Expo Der 400.000-Mark-Jingle

Der Kulturchef der Expo schätzte den Kultwert der Elektronik-Pioniere Kraftwerk falsch ein und hat nun 400.000 Mark für eine Erkennungsmelodie der Weltausstellung gezahlt, die kein Radiosender spielen möchte.

Hannover - Nach Finanzdebakel, schleppendem Ticketverkauf und Gezerre um die Cola-Dose steht der Expo-Gesellschaft ein neuer Streit ins Haus. Diesmal geht es um den Expo-Jingle der Gruppe Kraftwerk. Gleich mehrere Stellen kritisierten das Drei-Sekunden-Stück der Wegbereiter der elektronischen Musik ("Autobahn"), für dessen Komposition die Expo an die Musikgruppe nach Angaben von Expo-Kulturchef Tom Stromberg rund 400.000 Mark gezahlt hat.

In der deutschen Version spricht eine verzerrte Stimme, untermalt von Computer-Klängen, die Worte "Expo 2000". Die Variationen gibt es in fünf weiteren Sprachen. "Mit der Summe haben wir auch alle weltweiten Rechte an dem Stück erworben. So kann es weltweit im Internet abgerufen und auch heruntergeladen werden." Die Summe sei nicht so hoch, "daß man tot umfallen muß", meinte Expo-Kulturchef Stromberg.

Das sieht der Landesgeschäftsführer des Bundes der Steuerzahler, Bernhart Zentgraf, anders. Die Summe sei "viel Geld für das Stück, das nicht auf den breiten Geschmack trifft". In einem Schreiben an die Geschäftsführung der Weltausstellungsgesellschaft fragte er, warum sich die Expo für eine Gruppe entschieden habe, die dem "gemeinen Radio- und Fernsehzuschauer, wenn überhaupt, nur am Rande aufgefallen sein dürfte"?

Noch deutlicher fällt die Wertung des Deutschen Rock- und Popmusikerverbandes in Lüneburg aus. "Es ist eine Lachnummer, dafür soviel Geld zu zahlen", sagt Geschäftsführer Ole Seelenmeyer. Es gebe keinen anderen Job für Musiker in Deutschland, auf so einfache und schnelle Art so viel Geld zu verdienen.

Beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), dem Medienpartner der Expo, ist nahezu niemand glücklich mit der Erkennungsmelodie. Martin Reckweg, Referent von Funkhaus-Chef Arno Beyer: "Der gesamte NDR wird diesen Jingle nicht einsetzen. Die Expo hätte schlau daran getan, Radioprofis zu fragen, wenn der Jingle auch im Radio gespielt werden soll." Grundsätzlich spiele der NDR ohnehin nur eigene Erkennungsmelodien, die zu der Klangfarbe des Programms paßten.

Auf die Frage, ob die Landesregierung den Jingle möglicherweise in der Warteschleife ihrer Telefonanlage spielen werde, winkte der stellvertretende Regierungssprecher Volker Benke ab. "Das würde die Bürger eher verschrecken." Auch er hält den Preis für zu hoch. "Das ist kostenmäßig sehr aufwendig, auch weil die Radiosender ja offenbar keinen Gebrauch davon machen wollen."

Jingle bald in der Langfassung

Expo-Kulturchef Stromberg verteidigt den Jingle. Kraftwerk sei international bekannt und habe Kultcharakter. Die Expo- Kulturabteilung habe sich auf dem Markt umgesehen und sich schließlich für die Düsseldorfer entschieden. Die Expo habe auch die Aufgabe, "Zeichen zu setzen und mit den Besten zusammenzuarbeiten." Zudem ist er der Ansicht, daß Künstler nicht umsonst arbeiten sollten. Für den Spätsommer kündigte er auch eine Langfassung von Kraftwerk an. Dies Stücke werde "melodischer sein" und sich auch bestens dazu eignen, bei der Landesregierung in die Warteschleife zu kommen.

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