Kultur

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Kraftklub-Sänger über rechte Gewalt

"Verständnis bringt gar nichts"

Mit "9010" veröffentlicht Felix Kummer einen melancholischen Rap-Song über die rechte Gewalt in seiner Heimat Chemnitz. Ein Gespräch über wegschauende Politiker, eine deprimierte Stadt und #wirsindmehr-Konzerte.

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Freitag, 28.06.2019   11:36 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Herr Kummer, Ihre Eltern waren Musiker, Sie und Ihr Bruder spielen in einer Band, ebenso wie Ihre beiden jüngeren Schwestern. Reden Sie viel über Musik, wenn Sie zu Hause sind?

Kummer: Nee, ich habe meine Eltern immer vorrangig als meine Eltern wahrgenommen. Mir ist schon klar, wie man sich das von außen so vorstellt: Da lief bestimmt die ganze Zeit der Synthesizer im Wohnzimmer, und ich habe dann dazu getanzt. Aber so war das nicht. Ich habe ja jetzt solo ein paar Rap-Songs aufgenommen. Und mit Hip-Hop konnte mein Vater ohnehin nichts anfangen, das habe ich schon früher zur Abgrenzung benutzt: Beim "Arschficksong" von Sido war's bei meinem Vater vorbei, so weit ging sein Punk-Verständnis nicht.

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SPIEGEL ONLINE: Reden Sie denn viel über Politik und über Chemnitz? Die Stadt wurde im Spätsommer 2018, nach dem Messerangriff auf Daniel H. zum Inbegriff rechter Gewalt, Rechte marschierten tagelang durch die Stadt, es gab Übergriffe gegen Migranten.

Kummer: Das alles hat Chemnitz in eine Art Depression gestürzt, darüber reden wir viel in der Familie: Wie machen wir hier jetzt weiter in der Stadt, in der wir leben? Was im letzten Jahr passiert ist, war für alle überfordernd: Da ist einem Dunja Hayali im Supermarkt hinterhergelaufen, überall waren Kamerateams aus der ganzen Welt, die auf der Jagd nach dem besten Nazi-Gesicht waren. Dieses Extreme hat sich wieder gelegt, aber es gibt immer noch die Faschos, das hat man ja auch bei den Europawahlen gesehen. Wenn man einfach nur reaktionäre rechte Positionen vertreten sehen will, dann könnte man in Sachsen getrost die CDU wählen. Aber nein, es wird ganz bewusst AfD gewählt, und damit werden rechtsextreme Strukturen gefördert.

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SPIEGEL ONLINE: Ihr neuer Song heißt "9010", angelehnt an die alte Postleitzahl Ihrer Heimatstadt Chemnitz. Im Text geht es um einen alt gewordenen Nazi-Schläger, für den Sie auch Mitleid aufbringen. Wie haben Sie Ihre Jugend in Chemnitz erlebt?

Kummer: Wir sind in einer Stadt aufgewachsen, in der das mit den Nazis schon immer ein großes Thema war. Als wir damals angefangen haben, auszugehen, wurde es richtig schlimm. Irgendwann hat man dann die Klamotten-Codes gelernt und sie schon von Weitem erkannt. Du nimmst Schleichwege nach Hause, du gehst nicht über die Straße, wenn du irgendwo laute Stimmen hörst - und du meidest Veranstaltungen: das Hexenfeuer oder das Pressefest, immer ganz gefährlich! Sobald du eine Kapuze aufhattest, war klar: Im Zweifel bist du der Antifa-Typ, den man umklatschen muss. Das macht was mit dir, und das verschwindet auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem hört man aus "9010" so etwas wie Verständnis für den Nazi heraus.

