Neue Franz-Schubert-Aufnahme Dieses elegante Monster

Franz Schuberts Musik ist ergreifend - auch ohne Trauerflor: So gesalzen sachlich wie Svjatoslav Richter die Klaviermusik spielt, so überwältigend gelingt Antonello Manacorda die Große Sinfonie in C-Dur.

Nikolaj Lund

"Groß" gebaut ist sie in der Tat, die C-Dur-Symphonie von Franz Schubert mit eben jenem Beinamen, nicht nur lang. Wirklich alles muss ein Orchester geben, wenn dieses elegante Monster glänzen soll.

Was Antonello Manacorda und seine Kammerakademie Potsdam mit diesen mehr als 50 Minuten währenden Schubert-Rausch anstellen, das gleicht einem Ritt in der gepflegten, taufrischen Achterbahn, bei dem einem der Fahrtwind den Atem raubt, immer neue Bilder vorüberrauschen an einem Ort, den man eigentlich zu kennen glaubt. Diese Symphonie Nr. 8, der orchestrale Schlusspunkt aus dem Hause Franz Schubert (1797-1828), klang selten schlanker, logischer, beglückender. Und selbst, wo die bekannten Schubert-Abgründe auftauchen, keimt Freude und Hoffnung, aber keine falsche Trübseligkeit.

Natürlich begibt sich jeder Interpret dieses Standard-Werkes in die allerbeste Klassik-Konkurrenz, A-Klasse. Von Furtwängler bis Celibidache, Harnoncourt bis Solti haben alle Pult-Granden die Achte (früher zählte man sie als Neunte) mal eingespielt, und natürlich griffen die Maestri stets engagiert zu bei dieser Super-Symphonie, die zu den vielschichtigsten des 19. Jahrhunderts zählt. Aus dem Geist von Beethoven erschaffen, grüßen an manchen Stellen schon Brahms und Bruckner von Ferne. Bis zwölf Jahre nach Schuberts Tod harrte das Werk seiner Entdeckung, Robert Schumann förderte die Ausgrabung, Felix Mendelssohn-Bartholdy dirigierte die Uraufführung.

Von Ferne grüßen Brahms und Bruckner

Prallvoll gleich der erste Satz: Drei markante Themen gehen an den Start, vom blühenden Solo-Hornmotiv über die beiden beinahe volksliedhaften Antipoden bis zur sonatigen Durchführung mit den immer neuen thematischen Variationen. Pures Abenteuer: Über fünfzehn Minuten lang fließt Schuberts Formen- und Erfindungsreichtum - das ist aber nur der Anfang.

Wie Dirigent Manacorda Klarheit und Emotionalität bündelt und damit sein Ensemble zu Intensität und Prägnanz treibt, reißt über die gesamte Distanz mit - auch in den eher beschaulich intimen Momenten der Mittelsätze. Von lockenden Oboentönen zu Beginn des Andante über die sportlich-elastischen Streicher am Scherzo-Start zum sehnsuchtsvollen Intermezzo lässt Manacorda nie die Zügel schleifen, das Tempo bleibt angezogen flott. Die Potsdamer lassen auch hier die Melancholie in den volkstümlichen Tanzrhythmen und Melodien mitklingen, doch das Orchester betont stets die Spannung, den starken Fluss und Swing von Schuberts Symphonie.

Melancholie und Spannung

Die Kammerakademie Potsdam - erst 2001 gegründet - hatte im Februar 2015 gemeinsam mit dem Oboen-Virtuosen Albrecht Mayer eine feine CD mit weniger bekannten Konzerten abgeliefert.

Der grazile, dennoch biegsam-energische Ton der gar nicht so kleinen Ensembles verbindet die Elemente des historisch-informierten Musizierens mit zeitgenössisch klarem Klang. Unter Antonello Manacorda, der seit 2010 die Kammerakademie leitet, pflegen die Potsdamer auch ihre stilistische Vielfalt.

