So war der Eurovision Song Contest 2019 Die Königin schwankt

Die Niederlande auf dem ESC-Thron, eine Eiskönigin unter Sternenhimmel und eine Pop-Queen, die stimmlich scheiterte - so lief der ESC in Tel Aviv. Politisch wurde es auch noch, dabei war Österreich gar nicht qualifiziert.

Sebastian Scheiner/ AP

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Und... wie war's unterm Strich? Um es mit Genussmensch-Stimme zu sagen: ein guter Jahrgang! Musikalisch war das Favoritenfeld dicht, lange unklar, wer gewinnt. Einige herausragende Acts: ESC-Rap aus Italien, perfekt produzierter Pop aus Schweden, Ethno-Joik-Dance-Trash aus Norwegen. Showmäßig war ebenfalls einiges zu holen: Die erstaunlich verspannte Dänin Leonora etwa erkletterte sich bei ihrem Larifari-Glücksbärchi-Song einen Riesenstuhl - was, so verdirbt einen halt die Werbung, sofort Baumarkt-Assoziationen weckte. Miki aus Spanien turnte durch eine menschengroße Puppenstube.

Aha. Genauer: Was waren die Show-Trends 2019? Universen als optische Hintergrundhighlights! Unter anderem die Slowenen, Pausen-Act Madonna und die norwegische Band KEiiNO arbeiteten mit Sternenhimmeln (bei letztgenannten war die Chose zumindest begründet durch skandinavische Nordlichter-Affinität.) Ob die vielen schrillen Universen dem Eurovision Song Contest den Anschein einer Grumpy-Cat-Gedächtnis-Hommage auf Snapchat gaben? JA! Ob die vielen Universen dem ESC eine tiefere existenzialistische Note verliehen? NEIN! Ansonsten: Auch Spiegelspiele waren gern gesehen, besonders einzelne Herren (Sergey Lazarev aus Russland, ebenso Kobi Marimi aus Israel) betrachteten sich auf der Bühne offenbar sehr gern mehrfach selbst beim Singen. Kann man mögen, die spiegelkabinett'sche Egoduplikation. Muss man aber nicht.

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Eurovision Song Contest: Die Auftritte der Finalisten

Bestes Nonsens-Requisit? Heiter war es, als sich Chingiz aus Aserbaidschan von einem Roboter an einem auf die Brust aufgelaserten roten Herz herumfuhrwerken ließ. Auch die BDSM-Lackledershow der Schrei-Isländer gab mit Amboss und Stahlgerüstkäfig einiges an Spektakel her - ziemlich wucki. Am tollsten aber: Kate Miller-Heidke, die für Australien antrat. Mit ihrer Entourage schwankte sie auf Stielen und schien wie eine weißgewandte Riesin zu fliegen - vor, wer hätte es gedacht, einem Sternenhimmel. (Was man bei diesem dominanten Showelement fast vergaß: Dass auch Miller-Heidkes Pop-Opernstück durchaus Klasse hatte. Erinnern Sie sich an die Opernszene im Filmklassiker "Das fünfte Element"? Stellen Sie sich dieses Lied vor, nur nicht gesungen von einem blauen Alien vor einem Massaker auf einem Raumschiff, sondern von Elsa, der Disney-Eiskönigin.)

Ging der Sieg von Duncan Laurence für die Niederlande klar? Durchaus. Laurence war vor dem Finale als klarer Favorit gehandelt worden, und ja: "Arcade" war eine intensive Ballade mit was dahinter, stand musikalisch gut und gerne auch ohne große Bühnenshow für sich. Andererseits war das auch ein erwartbarer Sieger. Etwas mehr Wagnis - etwa in Richtung der Norweger KEiiNO mit ihrer Mischung aus Neunzigertrash und traditionellem samischen Joik-Gesang - wäre auch goutiert worden.

Und wie schlugen sich die deutschen S!sters? Im Rahmen der Möglichkeiten eines faden Popsongs, der hölzern über feministische Schwesternschaft herbeikonstruiert worden war und mit dem 24. Platz am Ende noch ganz gut beraten schien: wacker. Während des Lieds nahm man dem Duo die behauptete Solidarität zwar kein Stück ab, am Ende fielen sie sich aber erleichtert in die Arme. Ok!

Heimlicher Crush: Serhat, der schon 2016 antrat. Dieses Mal na-na-nate sich der 54-Jährige wie ein zu schnell gealterter Party-Entertainer durch einen, Achtung, Anspielung auf tagesaktuelle Politik, IBIZA(!)-Großraumsound, der sich gewaschen hatte. Textlich war das Ganze im Rahmen eines zweiten Schuljahrs Englischunterricht auf eine knuffige Weise fremdsprachensicher: "Call me anytime/ I will always tell you life is beautiful and fine". Wir würden anrufen! (Viele Zuschauer und Jury sahen das eher anders - Serhat landete am Ende auf dem 20. Platz.)

Bilal Hassani mit Tänzerinnen: Allgemeinheitsliberale Floskeln
Jack GUEZ/ AFP

Bilal Hassani mit Tänzerinnen: Allgemeinheitsliberale Floskeln

Wurde es auch politisch? Eins vorneweg an diesem ereignisreichen Wochenende: Österreich war in diesem Jahr nicht im ESC-Finale:

Ansonsten: Die Isländer Hatari hatten sich im Vorhinein schon sympathisiert, jetzt posierten sie bei der Auszählung mit palästinensischer Flagge und ernteten Pfeifen. Dann war da noch Bilal Hassani: Der 19-jährige queere Sänger inszenierte sein völlig berechtigtes Antidiskriminierungsmanifest "Roi" etwas zu, nun, ausbuchstabiert: Allgemeinheitsliberale Floskeln wie "Freedom" und "Tolerance" wurden einfach an die Wand projiziert. Da gab es nichts misszuverstehen - aber eine bärtige Lady wie Conchita Wurst anno 2014 war halt trotzdem ein anderer Schnack. Die wiederum trat in der Pause auch auf: Gemeinsam mit anderen ESC-Gewinnern wie etwa dem Schweden Mans Zelmerow in einem wirklich furiosen Best-Of-All-ESC-Hits. Würde diese Truppe ähnlich der aktuell beliebten 90s-Revival-Shows durch die Welt touren - man würde trotz bestimmt völlig überteuerter Ticketpreise hingehen!

