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16. Oktober 2003, 17:19 Uhr

Fotografie

Auge in Auge mit James Last

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Für seine Fans ist Orchesterchef James Last eine Kultfigur. Optisch jedoch kam der Partysound-Erfinder bisher eher verhalten daher. Ein neues Fotobuch stellt den Musiker jetzt visuell ganz neu und in schickem Schwarz-Weiß dar. Kleine Hürde: Das großformatige Werk gibt es in keiner Buchhandlung.

Easy-Listening-Ikone Last: Ein Bild von einem Star
Sylvia Trilck

Easy-Listening-Ikone Last: Ein Bild von einem Star

Bandleader James Last ist kein Mann der eitlen Selbstdarstellung. Wenn er mal ein schrill himmelblaues Designer-Sakko trägt, so sieht selbst das bei dem inzwischen beinahe 75-Jährigen dezent aus. Glamouröses haftete dem gebürtigen Bremer noch nie an, dafür glänzt sein schleiflackig polierter Partysound seit fast 40 Jahren umso mehr. Huldigungen für den Meister des "Non Stop Dancing" fanden vor allem durch Gold- und Platin-Auszeichnungen für seine Alben statt - oder aber im Rahmen seiner vielen äußerst erfolgreichen Konzerte und Tourneen. Jetzt jedoch hat ihm eine junge Hamburger Fotografin ein visuelles Denkmal gesetzt, das dem trockenen und eher distanzierten Orchester-Chef bei der Vorstellung des Buches in Hamburg ein wohlwollendes Lächeln entlockte.

Sylva Trilck heißt die quirlige und vor verbalem Temperament sprudelnde Kamerakünstlerin, die als klassische Quer-Einsteigerin ins Foto-Genre gelangte. Geboren im mecklenburgischen Ludwigslust, fotografiert sie erst seit 1999 professionell. Zuvor war Trilck technische Zeichnerin, diplomierte Sozialpädagogin und Krankenschwester, also mitten im Leben, aber mit einem Blick für Proportionen und Menschen begabt. Nach der Wende kam sie voller Euphorie nach Hamburg, bezog eine Wohnung nahe den Landungsbrücken und schlug sich zunächst mit allerlei Jobs durch, probierte Neues aus und fotografierte noch lange mit ihrer alten Exa 1B Halbformatkamera, bevor sie zur professionelleren Contax wechselte.

Fotografin Trilck: "Ursprünglich wollte ich eigentlich nur zwei Exemplare des Buches produzieren"
Sylvia Trilck

Fotografin Trilck: "Ursprünglich wollte ich eigentlich nur zwei Exemplare des Buches produzieren"

In Hamburg lernte sie auch ihren Freund kennen - einen Musiker des aktuellen Last-Orchesters. Der spielt in der aktuellen Band des Meisters Saxophon und brachte sie bei Proben und Konzerten in die Nähe des Bandleaders. Es wurde so etwas wie eine künstlerische Liebe auf den ersten Blick. James Lasts bekannte Abneigung gegen alles Äußerliche und das leidige Fotografiertwerden überwand Sylva Trilck mit Charme, Witz und einer schnellen, fast unauffälligen Kamera. "Am Schluss ließ er sich sogar gern fotografieren", erzählt Trilck mit hörbarem Stolz. Dass ihre Fotos von James Last und seinen Musikern zuweilen arg an die Arbeiten von Anton Corbijn erinnern, nimmt sie als Kompliment. "Er ist mein großes Vorbild!" gesteht sie ohne Zögern.

Zumindest der spröde und dem Menschen und Motiv verpflichtete Auftritt gleicht Corbijn: Keine Bildkommentare, keine Informationen zu den Fotos sind in den 120 Seiten Buch zu finden, nur ein kurzes, stimmungsvolles Vorwort des Journalisten Stefan Krulle öffnet die Tür zu den Aufnahmen, die im Herbst 2002 während der Deutschlandtournee des Orchesters entstanden. Doch damit nicht genug der vornehmen Zurückhaltung: "James Last and his Orchestra" kann man über keine Buchhandlung beziehen, sondern ausschließlich über die Homepage von Sylva Trilck. Der Grund: Kein großer oder kleiner Verlag ist beteiligt, es ist ihr Projekt. Volles Risiko.

"Ursprünglich wollte ich eigentlich nur zwei Exemplare des Buches produzieren", erzählt Trilck, "eines für James Last und eines für mich. Das wäre nun aber wirklich finanziell unmöglich gewesen, also habe ich es auf diese Weise gemacht" Um das finanzielle Risiko noch ein wenig abzufedern, wurden natürlich die Fanclubs informiert - immerhin ist es das erste Fotobuch über das Phänomen James Last. Und die können nun nach Jahren endlich die visuelle Ikonisierung ihres Idols feiern, nachdem seine Musik schon mit dem "Easy Listening"-Revival postmodern geheiligt wurde. Vielleicht gelingen ja die Fotos von Menschen, die die Kamera hassen, doppelt authentisch und intensiv. Vielleicht kokettierte James Last auch nur besonders geschickt. Auf jeden Fall stehen ihm die Falten ebenso gut wie seine Sakkos: Ein Bild von einem Star eben.

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