Eurovision-Vorentscheid NDR entmachtet das Volk

Deutschlands Grand-Prix-Macher wollen nach den Debakeln der Vergangenheit auf Nummer sicher gehen - und entmachten die Zuschauer: Nicht mehr das TV-Publikum bestimmt per Televoting den deutschen Teilnehmer für den Eurovision Song Contest, sondern eine Jury.


Hamburg - Athen 2006: Platz 15. Helsinki 2007: Platz 19. Belgrad 2008: Platz 23 (und damit Letzter). Nach den unrühmlichen Platzierungen in den vergangenen Jahren möchten die Grand-Prix-Beauftragten des zuständigen Norddeutschen Rundfunks (NDR) 2009 anscheinend alles besser machen - und verzichten auf den Unsicherheitsfaktor Publikum. Nicht mehr die TV-Zuschauer bestimmen per Televoting ihren Kandidaten für den Eurovision Song Contest (ESC) 2009, sondern eine Jury.

Girl-Band No Angels: Belegte in Belgrad zusammen mit Polen und England den letzten Platz
DPA

Girl-Band No Angels: Belegte in Belgrad zusammen mit Polen und England den letzten Platz

"Für 2009 nehmen wir uns ganz bewusst eine Auszeit vom bislang üblichen Verfahren des deutschen Vorentscheids", sagte Thomas Schreiber, ARD Koordinator Unterhaltung, am Dienstag. "Wir erhoffen uns eine höhere Teilnahmebereitschaft von international erfolgreichen Künstlern, da wir ihnen den direkten Weg ins Finale in Aussicht stellen."

Neben Texas Lightning (2006), Roger Cicero (2007) und den No Angels (2008) hatten die TV-Zuschauer in den vergangenen Jahren auch immer wieder Jux-Musikanten wie Gildo Horn und Stefan Raab zur europäischen Pop-Schlager-Meisterschaft geschickt. Damit soll nun Schluss sein.

Durch das neue Verfahren hoffen die Macher, professionelle Sänger, Autoren und Komponisten für den Wettbewerb zu begeistern, die bisher der ARD-Vorentscheid (präsentiert von Thomas Hermanns) abgeschreckt hat. Bewerbungen müssen bis zum 22. Januar beim NDR eingehen. Dann wird eine Jury entscheiden, wer beim Finale in Moskau für Deutschland auf der Bühne stehen wird.

Bereits 1993 war die öffentliche Abstimmung über den Grand-Prix-Teilnehmer vorübergehend abgeschafft worden. Der damals zuständige Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) versah die Gruppe Münchener Freiheit mit einer Direktnominierung. 1996, als der NDR die Federführung übernahm, ging wieder ein Vorentscheid über die Bühne - Sieger Leon schaffte mit "Blauer Planet" aber noch nicht mal den Sprung ins europäische Finale.

Der Auftritt in Moskau ist dem deutschen Kandidaten indes garantiert: Deutschland ist mit Frankreich, Großbritannien und Spanien - als einer der vier großen Geldgeber - sowie Vorjahressieger Russland für das Finale gesetzt.

Ob es eine ARD-Show geben wird, in der die Entscheidung der Juroren gezeigt oder der Kandidat dem Publikum Lieder zur Auswahl stellt, wollte der NDR zunächst nicht sagen. Die Verantwortlichen hatten in der Vergangenheit oft die Bedeutung des Vorentscheids für die Zuschauerbindung an das Finale betont.

Erst vor wenigen Tagen entmachteten auch die internationalen ESC-Verantwortlichen die Zuschauer in allen Teilnehmerländern: Die Abstimmung des Publikums ist künftig nicht mehr das Maß aller Dinge, sondern geht nur noch zu 50 Prozent in die Wertung ein. Dazu soll es für jedes Land eine Jury geben, die zu ebenfalls 50 Prozent Einfluss auf die Punktevergabe der jeweiligen Nation hat.

Der Eurovision Song Contest findet am 16. Mai 2009 in Moskau statt. Mit rund 100 Millionen Fernsehzuschauern ist es die größte Musikveranstaltung der Welt.

chc/dpa



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