Und dann war da noch… Pausengast Madonna: Erst plauderte sie in Piratenkluft und voll dominierend-unberechenbarer "Ich bin ein Weltstar - ich kann hier immer raus"-Aura mit Moderator Assi Azar über sich selbst und ließ die Halle aus ihrem Hit "Music" zitieren. Dann legte sie ein Medley aus ihrem Klassiker "Like a Prayer" und dem neuen Song "Future" (im Duett mit Rapper Quavo) stimmlich arg schief und nullbockig hin. Wäre das hier im Wettbewerb gelaufen, wäre es eher nicht auf den vorderen Plätzen gelandet. Vorsichtig formuliert: Auch hier schwankt eine Königin.

Und fürs nächste Jahr? Weniger Narzissmus-Spiegel-Huldigungen. Vielleicht auch noch ein Tipp am Rande: Für die Pause besser einen Star buchen, der die Töne trifft statt eines Weltstars, der sich selbst verwaltet. Und, mit Blick auf die Platzierungen am Ende: Mehr Frauen an der Spitze. In diesem Jahr kam die erste auf Platz 5, nicht als Einzel-Act, sondern als Teil von "KEiiNO". Und die weibliche Stab-Nummer aus Australien landete auch nur auf Platz 9 - nicht ganz gerecht mit Blick auf Aufwand und Qualität. Aber ansonsten: Kann so weitergehen. Dann 2020 in den Niederlanden.

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y0seppe 19.05.2019
1. "Mehr Frauen an die Spitze"
ist eine lustige Forderung. Ich finde Punkte sollten unabhängig vom Geschlecht vergeben werden. Die letzten Jahre haben fast immer Frauen gewonnen, da hat sich auch keiner beschwert...
voiceecho 19.05.2019
2. Die unsäglichen Jurystimmen abschaffen!
Man sollte das Ergebnis nur durch Abstimmung der Zuschauer ermitteln, die Jurys verzehren das Ergebnis und geben teilweise die Punkte aus politischen Gründen an Nachbarländern oder unerkennbaren Muster wie in diesem Jahr Weißrussland. Die Jurys wurden damals "angeschafft", um der Show eine gewisse professionelle Note zu geben, etwa beim Text oder Musik. Dies ist aber definitiv nicht gelungen, im Gegensatz es werden Sieger gekürt, die von Zuschauer nicht gewählt worden sind! Es sollten nur die Zuschauer entschieden, welches Lied sie repräsentiert.
Walther Kempinski 19.05.2019
3. Televoting und Juryvoting-Diskussionen
Televoting und Juryvoting-Diskussionen wirds sicher auch wieder geben. Aber nach reiflicher Analyse muss man eben sagen, dass Deutschland einen zu schlechten Song hatte und die Mischung aus beiden Votings immernoch das ausgewogenste Ergebnis liefert. 5x gabs Televoting only, da gewannen nur slawische Länder, Griechenland und 1x Finnland. Klüngel wirds nicht nur in Österreich immer geben, auch beim ESC. Aber der Mix machts ausgewogen. Nun kann jeder bei sich die ESC-Taste links oben drücken und auf Escape hoffen, wenns keinen Spaß gemacht hat. Ich find die Kitschveranstaltung mehr als ok. Wir brauchen übrigens Stefan Raab wieder!
lauch135311 19.05.2019
4. Deutschland
Besonders peinlich war allerdings die Punktevergabe für Deutschland von den Zuschauern. Als die Moderatorin zunächst kurz inne hielt und dann ein "Sorry, Germany" herausbrachte. Null Punkte für Deutschland von den Zuschauern - Peinlich. Hätten wir Deutschen doch dieses Jahr wieder unseren Ed Sheeran, Michael Schulte wieder hingeschickt, der letztes Jahr Deutschlands Pechsträhne (Deutschland war immer auf den letzten/vorletzten Platz) beendete. Sieht wohl so aus, als wären wir wieder in unserer Pechsträhne drin.
pepe-b 19.05.2019
5. Klar
Der wirre Verweis auf eine vermeintlich ungerechte Behandlung von Frauen bei den Showacts darf natürlich nicht fehlen. Ich halte diesen Unsinn nicht mehr aus. Publikum wählt was es gut findet. Darum geht es hier. Punkt. Fertig. Aus. Mir schwant schon, dass auch hier bald noch eine Quote gefordert wird. Gleichberechtigung ist etwas selbstverständliches und die haben wir. (Erzwungene) Gleichstellung (das ist etwas anderes!) ist dagegen an vielen Stellen eher schädlich. Wenn keine Frau einen Song hatte, der bezogen auf den Publikumsgeschmack gut genug war vorn mitzuspielen, dann ist das eben so. Lena z.B. hat es grandios gemacht und sie hat verdient gewonnen. Ich wette übrigens: die große Mehrheit der abgegebenen Stimmen stammt von Frauen. Die haben dann also gegen sich selbst gestimmt.
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