Weltmusik und Jazz Zwischen Niger und Mississippi

Weltmusik passt ins Zeitalter der Globalisierung - oft nimmt sie Einfluss auf den Jazz. Ist das Gefahr oder Rettung für dieses Genre, das manchen als Musik von gestern gilt?

Claudia Bonacini

Der Jazztrompeter Nils Pettar Molvaer wird beim Weltmusik-Festival im thüringischen Rudolstadt auftreten, und World-Music-Stars wie die portugiesische Sängerin Mariza gastieren bei Jazzevents - so verschwinden Genregrenzen.

Auch das in dieser Woche erscheinende Album des Gitarristen Faris macht neugierig: Der Sohn einer Tuareg-Frau singt Blues aus dem Mississippi-Delta in der Sprache seiner Mutter. Dabei begleitet er sich auf der Gitarre im Stil des Barden Ali Farka Toure aus Mali. Dessen Platte "Talking Timbuktu" gewann 1996 einen Grammy und wurde als der "missing link between Niger and Mississippi" gefeiert. Nun bringt Faris zehn Blues-Traditionals zurück in eine Herkunftsregion der Afroamerikaner; sein "Mississippi To Sahara"-Album ist typisch für "World Music".

In diese Kategorie passen - bei aller Verschiedenheit - auch die CDs "You No Fit Touch Am" des in London lebenden Nigerianers Dele Sosimi und "Voyage a Buenos Aires" des Berliner Vibrafonisten Oli Bott. Sosimi war Sänger und Keyboarder in Fela Kutis Band und verbindet afrikanische Rhythmen mit westlichem Bigband-Sound. Der studierte Jazzmusiker Bott spielt mit seinem Quartett Vibratanghissimo argentinische Tangos und eigene Kompositionen. Dass seine vom Vibrafonklang geprägte Musik im Ursprungsland des Tango bestens ankommt, erlebte Bott bei einem Gastspiel in Buenos Aires.

Asien-Tournee als Durchbruch

Weltmusik passt ins Zeitalter der Globalisierung. Schon vor dem Entstehen des World Wide Web brachten moderne Kommunikationsmittel und die Migration von Menschen "fremde Kultur-Produkte" in alle Ecken der Erde. Musikarten mischten sich, und Formen entstanden, die nicht mehr in die Schubladen "Klassik", "Pop", "Jazz" oder "Folklore" passten. Wie sollte man nennen, was der indische Sitar-Virtuose Ravi Shankar, der arabische Oud-Spieler Dhafer Yousseff, die afrikanische Sängerin Cesaria Evora und der kubanische Buena Vista Social Club darboten? "Weltmusik" war eine annehmbare Bezeichnung.

Zum ersten Mal erschien der Begriff wohl 1952. Das amerikanische Plattenlabel Capitol brachte eine Serie "World Music" heraus - Songs aus Lateinamerika, Asien und Afrika, überwiegend von westlichen Solisten und Kapellen gespielt. In den Sechzigern fand der Jazzpianist McCoy Tyner, dass "die Musik der ganzen Welt miteinander verbunden" sei. Der Trompeter Don Cherry erklärte: "I'm a world musician."

Deutschlands Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt wertete Albert Mangelsdorffs Asien-Tour für das Goethe-Institut 1964 als einen "Durchbruch". Nach Amerikanern wie John Coltrane erweiterten nun auch europäische Jazzer ihren musikalischen Horizont. Sie beschäftigten sich mit "Musikkulturen, die früher außerhalb des Interesses der Jazzleute lagen", so Berendt, "ja, auf die man noch in den Fünfzigerjahren mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl herabgesehen hat".

Die weite Welt faszinierte nicht nur die Jazzmusiker. Auch Rockbands wie die Beatles und die Rolling Stones experimentierten mit indischen und arabischen Klängen. Westliche Populärmusik wurde mit exotischen Musikformen aufgemischt. Veranstalter organisierten in den Achtziger- und Neunzigerjahren überall Weltmusikfestivals und Weltmusikmessen. Bis heute produzieren Plattenfirmen "Jazz und Weltmusik auf höchstem Niveau" (so das Label "Intuition"), und die Pop Akademie Baden-Württemberg eröffnet im Wintersemester 2015/16 ein "Zentrum für Weltmusik". Drei Instrumente aus dem türkisch-arabischen Raum können dann in Mannheim studiert werden.

Afrikanischer Rhythmus-Teppich für westliche Jazzer

Vor allem im Jazz wird immer wieder auf die stilistische Ausweitung durch Musiktraditionen aus aller Welt hingewiesen. Solche Impulse würden die Palette der Ausdrucksmöglichkeiten erweitern, "Ethno-Jazz" sei das Wundermittel, um das als "Musik des 20. Jahrhunderts" abgeschriebene Genre am Leben zu erhalten. Freilich gibt es Skeptiker gegenüber der Weltmusik-Infusion. So ärgerte sich einst der Experte Berendt über Eberhard Weber. Der Bassist hatte die Bemühungen des Manfred-Schoof-Sextetts um asiatische Themen mit dem Versuch chinesischer Musiker verglichen, die auf einer Schottland-Tournee "My Bonnie Is Over The Ocean" spielen würden.

