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24. Mai 2012, 10:18 Uhr

Guns-N'-Roses-Legende Slash

"Das Internet ist voller Zuhälter und Diebe"

Keine Frage, der Mann mit dem Zylinder ist eine lebende Legende. Im Interview spricht Ex-Guns-N'-Roses-Gitarrist Slash über sein Solo-Album "Apocalyptic Love", seine unglückliche Liebe zum Alkohol, den rüden Umgangston im Internet - und seinen neuen Zweitjob als Horrorfilmer.

SPIEGEL ONLINE: Slash, haben Sie eigentlich schon mal auf der Bühne geweint?

Slash: Nein. Wieso fragen Sie?

SPIEGEL ONLINE: Myles Kennedy, Sänger auf Ihrem neuen Album "Apocalyptic Love", hört in Ihrem Gitarrenspiel einen "wunderschönen Schmerz".

Slash: Alles, was ich sagen kann, sage ich über Musik - ich bin nicht sonderlich gut darin, Gefühle zu verbalisieren, ich spreche durch mein Spiel. Vermutlich entdeckt Myles darin Emotionen, auf die er sich persönlich sehr gut beziehen kann. Ich wüsste da aber nichts Spezifisches.

SPIEGEL ONLINE: Recht hat er dennoch: Ihre Musik verströmt Melancholie, Ihr Solo in dem Welthit "Sweet Child Of Mine" ist wohl das berühmteste Beispiel.

Slash: Das ist ein Erbe des Blues. Die Musik diktiert mir, wohin ich gehe. Sie ist eine Art Katalysator, der bei mir unbewusste Gefühlszustände hervorholt, besonders auf der Bühne. Dort drücke ich mich viel klarer aus, als wenn wir hier in einer Hotelsuite sitzen und reden.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen Sie's trotzdem mal mit Worten: Wenn Sie einen Song live spielen, erleben Sie dann dieselben Gefühle noch mal, die Sie hatten, als Sie ihn komponierten?

Slash: Kommt vor, ja. Langsam zaubere ich alles wieder hervor, oft erschaffe ich die alten Bedeutungen wieder neu, wenn ich zu den Soli komme. Die Intensität variiert allerdings. Manchmal überwältigt mich das Gefühl, manchmal ist eher verwaschen. Das hängt von der Länge eines Gigs ab. In 45 Minuten ist es schwierig, zu Dir selbst eine Verbindung herzustellen. Und es hängt davon ab, wie oft du einen Song spielst. Außerdem kommen neue Assoziationen hinzu, alte verblassen oder werden überlagert.

SPIEGEL ONLINE: Wovon träumen Sie, wenn Sie eine Bühne betreten?

Slash: Von einem perfekten Sturm, dem extremsten emotionalen Zustand: Energie verwandelt sich in Synergie, die Band fühlt sich tief miteinander verbunden, ein Song erwacht zum Leben - so banal das klingt, alles erwächst dann aus tiefstem Herzen. Das erlebe ich gar nicht oft. Aber wenn, dann ist das Gefühl unvergesslich. Eigentlich motivieren mich eben diese seltenen Momente dazu, mit diesem Rock'n'Roll-Scheiß weiterzumachen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch basteln Sie an einer Zweitkarriere - Sie versuchen sich jetzt als Produzent von Horrorfilmen. Was mögen Sie an Blut?

Slash: Genau so eine Frage ist ein guter Indikator dafür, wie tief das Niveau der Filmindustrie gesunken ist...

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen auf Gewalt-Pornos wie die "Saw"-Reihe an.

Slash: Richtig. Splatter in Franchise-Form, Gedärme ersetzen Geschichten. Ich bin ein Horrorfilm-Fanatiker seit Kindertagen. Mich haben dagegen die Klassiker aus den Dreißigern inspiriert und beeinflusst...

SPIEGEL ONLINE:...so wie "Freaks"...

