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FKA Twigs: TripHop mit Temperament

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Pop-Entdeckung FKA Twigs Die Frau mit den Knicke-Knacke-Knochen

Als Kind hielt sie Yul Brynner für ihren Vater und ließ ihre Knochen wie Zweige knacken. Doch hinter dem fragilen Elektropop von FKA Twigs verbirgt sich ein robuster Künstlercharakter. Jetzt erscheint ihr aufregendes Debüt-Album.

"Erinnerst Du Dich daran, wie Du als Kind zum ersten Mal 'Der Zauberer von Oz' gesehen hast? Als da, nach dem Anfang in Schwarzweiß, plötzlich diese leuchtenden, knallbunten Technicolor-Farben waren? Dieses Gefühl will ich in meiner Musik transportieren."

Tahliah Barnett wirkt sehr zart und zierlich an dem massiven Konferenztisch in einem Berliner Hotel. Das passt zu der zarten, zerbrechlich wirkenden Musik, die sie als FKA Twigs veröffentlicht. Doch unter der Oberfläche knurpselnder TripHop-Beats und verhuschter R&B-Gesänge verbirgt sich eine souveräne, energische Künstlerpersönlichkeit.

FKA steht für die Formel "Formerly Known As". Barnett musste ihren aus Kindheitstagen stammenden Spitznamen Twigs ändern, nachdem sich eine andere Sängerin gleichen Namens beschwert hatte. Twigs, Zweige, wurde Barnett in der Schule genannt, weil sie ihre Gelenke wie dünne Äste knacken lassen kann. Nach einer von der Pop-Kritik mit unheimlicher Einhelligkeit gefeierten EP, die im vergangenen Herbst erschien, veröffentlicht die 26-Jährige Wahl-Londonerin jetzt ihr schlicht "LP1" betiteltes Debütalbum - auf dem Label der ebenfalls zu Schüchternheit und musikalischer Fragilität neigenden Popband The xx (das komplette Album können Sie unten im exklusiven Pre-Listening anhören).

Allerdings erlebt man Barnett, Tochter einer Spanierin und eines Jamaikaners, im Gespräch eben nicht als die scheue Geheimnisvolle mit zum Über-Kindchenschema vergrößerten Augen, wie manche sie aus dem Video zur Single "Water Me" kennen mögen. Im leicht exaltierten Akzent, den sie aus ihrer Heimat Gloucestershire im Südwesten Englands mitgebracht hat, gerät sie geradezu temperamentvoll ins Schnattern, wenn sie von ihrer künstlerischen Vision erzählt.

Die speist sich vor allem aus alten Hollywood-Filmen, die Barnett in ihrer Kleinstadt-Kindheit zu Dutzenden im Fernsehen sah: Musicals mit Judy Garland wie "Der Zauberer von Oz", Elizabeth Taylor in Breitwand-Epen wie "Cleopatra", Inspiration für das aktuelle Video zu "Two Weeks". Ihre Besessenheit von den Stars auf der Mattscheibe ging so weit, dass sie zeitweise dachte, der Schauspieler Yul Brynner ("Der König und ich") sei ihr leiblicher Vater. "Ich wuchs mit meiner Mutter und meinem Stiefvater, der aus Barbados kommt, auf und traf meinen echten Vater erst, als ich 18 oder 19 war. Beim heimlichen Suchen nach Lippenstift und Make-up in der Frisierkommode meiner Mutter fand ich eine Postkarte, auf der Yul Brynner zu sehen war. Er schien dieselbe Hautfarbe wie ich zu haben und ich fand, er sah mir ähnlich. Ein paar Tage später sagte ich im verschwörerischen Tonfall zu meiner Mom, dass mir jetzt klar sei, warum sie so wenig über meinen echten Dad erzählt: Der sei ein großer Hollywood-Star, und das müsse ja geheim bleiben. Ich glaube, sie lacht heute noch darüber."

Wenn Barnett sich nicht in Technicolor-Welten träumte oder durch die Wohnung tänzelte, schräge Opernarien in ausgedachtem Italienisch trällernd, begleitete sie ihre Mutter in die jamaikanisch-kubanischen Klubs der Gegend, wo sie Salsakurse gab, die stets in Partys mündeten. Die kleine Tahliah staunte über die Farbenpracht und die ausdrucksstarken Tänzer. "Klar, ich hätte nicht so lange aufbleiben dürfen, schon gar nicht nachts in Kneipen, von denen manche sogar illegal waren", sagt sie. "Aber welche bessere Lektion hätte ich lernen können, als Menschen zuzusehen, die ein paar Mal die Woche zu großartiger Musik einfach mal loslassen?"

Die großen Gesten der Oper, die Kinetik des Tanzes, die Dramatik und Opulenz Hollywoods, all das findet sich, in ultra-reduzierter und faszinierend verlangsamter Form, auch im Gesamtkunstwerk FKA Twigs wieder. Musikalisch erinnert das an eine Fusion der hochemotionalen Balladen Kate Bushs mit dem kühl-distanzierten Noir-Sound von Portishead.

Ihre zwischen Laszivität und Verletzlichkeit simmernden Songs über Lust- und Liebeszustände, die FKA Twigs zu einer der aufregendsten Newcomerinnen dieses Jahres machen, vertonte sie zunächst zusammen mit dem aus Venezuela stammenden Produzenten Arca, einer Größe der New Yorker Elektro-Szene. Mutmaßungen der Presse, dass die Attraktion von EP-Highlights wie "Water Me" oder "Papi Pacify" Songs hauptsächlich Frucht dieser Kollaboration seien, entkräftet sie entschieden: Arca betreute für das Album nur einen einzigen Song.

Ihre Karriere begreift Barnett als Langzeitprojekt, unabhängig vom möglicherweise kurzlebigen Hype, der um sie herum entstanden ist: "Ich brauche keinen großen Hit oder haufenweise Geld. Und ich lasse mir meine Entscheidungen bestimmt nicht von einer so flatterhaften Branche wie dem Musikbusiness diktieren."

Für die Zukunft plant sie eigene Choreografien für die Bühne und kann sich auch vorstellen, andere Künstler zu produzieren, ohne selbst im Vordergrund zu stehen. Das Größte aber wäre, natürlich, wenn sie einen Film-Soundtrack komponieren dürfte: "Das wäre mein persönlicher Himmel."

Abgehört-Wertung: 7.9

FKA Twigs - "LP1" (Young Turks/Beggars Group) erscheint am 8. August
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