Deutscher Punk-Pionier Abwärts-Sänger Frank Z. ist tot
Abwärts-Sänger Frank Z. (bei einem Auftritt 1991): Ärger mit dem Bunny
Foto: Fryderyk Gabowicz / United Archives / picture alliance»In der westdeutschen Jugend wächst eine bislang vor allem aus England bekannte Protesthaltung«, entdeckte der SPIEGEL im Juni 1980 und brachte einen fünf Seiten langen Report über die wachsende Punkbewegung in der Bundesrepublik. Darin durfte die »Hamburger Neugruppe« Abwärts nicht fehlen: »Vom reglementierenden ›Computerstaat‹ und vom Aussteigen (›Oh, moon of BRD, I now must say good-bye‹)«, sängen die Punkrocker. Zwischen Texten und Ansichten im Publikum herrsche Übereinstimmung.
So fing also die Band Abwärts, deren erster Auftritt Ende Dezember 1979 beim Festival »Geräusche für die 80er« in der Hamburger Markthalle stattgefunden hatte, die Stimmung der Zeit ein. Ihre erste EP »Computerstaat« mit vier Songs wurde vom neu gegründeten Plattenlabel Zickzack Records des Musikjournalisten Alfred Hilsberg veröffentlicht – unabhängig von großen Plattenfirmen und auf eigenen Vertriebswegen. Dass sich die »Computerstaat«-EP in fünfstelliger Zahl verkaufte, war für die damaligen Umstände eine Sensation.
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Abwärts nahmen also noch im selben Jahr ein komplettes Album auf, »Amok Koma«, das mit seinem zackigen, reduzierten und doch schroffen Sound ein Klassiker des deutschen Postpunk wurde. »Wer verstehen will, wie die Paranoia des Kalten Krieges geklungen haben muss«, sollte »Amok Koma« hören, schrieb der »Musikexpress« 2019, als er es in die 100 besten Alben aus Deutschland aufnahm: »Wie ein Gehetzter singend, legte Frank Ziegert der Republik die Hand ums kalte Herz – und drückte in Panik zu«, formulierte Autorin Julia Lorenz.
Bitterböser Sarkasmus in den Texten
Frank Ziegert nannte sich im Abwärts-Zusammenhang bloß Frank Z. – wie auch alle anderen Bandmitglieder anfangs ihre Namen abkürzten. Abwärts gingen als Vorgruppe von The Cure auf Deutschlandtour und veröffentlichten 1982 mit »Der Westen ist einsam« ein zweites Album bei einer Major-Plattenfirma, was als Ausverkauf kritisiert wurde. Die Musiker Mark Chung und FM Einheit schlossen sich den Einstürzenden Neubauten an und verließen Abwärts.
1984 erschien die Maxi »Olympia«, laut Frank Z. »ungefähr drei Tage nach der Olympiade«; danach rührte der Musiker zwei Jahre lang keine Gitarre mehr an, bevor er fast im Alleingang eine dritte Abwärts-LP aufnahm. Die darauf enthaltene Charles-Aznavour-Eindeutschung »Alkohol« wurde 1988 zum Szenehit.
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Abwärts landeten in der Folge auf dem Plattenlabel Totenkopf, das die Düsseldorfer Weggefährten Die Toten Hosen gegründet hatten. Jahrelang war eine Version des »Playboy«-Bunnys mit einem Totenkopf das Logo der Band gewesen. Doch 1990 wurde das Magazin darauf aufmerksam und drohte mit einer Klage, wenn Abwärts das »eklatant entstellte« Symbol weiter benutzen und so die Verbraucher verwirren würden. Die Band knickte ein.
Mit Songs wie »Sonderzug zur Endstation« anlässlich der deutschen Wiedervereinigung und »Hallo, ich heiße Adolf« über den aufkeimenden Rechtsextremismus in Gesamtdeutschland kommentierte Frank Z. gesellschaftliche Entwicklungen – oft mit bitterbösem und zynischen Sarkasmus in den Texten. 1998 veröffentlichte Frank Z. ein Soloalbum, das aber wenig Aufmerksamkeit erzielte.
2004 überredete der Bassist der Ärzte, Rodrigo González, Frank Z. zu einem weiteren Abwärts-Comeback. Im selben Jahr war der Abwärts-Song »Beim 1. Mal« in Fatih Akins preisgekröntem Spielfilm »Gegen die Wand« zu hören. Es folgten weitere Tourneen und Alben, zuletzt 2023 »Superfucker«. Ab April 2024 war eine Tournee geplant .
Anfang Januar teilte die Abwärts-Crew auf der Facebook-Seite der Band mit, dass Frank Z. an Prostatakrebs leide. Die schon lange bestehende Erkrankung sei »in ein Hardcore-Stadium« geraten. Am Donnerstagnachmittag folgte die Nachricht, dass Frank Z. verstorben ist.
Mit tiefer Trauer und schwerem Herzen müssen wir euch die Nachricht überbringen, dass Frank Z. gestern verstorben ist. Wir trauert um einen außergewöhnlichen Künstler, Musiker und Freund. #abwärts #frankz
Posted by Abwärts on Thursday, January 18, 2024
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Zu den ersten Kollegen, die ihre Trauer über den Tod von Frank Z. ausdrücken, zählen Die Toten Hosen. »Er war ein einzigartiger Charakter und begnadeter Songwriter, der auch uns nachhaltig beeindruckt hat«, schreibt die Band auf Facebook.
Frank Z. ist tot. Der Sänger und Gitarrist von "Abwärts" war eine der prägendsten Figuren der frühen deutschen Punkszene...
Posted by Die Toten Hosen on Thursday, January 18, 2024
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Auch Jan Müller, der Bassist der Band Tocotronic, nahm Abschied. Für ihn sei Frank Z. »einer der Größten« gewesen: »Seine Kunst wurde von vielen unterschätzt, weil er auf Trends pfiff und sein eigenes Ding machte.«
Ich trauere um Frank Z und kann es kaum fassen, dass er so früh gestorben ist. Im letzten Jahr sah ich ihn mit seiner...
Posted by Jan Müller on Thursday, January 18, 2024
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Zu den Musikern, die Abwärts’ prägenden Song »Computerstaat« gecovert haben, zählt neben den Toten Hosen und den Hamburger Punkrockern Slime auch der Techno-DJ und Elektronikmusiker Westbam.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Frank Ziegert sei aus Bochum nach Hamburg gekommen. Dies galt zwar für die Bandkollegen Frank-Martin Strauß (alias FM Einheit) und Joachim Osiek (alias Jocko Ono), nicht aber für Frank Z. Wir haben den Artikel korrigiert.