Und den Pianisten und Autor Michael Naura erinnerten manche Ethno-Jazzdarbietungen an die sogenannten Völkerschauen in Hagenbecks Tierpark in Hamburg. "Zu oft habe ich erlebt", polemisierte Naura 1990, "dass die in manchen Hinsicht überlegenen Jazzmusiker des Westens sich von Musikern, sagen wir, Nordafrikas, einen rhythmischen Teppich ausbreiten ließen, auf dem sie ihre solistischen Kebabs anrichteten. Als Gegenleistung wird schon mal ein Käppchen aufgesetzt." Ist völlig falsch, was Weber und Naura schrieben?

CDs:
Faris: "Mississippi To Sahara" (Wrasse Records) ab 26. 6.
Dele Sosimi: "You No Fit Touch Am" (Wahwah 45s)
Vibratanghissimo: "Voyage à Buenos Aires" (Big Tone Records)

Festivals:
Folk Roots Weltmusik, Rudolstadt, 2.-5.7.
Jazzopen Stuttgart, 3.-12.7.

Gute Ideen für die Schule gesucht!



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janix_ 21.06.2015
1. Jede Musiktradition hat schon Stärken
Die einen sind virtuos in den Melodielinien, die anderen in den Klangfarben, noch andere in geradezu mathematischen Rhythmen. Warum sollen verschiedene Stärken nicht zusammenkommen dürfen? Weltmusik ist die Musik der nächsten Jahrhunderte (wenn es uns noch geben wird), so oder so. Es bereichert die feine europäische Musik wieder. Es sollte Geben und Nehmen sein.
W. Robert 21.06.2015
2. Demokratische Konzepte in der Musik
Die Wiege des Jazz ist zweifellos der Ragtime. Der entstand durch die Verbindung der europäischen Harmonielehre und Instrumente mit dem "schwarzen" Rhythmusgefühl. So gesehen ist der Jazz von Anfang an "Weltmusik". Seit der Hippiezeit kommt noch die asiatische Komponente hinzu, als der Jazz "kontemplative" Elemente integriert hat. Der Jazz ist auch keinesfalls tot, er lebt in der modernen populären Musik weiter.. Der Rock&Roll entstand ja in den Big Bands der 30er Jahre und nicht erst zu Zeiten eines Elvis Presley. Der Blues hat bald orchestrale Dimensionen angenommen, der Swing war pure Tanzmusik, der Jazz hat sich also transformiert und maßgeblich unser Lebensgefühl und unser Rhythmusempfinden verändert. Was die "Puristen" als Jazz bezeichnen spielt dabei keine Rolle. In der Krise steckt lediglich der "Modern Jazz" mit seiner intellektuellen akademischen Abgehobenheit. Die ursprünglichen Protagonisten dieser Musik waren eben keine blutleeren Akademiker, sondern ziemlich wilde Gestalten, Charlie Parker, Dizzi Gillespie, John Coltrane, Ornette Coleman etc. Deren Meriten sind eben das Erschaffen neuer Wege, und nicht das Repetieren ihrer Vorgänger, wie das heute der Fall ist. Der Jazz verändert sich mit jeder Generation und stellt mit all seinen Varianten längst die eigentliche Weltmusik dar. Ohne den Jazz wäre die heutige Popmusik völlig undenkbar. Es kommt also darauf an, wie eng oder weit an den Begriff Jazz definiert. Jazz ist die einzig originäre Kulturleistung der USA und sie hat die Welt in der Tat verändert, unsre Steifheit im Westen gelockert, neue Klangwelten erschlossen, die weitgehende Irrelevanz des "modernen" europäischen Kulturbetriebs aufgezeigt, der übrigens auch schon seit Jahrzehnten im "ethnischen" Teich herumfischt. Betrachten wir es mal so: Unsere Klassik steht für das "schöpferische Genie", das die Musik bis ins Detail diktiert, der Jazz mit seiner Improvisation steht für ein kollektives Schaffen, im Idealfall gleichberechtigter Individuen. In diesem Spannungsfeld stehen auch die verschiedenen Ausprägungen des Jazz und der Popmusik.
westerwäller 21.06.2015
3. Musik von Gestern ...
... das waren die Beatles, die Stones und Jethro Tull ... Jazz ist Musik von Vorgestern. Wie Big Band Musik auch ... Ist aber hervorragend geeignet, sich selbst einen intellektuellen Touch zu geben ... Außer sie sagen, sie mögen Free Jazz .... Dann werden sie nur ausgelacht ...
Yoroshii 21.06.2015
4. Manchen?
Wer sind MANCHE? Der Jazz lebt and not only evil begets evil! Die Klassik lebt und liegt nicht selten mit dem Jazz im Bett. Wer also sind manche?
chaps 21.06.2015
5. Geschmackssache
Der Ethno-Jazz ist nicht das Meine. Ich würde Nils Pettar Molvaer übrigens auch nicht in diese Kategorie stecken. Abgesehen davon ist das alles wie immer Geschmackssache. Nicht dass ich nicht offen bin, aber wenn es in Richtung Lambada geht, hört es für mich auf. Asiatische oder afrikanische Skalen sind ja ganz nett, sollten aber nach meinem Geschmack sparsam verwendet werden. Ansonsten sollte man nicht Jazz-Polizei spielen. Es gibt mit Sicherheit viele Gute Bands im Ethno-Jazz.
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