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R&B-Erneuerer Frank Ocean: Raus aus der Soul-Bürgerlichkeit

Foto: Universal Music

Soul-Erneuerer Frank Ocean Der Zarte zeigt's den Harten

Macho-Gehabe und Luxus-Allüren sind ihm fremd: Trotzdem wird Frank Ocean für sein bahnbrechendes Album von Musikern aus allen Lagern gefeiert. Für den größten Wirbel sorgt aber nicht seine Platte, sondern sein Bekenntnis, schon mal einen Mann geliebt zu haben.
Von Markus Schneider

Es passiert nicht oft, dass sich die Gemüter der gesamten Popbranche über ein R&B-Album erhitzen. Aber ein doppelt spektakuläres Werk wie Frank Oceans "Channel Orange" gibt es auch nur selten. Der Wirbel hat durchaus musikalische Gründe - Ocean hat Songs für Beyoncé und Justin Bieber geschrieben, sang als Gast bei Jay-Z und Kanye West und sein Mixtape "Nostalgia, Ultra" war einer der Kritikerlieblinge 2011 -, vor allem aber lautstarke außermusikalische Gründe: Oceans Coming-out hat seinen Namen selbst in den R&B-entferntesten Kreisen ins Gespräch gebracht.

Auf seinem Tumblr-Blog schrieb Ocean am 4. Juli , dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, von einer unerwiderten Liebe zu einem Mann - eine Geschichte, die er auf "Channel Orange" in dem Song "Bad Religion" zu Gehör bringt. Mit den Worten "Ich werde Sie jetzt als Therapeuten missbrauchen" steigt er in ein Taxi ein, um dem Fahrer von seiner unglücklichen Beziehung zu berichten. Aber weil der (eher zufällig) Muslim ist, hadert sein Ich-Erzähler gleichzeitig mit religiös motivierter Schwulenfeindlichkeit.

Mag sich der Kritiker des "New Yorker"  auch an einen Beichtstuhl erinnert fühlen, Oceans Texte zielen weit über individuelle Gefühle von Leere und Verwirrung hinaus. Er singt zwar auch von Crack und Bling, von Drogen und Konsumgut, aber keineswegs mit der wütenden Sehnsucht oder Affirmation des HipHop. Einer seiner besten Titel beschreibt schwarze "Super Rich Kids" im Stil einer Neuauflage von "Unter Null", Bret Easton Ellis' Romanklassiker aus den Achtzigern.

Inhaltlich rückt Ocean damit in die Nähe von Kanye West, dem Professorensohn aus Chicago, der eine gewisse bürgerliche Introspektion ins Genre brachte und der mit seinem überdimensionalen Selbstbild und dem abgebrochenen Studium haderte. Aus dieser Milieu-Perspektive kann man auch bezweifeln, dass die freundlichen Reaktionen auf Oceans Coming-out wirklich einen neuen Stand in Sachen Homophobie im HipHop markieren - die falsettenen Stimmen des R&B fanden von jeher am meisten Gefallen an den Angestelltenrändern des Genres.

Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang

Als im letzten Sommer der Rapper Lil B - wie Ocean ein Star der Download-Szene - sein Album "I'm Gay" nannte, schlug ihm ein Sturm der Entrüstung bis zu Todesdrohungen entgegen. Dabei solidarisierte er sich zwar offen mit der Schwulenszene, bestritt jedoch eine entsprechende eigene Orientierung und entschärfte den Titel mit der Beizeile "I'm Happy".

Musikalisch steht der 24-jährige Ocean, bürgerlich Christopher Breaux, jedoch im Zentrum eines deutlichen Trends in der schwarzen Popmusik. Der sogenannte Hipster-R&B von Mainstream-Stars wie Drake und Blogosphären-Wundern wie The Weeknd kommuniziert mit dem betrübten, von geisterhaften Beats grundierten Rauschen im derzeitigen Indie-Pop. Oceans "Nostalgia, Ultra" brachte die atmosphärische Verschiebung schon im Cover zum Ausdruck: Statt eines glänzenden Protzmobils vor einer Protzvilla sieht man einen orangefarbenen Dreier-BMW von 1980 am Waldrand.

Frank Ocean lässt die erotische Zweckdienlichkeit des R&B-Mainstream ebenso hinter sich wie die splatternde Straßennähe der Underground-HipHopper Odd Future, an deren Rand er seit 2010 wirkte. Musikalisch umreißt er weiträumiges Gebiet. Er baut HipHop-Beats neben tief pochende, gestopfte Bassdrums und verhangene Elektronik, er deutet Retro-Soul-Leichtigkeit an, lässt jazzige E-Pianos vibrieren und Kirchenorgeln wallen, und er löst die exzellente Stimme auch mal in Hall und Anflügen von Autotune-Verfremdung auf.

Anders als etwa Drake, Prototyp des sogenannten "sensibel bekennenden" HipHop/R&B, erschöpft sich seine Perspektive nicht darin, nach zu viel Erfolg, Frauen und Drogen einen Kater und ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Seine "Super Rich Kids" dümpeln nicht nur im Dunst teurer Weine und Drogen, sondern fürchten in ihrem Luxus schon fern den wirtschaftlichen Niedergang. Umgekehrt schildert er in einem Song den Crack-Ruin eines Protagonisten in farbstichigen Erinnerungen an die ersten Kicks. Im brillanten Herzstück des Albums sieht der arbeitslose Erzähler seiner Freundin bei den Vorbereitungen zum Gelderwerb im Stripclub zu. Dabei lässt Ocean mit afrozentrischem Drall zugleich die Demütigung der Arbeitslosigkeit wie der Körperarbeiterin anklingen.

Die musikalische Weitläufigkeit und der zeitpanoramische Blick erinnern an den Konzept-Soul der frühen Siebziger, an Marvin Gaye, Curtis Mayfield und Stevie Wonder - Soul, der wie Oceans R&B auch die weiße Popwelt mitnahm. Doch wo deren Kritik noch von bürgerrechtlichem Optimismus geprägt war, spürt Ocean vor allem Sinnleere und resignierte Wehmut. Nur einmal klingt er recht leicht und unbeschwert: Da sitzt er im Sportstadion und träumt verliebt von einem Star-Athleten.

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