Kummer: Na ja, wenn ich früher von denen durch die Stadt gejagt wurde, kam ich natürlich nicht auf den Gedanken, mich zu fragen, was deren Motivation ist und dass da sicher auch einiges im Argen liegt. Das habe ich erst jetzt, Jahre später, reflektiert. Da denkst du dann schon manchmal: Oh Mann, du armes Schwein! Aber der Song soll nicht als Verständnis missverstanden werden. Verständnis bringt gar nichts. Wo ich herkomme, gibt es eine ganze Menge Leute, die diese Opfergeschichte vor sich hertragen. Klar, die Wende ist damals anders verlaufen als erhofft, und die Treuhand hat die Betriebe abgewickelt. Aber das ist noch lange kein Grund, jetzt die Faschisten in den Landtag zu wählen. Da werde ich sauer. Auch, weil ich das Gefühl habe, dass ich nicht verantwortlich bin und trotzdem mitbestraft werde.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Kummer: Die letzten drei Jahre wurde ausgiebig in den Ostdeutschen hineingehorcht. Jede Befindlichkeit wurde erörtert: Warum wählt der Ostdeutsche die AfD? Warum geht er zu Pegida? Am Anfang hat man es sich so erklärt, dass es ein Denkzettel für die da oben sein sollte. Aber jetzt wurden die Unerhörten drei Jahre lang in jeder Talkshow angehört. Und daher ist es jetzt an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen: Wenn du jetzt noch AfD wählst, dann stärkst du ganz bewusst rechtsradikale Strukturen. Das ist keine Professoren-Partei mehr, das sind keine intellektuellen Euro-Kritiker mehr, da sind stramme Faschos in dieser Partei. Und da muss man jetzt, finde ich, auch mal meine Ängste wahrnehmen, dass ich künftig nicht von Faschisten regiert werden will.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen Rechtsradikalismus in Chemnitz seit Ihrer Kindheit, trotzdem tun viele Politiker so, als wären diese Tendenzen im Osten etwas Neues. Ärgert Sie das?

Kummer: Was mich vor allem nervt, ist die andauernde Relativierung: Wenn man sagt, im Osten gibt es Rechte, heißt es ja sofort: Aber im Westen gibt's auch welche! Ja toll, schwacher Trost. Ich wundere mich eher: Die Rechten kommen ja nicht aus dem Nichts. Sie fühlen sich jetzt vielleicht stärker und sind präsenter, aber sie waren schon lange da und man hat sie auch schon immer gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Ohne, dass es Konsequenzen hatte?

Kummer: Sachsen ist ja im ostdeutschen Vergleich eine wirtschaftsstarke Region, den Leuten geht es eigentlich ganz gut. Deswegen wird Rechtsradikalismus zum größten Teil als Image-Problem gesehen: Ist natürlich schwierig, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, wenn die Angst haben müssen, umgeklatscht zu werden. Also nennst du Nazis einfach nicht Nazis oder du behauptest, es gäbe kein Problem mit Rechten. So wurde es jahrelang gehandhabt.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nur ein Imageproblem - oder drücken Politik und Behörden in Sachsen gerne mal ein Auge zu, wenn es um Rechtsradikalismus geht?

Kummer: Die CDU, die seit Jahrzehnten in Sachsen regiert, verharmlost bis heute ganz klar rechtsradikale Strukturen und kriminalisiert dafür umso extremer linke Strukturen. Unser Ministerpräsident, Michael Kretschmer, lässt keine Gelegenheit aus, zu betonen, dass das linke und das rechte Spektrum gleich gefährlich wären.

SPIEGEL ONLINE: Kretschmer hat unlängst bei einem Bürgerdialog in Chemnitz gesagt, die anständigen Bürger wären nun gefordert, gegen Rechte Gesicht zu zeigen.

Kummer: Da fühle ich mich verarscht. Wenn jemand, der die ganze Zeit rechte Tendenzen befeuert, sich dann verwundert die Augen reibt und die vermeintliche Mitte in die Verantwortung nehmen will. Ich weiß gar nicht, ob diese Mitte in Chemnitz und Sachsen so vorhanden ist. Bei mir gehen immer alle Alarmglocken an, wenn einer sagt, er wäre unpolitisch. Da denke ich: Uiuiui, frage ich mal lieber nicht nach. Im Zweifel heißt das für mich, er steht viel weiter rechts, als er gerade zugeben will.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Situation in Städten wie Chemnitz im Westen verharmlost?

