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Pop-Phänomen Feist: Mit einem Knall aus der Kreativpause

Foto: Jim Cooper/ ASSOCIATED PRESS

Folk-Königin Feist Popstar aus dem 300-Morgen-Land

Pop-Schläfer, aufgewacht! Leslie Feist ist der Star für alle Großstädter, die nur eine CD pro Jahr kaufen - umso gespannter wartete man auf ihr neues Album "Metals". Aufgenommen in der Einsamkeit einer kalifornischen Ranch, entwickelt die Platte eine ergreifende Zeitlosigkeit.

"Man muss still sein, um Geräusche machen zu können, denen man zuhören mag", sagt Leslie Feist an einem windigen Spätsommertag am Ufer der Spree. Sie spricht davon, wie sie zunächst auf die Bremse treten musste, um wieder neu starten zu können; ein Neustart, der nun ihr neues Album "Metals" hervorgebracht hat, eine mit größter Spannung erwartete Pop-Veröffentlichung dieses Herbstes.

Denn Feist (die sich als Sängerin nur beim Nachnamen nennen lässt) war 2007 durch einen Werbespot für Apples iPod Nano schlagartig zu einem ziemlich aus der Reihe fallenden Popstar geworden. Der Song aus der Werbung, das abzählreimartige "1, 2, 3, 4", das sie passenderweise auch in der "Sesamstraße" vortrug, war zwar enorm eingängig, passte aber durchaus in ihr bisheriges Werk, das ein Geheimtipp geblieben war unter den Freunden geschmackvoller, von Folk beeinflusster Singer/Songwriter-Musik.

Doch plötzlich, dank "1, 2, 3, 4", war das dazugehörige Album "The Reminder" zu einer nahezu unentrinnbaren Platte geworden: zu der CD für all die Leute, die nur ein, zwei Alben pro Jahr kaufen.

Leslie Feist arbeitete unablässig an dem Erfolg von "The Reminder", und zwar auf die altmodische Art: "Ich war elf Monate im Jahr auf Tour", sagt sie, "und hatte das Gefühl, das könnte jetzt ewig so weitergehen." Bloß habe sie gemerkt: Vielleicht sei das gar nicht die Sache, die ewig weitergehen sollte.

Aufnahmen in Big Sur

Also nahm sie "die Räder unter meinem Leben ab", zog sich zurück nach Toronto, in ihr Heimatland Kanada, und machte anderthalb Jahre lang Pause, genoss die Einsamkeit. "Ich glaube, man muss alleine sein, um Lieder zu schreiben. Alles, in das man in sich hineinhören muss, kann man nicht in einer wimmeligen Umgebung schaffen."

Das ist insofern bemerkenswert, als Feist zwar eine Solokünstlerin ist, aber zugleich immer schon ein kollaboratives Arbeitsmodell bevorzugte. Ihre regelmäßigen Partner sind Gonzales und Mocky, "meine Band, meine Mitproduzenten, meine ältesten Freunde" - die Musiker stammen aus dem Kreis von Kanadiern, die um das Jahr 2000 herum eine Kolonie in Berlin gründeten; auch Feist lebte eine Zeitlang dort, sie trat als Sidekick bei den provokanten Shows und Videos der Elektro-Rockerin Peaches auf.

In Toronto arrangierte sie die neuen Songs, die in ihrer Rückzugszeit entstanden waren; zu den Aufnahmen für "Metals" ging das Team ins kalifornische Big Sur - "einen Monat lang auf einer 300 Morgen großen Ranch am Rande des Kontinents zu leben mit meinen besten Freunden - das ist eine ziemlich ideale Situation", sagt sie.

Die Aufnahmesituation schleicht sich gelegentlich in die Songs ein, in Zeilen wie "Get some clarity oceanside". "In der Natur gibt es für jedes Gefühl, was man haben könnte, eine Symbolik, und ich liebe es, mit Metaphern zu arbeiten", sagt Feist.

"Alle Dinge, die mir etwas bedeuten, sind alt"

Vor allem aber ging es darum, möglichst viel live aufzunehmen, möglichst viel Veränderung der Songs im Spiel zuzulassen. Deshalb klingt "Metals" zwar einerseits stärker arrangiert und mächtiger als die Vorgängeralben "Let It Die" und "The Reminder", bewahrt sich aber einen Klang, in dem sehr viel Platz ist, Platz für Dynamik zumal - es ist ein Gegengewicht zu dem aus dem Radio vertrauten, stark komprimierten Popsound der Gegenwart. Der nächste Verwandte von "Metals" ist vielleicht ein klassisches Singer/Songwriter-Album aus den Siebzigern wie Carole Kings "Tapestry".

Den Eindruck, irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein - allerdings ohne dabei schratig zu wirken - vermittelt Leslie Feist auch im Interview, in dem sie mehrfach bekennt, von aktuellen Pop-Debatten wenig mitzubekommen: "Vielleicht sollte ich meinen kulturellen Blickwinkel erweitern", sagt sie zwar, aber zuckt zugleich mit den Schultern.

Immunisiert gegen den Zwang zur Originalität

Denn eigentlich findet die 35-Jährige, dass unsere Zeit ohnehin viel zu besessen sei von der Suche nach dem Neuen: "Man fragt sich, warum jedes Jahr neue Autos auf den Markt kommen. Als gäbe es nicht schon genug Autos auf der Welt. Ich glaube, alle Dinge in meinem Haus, die mir etwas bedeuten, sind alt." Als Berlin-Kennerin regt sie sich fürchterlich über den Potsdamer Platz auf, wo sie in einem Hotel nächtigt: "Fühlt sich an wie das Holodeck aus 'Star Wars'".

In der Musik sei es genauso: "Unsere Gefühle sind dieselben, seit Tausenden von Jahren - wir haben nur andere Haarschnitte und Klamotten an." Deswegen sei Singer/Songwriter-Musik vielleicht etwas immunisiert gegen den Originalitätszwang des Pop, glaubt sie. Angesprochen auf das viel diskutierte Buch "Retromania" von Simon Reynolds, in dem er an der Innovationskraft von Popmusik zweifelt, sagt sie: "Vielleicht sollte ich ein Buch namens 'Futuremania' schreiben."

Doch dass sie sich aller Veränderung verschließe, möchte sie auch wiederum nicht behaupten. So äußert sich Leslie Feist sehr angetan von der Cover-Version ihres Songs "Limit To Your Love", die der britische Post-Dubstep-Musiker James Blake veröffentlicht hat: "Am interessantesten fand ich, dass er den Refrain weggelassen hat", sagt Feist: "Vielleicht mache ich das auf der nächsten Tour genauso; ich könnte ein Cover von James Blakes Cover spielen."

Zuhörer wird sie genug finden: Leslie Feist gelingt es auf "Metals" weiterhin, ihre sehr privatistische Weltsicht so zu vertonen, dass sie eine berührende Allgemeingültigkeit gewinnt.


Feist: "Metals" ist am 30. September bei Polydor/Universal erschienen

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