Allein der Schubert-Zyklus mit Mancorda sicherte ihnen schon einen hellen Platz auf der deutschen Orchester-Landkarte. Technische Brillanz und sichere Stilistik, wie sie auch die Arbeiten mit dem Mandolinenmeister Avi Avital und dem Flötenkönig Emmanuel Pahud ("Friedrich der Große) dokumentierten. In relativ kurzer Zeit gelangten die Potsdamer mit diesen effizienten Koops zu breiter Popularität: Clever sind sie also auch noch.

Ein cleveres Ensemble

Antonello Manacorda war 1997 neben Claudio Abbado Mitgründer des inzwischen fast legendären Mahler Chamber Orchestra, dem er acht Jahre als Konzertmeister angehörte. Seither dirigierte er namhafte Orchester in Italien, Deutschland, Großbritannien, Skandinavien, Australien und Frankreich und erarbeitete sich ein breites Repertoire zwischen Konzert und Oper. Auch als Programmmacher, unter anderem beim Aix-en-Provence-Festival sowie aktuell in Potsdam, erwarb er sich einen guten Ruf.

Das nächste Konzert in Potsdam findet am 5. Juni statt (Schumann, Brahms, Takemitsu). Schon am 22. Mai leitet Manacorda das Symphonieorchester des Hessischen Rundfunks in Frankfurt. Auch hier geht es um Schubert, diesmal mit der sechsten Symphonie - bestimmt nicht weniger rasant als die Achte!


Franz Schubert: Sinfonie 8 - "Die Große". (Kammerakademie Potsdam, Antonello Manacorda/Ltg.). Sony Classical

Zum Autor
Werner Theurich, Jahrgang 1954, betreut bei SPIEGEL ONLINE die Leserdebatten, schreibt aber auch für das Kultur-Ressort und den KULTUR SPIEGEL über Konzertmusik, Oper und Theater. Gern missioniert er bei Kolleginnen und Kollegen in Sachen Richard Wagner, allerdings mit durchwachsenem Erfolg. Außerdem hält er es mit dem Lester Bangs zugeschriebenem Diktum, "Wenn der Begriff 'großer Künstler' nicht für Mozart und Chuck Berry gleichermaßen gelten kann, sollte er besser auf dem Müll landen!".

E-Mail: Werner_Theurich@spiegel.de

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insgesamt 3 Beiträge
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trimedial 03.05.2015
1. Einfach schön...
wie hier Werner Theurich für Spon thematisch einen sehr selten bestiegenen Gipfel erklimmt. Und dann auch noch für das Franzerl - dieses leicht verdruckste-kurzsichtige Mopserl - das schrecklich unter Komplexen gegenüber Beethoven litt - und dabei Melodien heraushaute, gegenüber denen Beethoven mit seinen oft gehämmerten Motivkompositionen - Tat-tat-tat-taa eigentlich nur abstinken konnte. Naja, das hat mir jetzt zu sehr gefallen. Asche auf mein Haupt. Klar war Lui vollkommen gleichwertig genial, aber halt schade um das arme Franzerl, dem zu seiner Zeit nie eine so flächendeckende Anerkennung zukam, unter anderem deshalb, weil er sich nur einmal im Leben von Freunden vor ein größeres Konzertpublikum zerren ließ.
elkemeis 03.05.2015
2. Zu schnell, zu laut
Warum nur meint heute (fast) jeder, Geschwindigkeitsrekorde bei der Interpretation von klasischer Musik brechen zu müssen? So schnell wie möglich und/oder so laut wie möglich macht noch lange keine gute Musik. Die hier hinterlegten Beispiele klingen gehetzt, hektisch, wenig differenziert, es fehlt das Innehalten, die kleinen Verzögerungen, die erst Spannung und Bedeutung in das Werk bringen. Schon wahr: das Ensemble spielt transparent und exakt nach Metronom, aber emotionale Tiefe ist leider Fehlanzeige. Dieser dem allgemeinen Zeitgeist entsprechende Trend ist nichts für mich.
schwarzsauer 03.05.2015
3. Hach,
ich freue mich über jede engagierte und mit Herzblut gespielte Schwammerl-Aufnahme, auch wenn die Einspielung vielleicht nicht meinen persönlichen Präferenzen bezüglich Tempo und Dynamik entsprechen mag. Ich lasse mich gern darauf ein. Liebe Grüße an alle Schubertianer. Das Franzerl rocks.
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