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Comeback von Fiona Apple Her mit dem Bolzenschneider!

Großes Drama der Gefühle: Fiona Apple, zerbrechliche Songwriterin der Neunzigerjahre, feiert ein Comeback mit einem wütenden, rohen Soul-Album und Kampfliedern für die #MeToo-Ära.
aus DER SPIEGEL 17/2020
Sängerin Fiona Apple: Radikale Neuerfindung als politische Stimme

Sängerin Fiona Apple: Radikale Neuerfindung als politische Stimme

Um zu verstehen, wer Fiona Apple ist, braucht man keine zehn Sekunden. Es reicht schon, sich ein kurzes Instagram-Video anzusehen, das eine ihrer Freundinnen vor gut zwei Wochen gepostet hat. Es ist eine Reaktion auf den Vorschlag, ihr neues Album wegen der Coronakrise später zu veröffentlichen.

Das Gesicht von Apple ist in dem Clip derart nah, dass es fast unangenehm ist - ganz ähnlich wie ihre Musik: intim, zu faszinierend, um wegzuhören. Apple schürzt ironisch die Lippen, ihre großen Augen verengen sich: "Soll ich es herausbringen?", neckt sie ihre Fans. "Ich glaub, ich werd's tun." Aus.

Jetzt ist "Fetch the Bolt Cutters" tatsächlich erschienen, Fiona Apples erstes Album seit 2012. Es ist vor allem deswegen umwerfend, weil sich die heute 42-jährige Sängerin darauf einerseits treu bleibt, andererseits aber auch radikal als politische Stimme neu erfindet. Es ist das unerwartete Comeback einer der besten Songwriterinnen ihrer Generation.

Fiona Apple verkaufte allein in den USA fast drei Millionen Exemplare ihres 1996 erschienenen Debütalbums "Tidal" und bekam einen Grammy für die Single "Criminal". Für ihre Songpoesie wird sie von Kritikern in einem Atemzug mit Joni Mitchell und Bob Dylan genannt. Sie lebt zurückgezogen mit ihrem Hund Mercy in ihrem Haus in Venice Beach, Los Angeles. Interviews und öffentliche Auftritte meidet sie im Wissen um ihre mangelnde Impulskontrolle, erst kürzlich hat sie einem offenbar hemmungslosen Alkohol- und Medikamentenkonsum abgeschworen. Wenn sich jemand mit Isolation und Entfremdung und den dadurch bedingten Gefühlsschwankungen auskennt, dann sie. Nicht zuletzt deswegen wirkt der Zeitpunkt ihrer Rückkehr inmitten der Corona-Kontaktsperren perfekt gewählt.

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Apple ist die Tochter eines Broadway-Künstlerpaars, die Eltern trennten sich bald. Sie wuchs in Manhattan auf. Das Theatralische findet sich bis heute in ihrer oft auf Piano, Perkussion und expressiven Gesang reduzierten Musik, ebenso wie ihre früh entdeckte Leidenschaft für den Jazz und Blues von Ella Fitzgerald oder Billie Holiday. Mit zwölf Jahren wurde sie im Hausflur vor der Wohnung ihrer Mutter vergewaltigt, das Erlebnis führte zu posttraumatischen Belastungs- und Essstörungen: Sie wollte ihren Körper dem männlichen Blick entziehen, indem sie ihn herunterhungerte, unattraktiv machte. Bekannt wurde sie schließlich aber doch - vor allem im Videoclip zu "Criminal" - in der Rolle der lasziven Außenseiterin, die mit ihren Abgründen kokettiert. Ein typisches Sexsymbol der Neunzigerjahre.

Dass diese Pose durchaus ihre starken Seiten hat, gilt im Pop mittlerweile als selbstverständlich. Viele junge Musikerinnen, die heute offen über ihre psychischen Traumata oder ihre Depressionen singen, bekamen ab Mitte der Neunzigerjahre unter anderem von Fiona Apple gezeigt, wie das geht: das Drama der eigenen Gefühle in ermächtigende, aber auch selbstbewusst erotische Songs zu verwandeln.

Es brauchte lange und toxische Beziehungen, so zum Filmregisseur Paul Thomas Anderson, bis sich Apple vom Image der ewig desolaten Kindfrau befreien konnte. "Ich habe Sinn für Humor", erzählt sie in einem großen Porträt, das vor Kurzem im "New Yorker" erschienen ist, "ich bin nicht die ganze Zeit so verdammt fragil! Ich bin ein erwachsener Mensch. Man kann mit mir reden."

Davon, sich nicht mundtot machen zu lassen von gesellschaftlichen Normen oder tradierten Verhaltensmustern, handeln auch die Songs auf "Fetch the Bolt Cutters". Der Titel ist ein Zitat aus der britischen TV-Serie "The Fall - Tod in Belfast", in der sich Hauptdarstellerin Gillian Anderson Zugang zu einem Raum verschaffen will, in dem sich ein junges Opfer sexueller Gewalt befindet: Her mit dem Bolzenschneider, ruft sie, bereit, sich der Pein zu stellen.

Für Apple geht es aber auch darum, sich aus dem eigenen Seelengefängnis zu befreien. Der ohnehin schon tiefe Ton ihrer Stimme klingt noch grollender, wenn sie mit femininer Zurückhaltung abrechnet: "Kick me under the table all you want / I won't shut up", singt sie trotzig. Den Song "For Her" schrieb sie im Zorn über die Anhörungen des Supreme-Court-Richters Brett Kavanaugh, dem sexuelle Nötigung vorgeworfen wurde. Sie hat es satt, wie wenig Glauben Opfern von Vergewaltigungen und Übergriffen noch immer geschenkt wird. Die Songzeile "Good mornin'! Good mornin' / You raped me in the same bed your daughter was born in" ist eine von vielen bitteren Pointen des Albums.

Sängerin Apple (2018 in Austin, Texas): Neue musikalische Offenheit

Sängerin Apple (2018 in Austin, Texas): Neue musikalische Offenheit

Foto: Rick Kern/ Getty Images

Erstmals wühlt Apple aber auch tief in ihren Beziehungen zu anderen Frauen, Jugendfreundinnen wie Rivalinnen, auf der Suche nach Solidarität. Zum "Women's March on Washington" im Januar 2017 schrieb sie die Anti-Trump-Hymne "Tiny Hands", und dieser neu gefundene politische Impetus durchweht viele ihrer neuen Songs. Lieder wie "Ladies" oder der wütende Gospel "Relay" werden zu persönlich motivierten Kampfliedern für die #MeToo-Ära. Die Dominanz des Klaviers, jahrelang Apples Schutz, hinter dessen hämmernden Tönen sie sich verschanzen konnte, ist neuer musikalischer Offenheit gewichen. Das Klangbild dominieren Bass und Perkussion, es wirkt wie ein schroffes Soulalbum.

Ob sie sich dadurch dem viel debattierten Vorwurf der kulturellen Aneignung aussetzt, dürfte Apple egal sein. Dem Zeitgeist hat sie sich mit ihrer herausfordernden Musik selten unterworfen.

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