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Eurovision Song Contest: Schwache Show

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Eurovision Song Contest Unser Bärchen für Baku

Na also, Roman Lob! Der Favorit von "Unser Star für Baku" hat gewonnen und fährt für Deutschland zum Eurovision Song Contest. Dank Kuschelbär-Äuglein und sanfter Stimme hat er tatsächlich Charme - so überraschend irre wie Lena Meyer-Landrut ist er nicht. Reicht's trotzdem für die Top Ten?

Hamburg - Was war das für ein Abend! Die Staatsanwaltschaft will gegen den Bundespräsidenten ermitteln, und der Jurypräsident leistete einen Offenbarungseid. Denn die vier Songs, die Thomas D für die beiden Finalisten beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest ausgewählt hatte, waren allenfalls mittelmäßig. Immerhin wählten die anrufenden Zuschauer mit "Standing Still" den am wenigsten schwachen Titel aus. Damit wird nun Roman Lob nach Aserbaidschan reisen - er war schon seit der ersten Auswahlshow von "Unser Star für Baku" der Favorit.

Von Anfang an wirkten die Moderatoren und Juroren entschlossen, die bisher miserablen Einschaltquoten zu ignorieren - bis zum Halbfinale waren im Schnitt nur 1,7 Millionen Zuschauer dabei. Stefan Raabs alter Spruch von der "nationalen Aufgabe" wurde wieder ausgegraben und die Juroren Raab, Alina Süggeler und Thomas D kamen in Schwarz, Rot und Gold gekleidet in den Saal. Nicht nur zwischen Roman Lob aus Neustadt/Wied und Ornella de Santis aus Offenburg sollte das Fernsehpublikum entscheiden, sondern auch in einem ersten Schritt den passenden Song auswählen.

Mit dem Erklären des Abstimmungsmodus und diversen Einspielfilmen verging fast eine halbe Stunde, bis endlich gesungen wurde - doch dann stellte sich Ernüchterung ein: Die von "echt guten, internationalen Songwritern" (Roman Lob) den Finalisten "auf den Leib geschriebenen" Lieder (Thomas D) waren für den 21-jährigen Lob drei Powerballaden, von denen zwei äußerst unsubtil in den herauszuschmetternden Refrain übergingen. Die dritte, der spätere Siegertitel "Standing Still", war etwas intelligenter aufgebaut, brachte das Saalpublikum zum Mitklatschen und hatte ein cleveres "falsches Ende", eine Unterbrechung, nach der der Song noch einmal einsetzte.

Der Ausgang war knapp - aber irgendwie von allen erwartet gewesen

Ornella de Santis trug zwei der Songs vor, die auch Roman Lob zu singen hatte, allerdings in poppigeren, leichter daherkommenden Versionen - für die sie aber auf der Bühne keine Leichtigkeit zu entwickeln vermochte. Ihre Tänzelschritte wirkten eher unbeholfen. Es blieb offensichtlich: Die dunkelhaarige de Santis ist eine für die dramatischen Balladen - und eine solche hatte sie mit ihrem ins Céline-Dion-Repertoire passenden Exklusivtitel "Quietly" auch eindrucksvoll gesungen. Zu Recht wurde "Quietly" mit 70 Prozent der Stimmen zu de Santis' Finaltitel gewählt, für Roman Lobs "Standing Still" sprachen sich 76,8 Prozent der Anrufer aus.

Bei der Songauswahl fürs Finale fehlte der nervige Kasten am linken Bildschirmrand, in dem sich beständig die sogenannte Blitztabelle bewegte - die Castingshow-Neuheit, auf die Stefan Raab so stolz war, die aber viele Zuschauer als allzu offensichtliche Anrufschinderei abstieß.

Im Finale war die Blitztabelle dann zurück und prompt hielten sich die angezeigten Anruferzahlen wieder die Waage - schon in früheren Sendungen war es immer sehr knapp zugegangen. Am Schluss gewann Roman Lob mit 50,7 Prozent der Stimmen. Die Juroren gaben alles, um ihren Part in der Inszenierung größter Spannung zu spielen: Thomas D hüpfte vor der Kamera auf und ab, Stefan Raab verkroch sich auf seinem Jurorenstuhl. Doch als das Ergebnis verkündet war, wurde es von den Kandidaten wie von der Jury beinahe sachlich zur Kenntnis genommen. Ein Ausgang, der irgendwie trotzdem allen immer klar gewesen zu sein schien.