Slash:...von Tod Browning, genau. Aus dieser Zeit liebe ich fast alles, von "Frankenstein" bis hin zu "King Kong". Und in den Sechzigern und besonders Siebzigern, als ich ein kleines Kind war, gab es die Filme aus den englischen Hammer-Studios, mit Peter Cushing, Christopher Lee oder Vincent Price - großartig gefilmt, großartige Plots, großartige Darsteller. Auch die Achtziger waren okay. Erst in den letzten zwanzig Jahren führte alles in die Irre.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie führen uns jetzt zurück auf den richtigen Weg.

Slash: Mal sehen. Einen Film zu produzieren ist nicht direkt vergleichbar damit Musik zu machen, aber es ist ebenfalls ein kreativer Prozess. Ich habe mir aus einer Handvoll vorab gefilterter Drehbücher eines ausgesucht, der Dreh startet jetzt gerade. Mein Ziel sind gut komponierte, charakterzentrierte Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Mit Anne Heche haben Sie ja schon mal einen echten Charakterkopf für die Hauptrolle in "Nothing To Fear" gewonnen. Ganz kurz: Worum geht's?

Slash: Ein Paar zieht in eine kleine Stadt namens Stull in Kansas. Der Ort existiert tatsächlich, googeln Sie ihn mal. Dort findet sich angeblich eines von sieben Toren, das direkt in die Hölle führt. Es heißt, sogar der Papst hat sich geweigert, das Gebiet zu überfliegen.

"Reue? Shit happens."

SPIEGEL ONLINE: Oha. Werden Sie sich am Set einmischen?

Slash: Nein. Wir planen etwa zwei Filme pro Jahr. Aber dies ist unser erster, es dauerte lange, bis die Finanzierung stand, der Dreh verschob sich immer weiter - und fällt jetzt mit meiner Tour zusammen. Ich lasse mich per Computer auf dem Laufenden halten.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten sich also komplett raus?

Slash: Nicht ganz. Neben einem guten Rockkonzert ist für mich das ultimative Entertainment-Erlebnis ein fesselnder Film mit einem ebensolchen Score - ich schreibe die Musik.

SPIEGEL ONLINE: Was dürfen wir erwarten? Psychedelische Orgel-Wolken wie in vielen Hammer-Filmen? Düstere Gitarrenriffs à la Black Sabbath?

Slash: Nein, keinen Rock - einen klassischen Score. Wir haben jemanden engagiert, dem ich Motive zuliefere, die er dann verarbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie auch noch ein drittes Solo-Album aufnehmen?

Slash: Das erste war als einmaliges Projekt gedacht. Ich habe auf so vielen Alben verschiedener Leute gespielt, auf "Slash" wollte ich sie bei mir versammeln: Ozzy Osbourne, Fergie, Lemmy, Iggy Pop. Zum Schluss der Aufnahmen stand die Session mit Myles Kennedy an, die so gut lief, dass ich ihn fragte, ob wir nicht gemeinsam auf Tour gehen wollen. Das taten wir und ich dachte: eine fucking killer band. Das neue Material haben wir unterwegs geschrieben, insofern knüpft das Album da an, wo die Tour aufgehört hat - und ich denke, es kratzt gerade nur an der Oberfläche dessen, wozu wir fähig sind. Aber jetzt konzentrieren wir uns erst mal auf die Tour.

SPIEGEL ONLINE: Vor 25 Jahren erschien "Appetite for Destruction", das schon legendäre Debüt von Guns N' Roses - kurz darauf waren Sie ein Weltstar. Wie haben Sie die zweieinhalb Jahrzehnte in diesem Geschäft verändert?

Slash: Als Person? Nicht sehr. Ich habe Veränderungen eher erlebt: neue Bands, neue Beziehungen - und neue Autos. Naja, der ganze Scheiß eben. Mein sehr langer Drogentrip, meine unglücklich verlaufene Liebe zum Akohol, ich habe geheiratet und mich scheiden lassen, ich habe zwei Kinder bekommen und mit einer Myriade von Künstlern eine Myriade von Songs geschrieben. Aber ich mache einfach immer weiter, ich bin - wie soll ich das formulieren? - ein Getriebener. Und kein Mensch, der sich zurücklehnt, auf sein Leben schaut und darüber reflektiert, was geschehen ist.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem haben Sie 2007 eine Autobiografie veröffentlicht.

