Fehlfarben-Jubiläum Hier sind sie wieder, die griffigen Sätze

Ihr 25. Jubiläum haben die Fehlfarben verschlafen. Stattdessen versammelte sich nun eine illustre Gästeschar für das Album "26 1/2", um den Düsseldorfer Punks die Ehre zu erweisen. Tatsächlich ist die geschliffene Krisen-Rhetorik des Fehlfarben-Sängers Peter Hein heute aktueller denn je.

Von Thomas Winkler


Der Klassenverband ist nahezu komplett angetreten. Dirk von Lowtzow von Tocotronic, Frank Spilker von den Sternen, Jochen Distelmeyer von Blumfeld, Bernd Begemann. Die so genannte Hamburger Schule lässt sich nicht lumpen, wenn es darum geht, Ehre zu erweisen, wem Ehre gebührt. Schließlich wurde man jahrelang nicht müde zu betonen, wie wichtig die Fehlfarben für die eigene Entwicklung gewesen seien. Nun ist es Zeit, Zeugnis abzulegen.

Punkband Fehlfarben, Sänger Hein: Pioniere und Epigonen werden eins

Punkband Fehlfarben, Sänger Hein: Pioniere und Epigonen werden eins

Das geschieht auf der CD "26 1/2", die mit titelimmanenter Ironie das von der Band verschlafene 25-jährige Jubiläum der Düsseldorfer Punkrocker nachfeiern, aber ausdrücklich kein Tribut-Album sein soll. Ausschließlich Freunde sollten es sein, die alte und neuere Songs singen, unterstützt von den Fehlfarben selbst. Unter den Gästen findet sich noch mehr bundesdeutsche Popprominenz: Tote Hose Campino beraubt "Paul ist tot" jeder Eleganz und macht daraus wieder einen satten Punksong, und Herbert Grönemeyer verwandelt die Fehlfarben-Hymne "Grauschleier" fast in einen seiner eigenen nervös-hibbeligen Songs.

Kurz: Jeder der Ehrerweisenden holt aus den Fehlfarben-Stücken heraus, was sie für ihn bedeutet haben. Das beweist zweierlei: Dass diese Songs so gut sind, dass sie noch jede Behandlung überstehen. Und: Fast jedem können diese Songs etwas sagen, ob nun einem melancholischen Element-of-Crime-Sänger Sven Regener, der sich "Der Himmel weint" ausgesucht hat, einer forschen Claudia Kaiser von den Moulinettes, dank der "Club der schönen Mütter" zum Power-Pop gerät, oder selbst Helge Schneider, der dem abgrundtief traurigen "Einsam" doch tatsächlich noch etwas Komik abgewinnt.

Kein Kettcar, keine Helden

So geschieht es, dass sich Persönlichkeiten, Hintergründe und Geschichten der Gastkünstler über die alten und neuen Songs der Fehlfarben legen - fast wie jener Grauschleier, den keine Mutter jemals weg waschen könnte. Vergangenheit und Gegenwart treten in Dialog, Pioniere und Epigonen werden eins, die Fehlfarben und ihre Einflussnahme auf die Geschichte deutscher Popmusik finden Töne. Und es klingt, als ob die Fehlfarben tatsächlich nicht wegzudenken sind aus dieser Geschichte. Oder doch zumindest so, dass man sie sich ganz bestimmt nicht weg denken möchte. Denn womöglich hätte es dann die Hamburger Schule nicht gegeben, vielleicht ja auch nicht Kettcar, Wir sind Helden und die wenigen anderen Lichtblicke.

Dabei überrascht auf "26 ", dass viele Songs von "Monarchie und Alltag", dem ersten Fehlfarben-Album von 1980, das mittlerweile als eines der wichtigsten Alben der bundesdeutschen Pophistorie wahr genommen wird, gar nicht vertreten sind. Gern genommen wurden stattdessen eher obskure Titel aus der Zwischenzeit, als Sänger Peter Hein ausgestiegen und die Fehlfarben nur noch eine farblose Erinnerung an bessere Zeiten waren, und vom Comeback-Album "Knietief im Dispo" von 2002.

Auch einen einsamen neuen Song hat die Band für "26 1/2" geschrieben und aufgenommen: "Dein Kopf könnte mein Problem sein" singt Peter Hein in "Chirurgie 2010", seiner aktuellen Bestandsaufnahme dieser Republik. Hier sind sie wieder, die griffigen Sätze, die pointierten Zeilen, von denen heutige Fortysomethings immer noch problemlos einige aufsagen können, wenn man sie nachts um drei aus dem süßen Schlaf des Vergessens schreckt.

Denn niemand hat so wie Hein das seltsame, verlorene Lebensgefühl dieser Generation auf den Punkt gebracht, die das Pech hatte, ihre prägenden Jahre ausgerechnet in den Achtzigern zu verbringen. Die Generation, in der sich jeder als Zuspätgekommener, als Außenseiter fühlte, und die deshalb den darauf folgenden Techno und die seligmachende Kraft des Gefühls, in einer Masse aufzugehen, nie so recht verstanden hat.

Es gab ja nur Waldsterben und Nachrüstung

Hein fand die richtigen Worte für die Verzweiflung ("Wir tanzten bis zum Ende/ Zum Herzschlag der besten Musik"), die Selbstzweifel ("Das sind Geschichten, die mir keiner glaubt/ Das sind Geschichten und sie sind geklaut"), den Übermut ("Die zweite Hälfte des Himmels könnt Ihr haben/ Das Hier und Jetzt, das behalt ich"), den Frust ("Was ich haben will, das krieg ich nicht/ Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht"), den Zynismus ("Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen"), den Drang etwas zu verändern ("Ich will was tun, was nicht in der Zeitung steht"), die damit einhergehende, ständig nagende Unsicherheit mit dem eigenen Lebensentwurf ("Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit Dir nicht etwas versäume"), und er sang sie mit solch drängender Atemlosigkeit, dass die Endzeitstimmung greifbar wurde.

Denn in den Achtzigern gab es nur Waldsterben und Nachrüstung, aber keine Hoffnung. Da war nur die Möglichkeit, die Grünen zu wählen, damit die auch nichts ändern konnten. Und im Privaten gab es den Versuch, immerhin in Würde zu scheitern. Heute droht es wieder, dieses Scheitern, es bröckeln die Gewissheiten, finanzielle und ideelle, die sich diese Generation seitdem dann doch noch zusammen geschraubt hat mit ihrem Sechskant von Ikea. Auch Peter Hein hat inzwischen, symbolkräftig und passend zur Zeit, seinen Jahrzehnte lang treu ausgefüllten Broterwerb beim IT-Konzern Rank Xerox verloren.

Dass das ein Thema ist, liegt auch daran, dass die Menschen, die mit seinen Sätzen aufgewachsen sind, auch deshalb wurden, was sie sind, weil sie Heins Texte aufgesogen haben. Mittlerweile haben sie das Alter erreicht, die Sessel in den Feuilleton-Redaktionen der Republik zu besetzen. Und auch diese Sessel sind dieser Tage nicht mehr so krisensicher, wie sie vor wenigen Jahren noch schienen. Also, auch wenn es kein richtiger Trost ist, noch ein Zitat: "Die Musik aus der Küche klingt schon ziemlich zerkratzt/ Ich habe geweint bei jedem zweiten Satz".



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