Die größte Überraschung: Raabs Lustlosigkeit

An dem "Kompetenzteam", wie die Jury penetrant witzelnd genannt wurde, lässt sich festmachen, warum "Unser Star Für Baku" im derzeitigen Musik-Castingshow-Overkill unterging. Als vor zwei Jahren Lena Meyer-Landrut als Kandidatin für den Song Contest in Oslo ausgewählt wurde, war es noch eine Sensation, dass die Juroren um Stefan Raab ganz ernsthaft über Musik sprachen und die Kandidaten nicht niedermachten. Inzwischen geben sich auch "X Factor" und besonders "The Voice Of Germany" den Anstrich des Seriösen. Im Vergleich wirkte der beständig "bezauberte" Jurypräsident Thomas D albern in seiner angestrengten Euphorie, und Alina Süggeler äußerte ihre gelegentliche Kritik zu zurückhaltend und blieb blass.

Die größte Überraschung der Finalshow war aber, wie Stefan Raab sich vor laufender Kamera aus der Verantwortung für die von ihm maßgeblich mitkonzipierte Show zu ziehen versuchte. Seine Einlassungen zu den Gesangsdarbietungen beschränkten sich auf Variationen von: Ich habe keine Meinung, vorm Fernseher sieht es sowieso anders aus, sollen doch die Leute da draußen entscheiden. Nur einmal ließ er sich zu einem Scherz hinreißen: Die Zuschauer säßen mit Chipstüte, einer Flasche Bier im Feinrippunterhemd vor den Geräten - "wir sind doch bei der ARD, oder?"

Doch Raab, das Aushängeschild von ProSieben, das die ESC-Vorentscheidung nun schon zum dritten Mal in Kooperation mit dem Ersten ausrichtete, schien bisweilen zu bereuen, dass er seinen ursprünglichen Entschluss, sich 2012 weitgehend aus dem Eurovision-Spektakel herauszuhalten, gebrochen hatte. Er betonte auffällig, dass Thomas D von den Fantastischen Vier für die Songauswahl verantwortlich war, die gleichförmiger ausfiel als in den Vorjahren unter Raabs Regie.

Kann Roman Lob in Baku trotzdem bestehen? Nicht ausgeschlossen. Der Industriemechaniker vom Rande des Westerwalds hat unbestritten eine schöne Stimme und Charme, wenn er mit seinen großen Kuschelbäraugen in die Kamera schaut, wobei dieser Charme erheblich konventioneller ist als der, den Lena Meyer-Landrut einst hatte. Seine Softie-Ausstrahlung konterkariert er sanft mit der großflächigen Tätowierung, die aus seinem T-Shirt-Ausschnitt blitzt; ob sein Karohemd-und-Jeans-Look allerdings bei den osteuropäischen Televotern ankommt, die den Eurovision Song Contest noch mehr als große Gala aufzufassen scheinen, bleibt abzuwarten.

Thomas D äußerte bereits die Theorie, wonach die Tatsache, dass der Siegessong "Standing Still" vom englischen Pop-Jazz-Pianisten Jamie Cullum mitkomponiert wurde, für zwölf Punkte aus Großbritannien sorgen werde. Und außerdem: "Jamies Vater ist aus Israel, vielleicht kriegen wir zum ersten Mal überhaupt Stimmen aus Israel." Nun ja, es wäre das erste Mal seit 1999, als Sürpriz die israelische Höchstwertung für "Reise nach Jerusalem" bekam - aber immerhin.

Cullums Co-Komponisten Steve Robson und Wayne Hector sind äußerst erfahrene Songwriter, die bereits Hits für Take That und James Morrison (Robson) und für Westlife und JLS (Hector) schrieben. "Damit machen wir uns nirgends zum Affen", sagte der Chefjuror zu Recht. "Standing Still" klingt nach internationalem Pop-Standard, etwas zu sehr nach Standard vielleicht. Aber es hat diese Stelle, die gut gesungen einen großen Moment ausmachen kann, der sich im Schnelldurchlauf gut zeigen lässt. Eine Top-Ten-Plazierung könnte möglich sein in Aserbaidschan.

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