Slash: Die Arbeit daran hat weniger meine Sicht auf das Leben oder meine Wahrnehmung verändert, sondern es ging mir schlicht darum, meine Geschichte zu erzählen. In gewisser Hinsicht war das natürlich eine kathartische Erfahrung, weil ich darüber nachdenken konnte, wie Bands entstehen - und auseinanderfallen. Ich würde aber nicht unbedingt die Chance ergreifen, ein weiteres Buch zu schreiben. Ich wurde ja eher gedrängt.

SPIEGEL ONLINE: Von wem?

Slash: Von diesem Online-Sensationalismus, der die dümmsten Gerüchte und kleinsten Geschichtchen aufbläst. Ich wollte einige Missverständnisse ausräumen und dachte, ein Buch sei dafür der geeignete Weg. Und das hat ja auch funktioniert, der Rummel um dieses Thema hat sich gelegt.

SPIEGEL ONLINE: "Dieses Thema" ist eine hübsch distanzierte und diplomatische Formulierung. Sie sprechen über Guns N' Roses, Ihren ewigen Streit mit Sänger Axl Rose und gegenseitige Bezichtigungen und Indiskretionen.

Slash: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Worüber Sie offenbar nicht reden wollen.

Slash: Genau. Nur so viel: Ich war schon verwundert über all diese Lügen. Das Web ist wie der verdammte Wilden Westen: lauter Zuhälter und Diebe, die frei herumlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie nutzen es aber selbst auch.

Slash: Klar, es ist ein großartiges Vehikel. Es verschafft mir eine direkte Verbindung zu den Fans, einen persönlichen Zugang, den es so vorher nicht gab. Du kannst mitteilen, was immer Du für wichtig hälst: Tourdates, Songtexte oder was du zum Frühstück gegessen hast. Das ist cool. Aber auch das Einzige, wofür ich das Netz nutze.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich?

Slash: Ja, als Werkzeug. Ich bin definitiv der Ansicht, das es nicht die gesündeste Sache der Welt ist, sich ständig im Netz aufzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eben ein paar heikle Punkte angesprochen: Scheidung, den Zerfall von Guns N' Roses, Drogenmissbrauch, Alkoholsucht. Empfinden Sie auch Reue?

Slash: Nein, ich bin kein Mensch für Reue. Shit happens.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind trockener Alkoholiker. Warum haben Sie eigentlich aufgehört zu saufen?

Slash: Ich hatte einen Punkt erreicht, an dem ich aus dem Trinken nichts mehr ziehen konnte, es wurde zum Hindernis. Alles ist Spiel und Spaß, bis du wirklich ein Suchtproblem hast. Sich selbst zu versklaven ist armselig.

SPIEGEL ONLINE: Sie konnten nicht mehr in den Spiegel schauen?

Slash: Darum ging es weniger. Der Alkohol war nur noch eine Krücke, er spannte eine Art unsichtbares Sicherheitsnetz. Er ist nicht sonderlich hilfreich, wenn man etwas erreichen, erschaffen oder verändern will. Ich war in einer der größten Rockbands des Planeten, dann musste ich mich irgendwann allein durch mein Leben navigieren. Und ich wollte mich selbst ernst nehmen können - und auch, dass andere Menschen mich ernst nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Hat es lange gedauert vom Trinken loszukommen?

Slash: Schon eine Weile, ja. Der Prozess des Verstehens dauert.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie allein?

Slash: Nein. Ich bin in die rehab gegangen, einen Monat lang. Aber eher, um einen Ort zu haben, wo ich meinen Kopf klar kriegen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Und heute? Fehlt Ihnen der Rausch nicht manchmal?

Slash: Wenn ich mich dazu entscheiden sollte, den Alkohol zu vermissen: Unten gibt es eine Hotelbar.

Das Interview führte Thorsten Dörting

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