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Franzosen-Pop: Das Glück der Quote

Foto: Simone Joyner/ Getty Images

Franzosen-Pop Das Glück der Quote

Die schönsten Franzosen-Pop-Sampler kommen aus Deutschland: Le Pop und Le Tour. Sie geben Aufschluss über die Musikszene im Nachbarland - das durch eine Radioquote einheimischen Künstler unter besonderen Schutz stellt. Ein Überblick über die Highlights jenseits des Englisch-Diktats im Pop.

Serge Gainsbourg

Es ist noch gar nicht so lange her, da funktionierte die englische Sprache noch wie ein Eiserner Vorhang der Popmusik. Tolle Lieder, die nicht auf Englisch dargeboten wurden, gelangten niemals über die Landesgrenzen hinaus. Französischen Musikern schien das allerdings immer einigermaßen egal zu sein. Ihr größter Held unternahm nie einen ernsthaften Versuch, mit englischsprachigen Liedern im Rest der Welt groß rauszukommen. Und die ebenso legendäre Françoise Hardy klagt bis heute über die englischsprachigen Platten, die sie auf Druck ihrer Plattenfirma einsingen musste.

Aus Furcht vor der Allgegenwärtigkeit des Englischen führten die Franzosen in den neunziger Jahren sogar eine Quote im Radio ein, die die Sender bis heute per Gesetz zu einem Sendeanteil von mindestens vierzig Prozent französischsprachiger Popmusik verpflichtet. Darüber kann man - wie über eine Frauenquote in Unternehmen, Behörden oder Parteien - lange streiten, aber der Erfolg ist eindrucksvoll. Seit Jahren erstaunen junge französische Musiker mit einer tollen Platte nach der nächsten: von Benjamin Biolay bis Camille.

Dass das keine schnelle Mode war, beweist unter anderem die junge Isabell Geoffroy, die sich Zaz nennt, mit ihrem gleichnamigen Debüt-Album, in dem Jazz und Chanson verschmelzen. In Frankreich kam sie damit groß raus, und auch in Deutschland waren ihre ersten beiden Auftritte rappelvoll. Ende April stehen hierzulande weitere Konzerte an. Es lohnt, sich rechtzeitig um Tickets zu bemühen. Überhaupt scheinen die Deutschen, wenn es gerade nicht um Handball geht, die Franzosen innig ins Herz geschlossen zu haben, was allein die Masse an hierzulande veröffentlichten Tonträgern aus dem Nachbarland belegt.

Sogar Polanski-Gattin Seigner ist dabei

Einen feinen Überblick über das musikalische Treiben im Großraum Paris verschaffen einige neue Sampler. Sehr chic geben sich zum Beispiel die zwei in Paris ansässigen Knaben, die die Hipster-Firma Kitsuné betreiben. Auf ihrer neuen Werkschau "Kitsuné Parisien" (erscheint am 25.2.) erfreuen sie mit wuchtigem Electro-Pop-Tracks von tollen jungen (noch unbekannten) Talenten wie Cascadeur oder Sauvage.

Yves Montand

Marilyn Monroe

Adjani

Laetitia Casta

Dezenter, aber ebenso exquisit geriet die Sammlung "Travelling 2", auf der allerlei cineastische Kostbarkeiten zu genießen sind. Das Spektrum reicht hier von im Duett mit bis hin zu Gesangseinlagen der Schauspielerinnen Isabell und Ludivine Sagnier oder dem Model .

Besonders engagierte Aufklärungsarbeit in Sachen frischer Franzosen-Pop-Entdeckungen leisten seit einiger Zeit zwei wunderbare CD-Sampler-Reihen. Zum einen die "Le Pop"-Serie, die nun zum bereits sechsten Mal von den umtriebigen Machern des gleichnamigen Kölner Labels zusammengestellt wurde. Wie immer randvoll mit verspielten "Nouvelle Chansons" von Künstlern wie der Kanadierin Coeur De Pirate oder der tatsächlich musikalischen Roman-Polanski-Gattin Emmanuelle Seigner.

Alte Welle, wunderbar neu verpoppt

Ebenso spannend kommt die "Le Tour"-Serie daher. Der neue fünfte Teil, der vom Münchner Kenner Thomas Bohnet verantworteten Sammlungen, erweitert das musikalische Spektrum um Weltmusik und HipHop, enthält aber auch bewährte neue Kräfte wie Benjamin Biolay oder MiCkey 3D. Spannend sind auch die erläuternden Infos im beigepackten CD-Booklet.

Auch Keren Ann unterstreicht mit jeder neuen Platte ihr Talent. In den Niederlanden geboren, in Frankreich aufgewachsen, ist sie mittlerweile eine Weltbürgerin, die zwischen Paris, Tel Aviv und New York pendelt. Und wenn sie auf ihrem gewohnt geglückten neuen Album "101" Englisch singt, klingt ihr Akzent wie ihre Musik: cool und geheimnisvoll.

Vanessa Paradis

Weltweit etabliert ist auch das fleißige Pariser Duo Nouvelle Vague, das mit dem Geistesblitz, internationale New-Wave- und Punk-Oldies in lässige Bossa-Schmuselieder umzuarrangieren, ganz groß rauskam. Zuletzt schien das Konzept zwar ausgeleiert, aber nun überraschen die beiden Nouvelle-Vague-Macher mit ihrem neuen Album "Couleurs Sur Paris", wo sie sich erstmals der eigenen Pop-Geschichte annehmen und nachgewachsene Talente wie Coralie Clement, Camille oder ausschließlich französische New-Wave-Klassiker von Etienne Daho, Indochine, Taxi Girl oder Elli & Jacno frisch aufführen lassen.

Und das funktioniert sogar ganz toll, wenn man die Originale nicht kennt. Die stammen nämlich aus einer Zeit, als es französische Musik kaum über die Landesgrenzen schaffte. Ab Sonntag gehen sie damit auf Tour. Die Hallen werden voll sein. Garantiert.


Tourneen

Nouvelle Vague: 
23.1. Mannheim, Alte Feuerwache;
24.1. Frankfurt/M., Mousonturm;
25.1. München, Theaterfabrik;
26.1. Düsseldorf, Zakk;
27.1. Hannover, Capitol;
28.1. Berlin, Huxley's;
29.1. Hamburg, Große Freiheit.

ZAZ: 
29.4. Köln, Gloria;
30.4. München, Muffatwerk;
23.5. Hannover, Schauspielhaus;
24.5. Frankfurt/M., Brotfabrik.