Kummer: Ich habe nie geglaubt, dass es diesen Unterschied zwischen Ost und West gibt, ich habe immer gedacht, es geht eher um Stadt gegen Provinz. Aber dann kam diese westdeutsche Wahrnehmung nach der Europawahl. Man guckte "Tagesschau" und hatte das Gefühl, ganz Deutschland freut sich, die Rechtspopulisten besiegt zu haben: Yeah, wir haben's geschafft! Dann wurden die Wahlergebnisse auf der Deutschlandkarte eingefärbt, und die verschissene DDR zeichnet sich in blau ab. Das diffuse Gefühl, auf der Verliererseite von Deutschland zu leben, das kenne ich seit meiner Schulzeit, aber es ist mir beim Anblick dieser Karte noch mal klarer geworden. Ich weiß aber auch nicht, was die Konsequenz aus diesem Gedanken ist, was jetzt zu tun ist.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr haben Sie etwas getan: Mit Ihrer Band Kraftklub haben Sie in Chemnitz das Anti-Rechts-Konzert #wirsindmehr initiiert, bei dem unter anderen Die Toten Hosen auftraten. 65.000 Menschen kamen, die meisten aus der Region. Gibt es die Mitte vielleicht also doch?

Video: #wirsindmehr-Konzert gegen Rechts in Chemnitz (4.9.2018)

Kummer: Ja, könnte man vermuten. Der sächsische Verfassungsschutz hat das Konzert aber gleich in einen linksextremen Kontext gesetzt, das macht die Verhältnisse noch mal deutlich. Man fühlt sich oft alleingelassen. Gerade in der Zeit nach den ersten Demos damals spürte man in der Stadt, dass die Faschos Oberwasser haben. Die sind durch die Stadt marschiert, als gehöre sie ihnen. Das Konzert sollte einen Gegenpol erzeugen.

SPIEGEL ONLINE: Hat es in der Stadt etwas bewirkt?

Kummer: Es gab auf jeden Fall negative Effekte. In der rechten Szene gab es eine Art vorrevolutionäre Stimmung, die fingen damals an, durch die Parks zu patrouillieren und Ausländer nach ihren Ausweisen zu fragen. Andere haben literweise Benzin in ein türkisches Restaurant gekippt und es dann angezündet. Und das ist alles erst nach dem Konzert passiert. Was war positiv? Es gab das Gefühl, nicht allein zu sein. Das habe ich immer als zentralen Punkt von Antifaschismus wahrgenommen, dass es um Solidarität mit Leuten geht, die in der Minderheit sind.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt gibt es das Ganze noch einmal, am 4. Juli, über ganz Chemnitz verteilt und unter dem optimistischen Motto: #Wirbleibenmehr. Weil sich nichts geändert hat?

Kummer: Niemand von uns war so naiv zu glauben, dass man mit einem Konzert die Welt verändert. Aber es geht darum, von diesem ewigen ostdeutschen Minderwertigkeitskomplex wegzukommen. Man muss halt andere Sachen anbieten. Ich hatte auch Leute in meinem Schuljahrgang, die nach rechts abgedriftet sind. Ich habe es immer so wahrgenommen, dass Musik und Kunst einen davor bewahren können. Na ja, und wir machen halt Musik und wir kennen viele Leute, die Musik machen. Wir haben diesmal versucht, Chemnitz noch mehr einzubeziehen und zusammen zu bringen, also nicht nur unsere Promi-Kumpels zu holen, sondern zum Beispiel auch den Basketballverein und die Galerien.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als hätten Sie trotzdem noch Hoffnung für Chemnitz, für Sachsen?

Kummer: Nicht, wenn weiterhin reflexhaft gesagt wird: So schlimm ist es doch gar nicht. Im Prinzip ist es so, als würdest mit jemandem in einer WG wohnen und das Fenster ist kaputt. Es stürmt, es regnet rein, es ist windig und alle frieren, offensichtlich ist richtig was im Arsch. Aber bei der WG-Sitzung wird dann gesagt: Ja, gut, aber der Fußboden, der ist doch richtig schön gebeizt, kannst du da nicht auch mal hingucken? Und einer ruft immer: Zieh doch aus, wenn's dir hier nicht gefällt.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie als Chemnitzer, wenn die Landtagswahl im Herbst sehr zugunsten der AfD ausgeht?

Kummer: Die Wahl wird zugunsten der AfD ausgehen, die Frage ist ja aber, ob sie dann auch mitregieren. Ich weiß nicht, was ich dann mache. Je nach Tagesform denke ich: Leckt mich doch alle am Arsch, ich ziehe wirklich weg. Doch noch nach Berlin. Aber wenn alle wegziehen, lässt man die ganzen korrekten Leute im Stich. Und die gibt es in Chemnitz und in ganz Sachsen, das weiß ich.

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