen so viele Castingshow-Poesiealbumverse auf, wie man sie sonst in einer ganzen Staffel DSDS hört: Musik ist mein Leben; ich möchte damit ein Gefühl vermitteln; mein Gesang soll Menschen berühren; wenn ich singe, bin ich ganz ich selbst; beim Songschreiben bin ich immer sehr emotional.

Die größte Überraschung des Abends: Tim Bendzko und Matthias Schweighöfer sind tatsächlich zwei verschiedene Personen. Zumindest sah man sie nun mal gleichzeitig zusammen in einem Raum, und solch ausgebuffte Spiegeltricks traut man der ARD dann doch nicht zu. Schweighöfer sang Zeilen wie "Ich glaube nicht, dass wir uns hassen, wir haben uns kaputt geliebt." Ein weiterer nervlich angegriffener Balladeur. Muss nicht unbedingt.

In der zweiten Runde sangen die verbliebenen drei Kandidaten die erste potenzielle ESC-Komposition: "Wildfire", eine Ballade, die man sich gut als Anfangsmelodie für eine "Rivalen der Rennbahn"-artige Serie über amouröse Pferdezüchter vorstellen könnte, als Untermalung von Bildern einer davonsprengenden Zossenherde. Helene durchhoppelte das Lied mit jugendlicher Zappelei und Über-Mimik. Axel wurzelte dagegen gänzlich unbewegt auf einem Barocker, als habe er mit all dem eigentlich gar nichts zu tun. "Wie, ESC, iiich? Ich sitze hier nur so auf meinem Hocker und warte auf die Bahn, bitte lassen Sie mich!" Levina sang abermals am überzeugendsten, zumindest in dieser Konkurrenz.

Schnarcheinspieler aus der Muffkiste

Helene wurde sodann von den Zuschauern aussortiert, die beiden verbliebenen Kandidaten durften das zweite mögliche ESC-Lied singen: "Perfect Life", dessen Anfangstakte schwer an Wolfgang Petrys "Wahnsinn" erinnern. Nach seinem Hockerauftritt hatte man befürchtet, Axel könnte diesen Auftritt möglicherweise mumienhaft in einem Bett verbringen, doch er durchstand ihn abermals. Am Ende wählten die Zuschauer nur Levina ins Finale, in einer letzten Runde musste nur noch entschieden werden, mit welchem Lied sie im Mai in Kiew für Deutschland antreten würde.

Endlos zog sich bis dahin die Restsendungsmasse, sinnlos wurde der obligatorische Schnarcheinspieler über ulkige Outfits in der ESC-Geschichte aus der Muffkiste gezerrt, Schöneberger pflügte zeitschindend durchs Publikum und stellte den Kandidaten "Wie fühlt ihr euch?"-Fragen, und drei ESC-Veteraninnen sangen eine Hommage an große Siegertitel: Ruslana, immer noch unverwüstlich im Xena-Look, gab "Euphoria", Nicole ein leicht betagtes "Merci" - und Conchita Wurst lieferte mit einer Maximum-Drama-Version von "Satellite" den musikalischen Höhepunkt des Abends.

Das Ergebnis am Ende, scherte es noch wen? Falls ja: Levina fährt mit "Perfect Life" zum Wettbewerb. Und sang den Titel darum gleich noch zum dritten Mal an diesem Abend - 100 Schnelldurchläufe nicht mitgerechnet. Falls sie überraschend ausfällt, haben sehr viele Menschen ihr Lied während "Unser Song 2017" zumindest so oft gehört, dass sie problemlos einspringen könnten.