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Frei.Wild: Volk, Heimat, Rock

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Rechtsrock-Debatte Nebelmaschine Frei.Wild

Kraftklub und Mia. sagten den Echo ab, weil die politisch umstrittenen Rocker von Frei.Wild für den Musikpreis nominiert waren. Die Band aus Südtirol bestreitet, den rechten Rand zu bedienen. Was stimmt? Man muss nur genau hinhören.

Woher kommen Frei.Wild?

Aus dem norditalienischen Brixen in Südtirol. Sänger Philipp Burger war Anfang der Nuller Jahre Mitglied einer Skinhead-Formation namens Kaiserjäger, wo er Textzeilen sang wie: "Diese Neger und Yugos werden sesshaft, doch den größten Teil der Schuld tragt nunmal ihr, weshalb hab'n wir auch dieses Gesindel hier!" Im Interview erklärte Burger: "Ja, ich hatte diese Zeit, in der ich dieses rechtsextremistische Gedankengut in mir hatte. Mit der Pubertät hat sich das in Luft aufgelöst."

Aber Frei.Wild bezeichnen sich doch selbst als unpolitisch...

Auf einem Blog erklärt die Gruppe, sie sei keine "politische Band im Sinne einer Festlegung auf parteipolitische Inhalte", dafür aber "eine sozialkritische und somit selbstredend auch sozial engagierte Band, parteiunabhängig und mit gesellschaftskritischen Inhalten." Links- und Rechtsradikalismus sind für Frei.Wild dasselbe: "Ob ganz links oder ganz rechts bedeutet für die Band keinen Unterschied, die Geschichte und auch jüngste Ereignisse zeigen immer wieder, dass sowohl Faschismus, Kommunismus, Anarchismus als auch Nationalismus jeweils Menschenverachtung und Unheil bedeuten."

Wie stehen sie zum Nationalsozialismus und zu Neonazis?

Burger hat mehrfach betont, dass er Nazis "hasse" - und lässt bei Konzerten das Publikum gerne "Nazis raus!"-Rufe skandieren. Einerseits verbreiten Frei.Wild also Slogans wie "Nie wieder Faschismus. Nie wieder Nationalsozialismus. Freiheit für jeden Menschen dieser Welt". Gleich darauf heißt es jedoch: "Die Liebe zur Heimat - verspottet, ins rechte Eck gerückt". Die Botschaft: Offensiv vor sich hergetragener Patriotismus ist okay. Wer das für rechtsradikal hält, gehört zu den "Gutmenschen und Moralaposteln", auf die die Band laut dem gleichnamigen Song "scheißt".

Welche Weltanschauung vertreten Frei.Wild?

Die Band ordnet sich selbst als "überzeugt von bestimmten konservativen Werten" ein. In ihrem Song "'Wahre Werte" heißt es: "Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat / Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk". Im Südtiroler Kontext, aus dem Frei.Wild kommen, bedeutet das: Wie Generationen von Südtiroler Nationalisten bekämpft die Band die Tatsache, dass Südtirol seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zu Italien gehört.

Was macht die Band attraktiv für die rechte Szene?

Zum Beispiel solche Zeilen: "Kreuze werden aus Schulen entfernt, aus Respekt / Vor den andersgläubigen Kindern" beklagen Frei.Wild in "Land der Vollidioten". Offen vorgetragene Ausländerfeindlichkeit allerdings ist nicht ihr Ding. Es geht eher darum, die eigene Identität als Zugehörige einer Volksgruppe zu feiern - weshalb der Journalist und Rechtsextremismus-Experte Thomas Kuban von "Identitätsrock" spricht. "Unsere Lieder sind unser Leben, unser Schaffen, unser Stolz / Wir sind geschnitzt aus einem anderen Holz" singt Philipp Burger in "Allein nach vorne".

Kennzeichnend ist vor allem, dass Frei.Wild ihre Positionen als Tabubrüche verkaufen und als "Gegenkultur" zu einer vermeintlich verlogenen Mehrheitsgesellschaft. Zum Beispiel heroisieren sie den Umstand, dass sie auf Deutsch singen, als Kampf: "Dass es Narben gibt, war uns allen klar / Scheiß der Hund drauf, es ist unsere Sprache / Die unserer Mütter und die unserer Ahnen" ("Deutschrock ist Leidenschaft").

Das mag einerseits lächerlich wirken - denn Tausende anderer Bands singen auch deutsch, ohne sich dabei als Rebellen zu stilisieren. Andererseits bedient es gerade im deutschen Kontext das Selbstbild der rechten Szene: Dass in Deutschland der Patriotismus unterdrückt werde und sich daher befreien müsse.

Für Felix Benneckenstein, ein Aussteiger aus der Nazi-Szene, ist die Band genau wegen des angeblich unpolitischen Patriotismus "furchtbar gefährlich": "Was sie auf jeden Fall tun: Sie relativieren Rechtsextremismus."

Was ist mit Gewalt?

Von Gewaltphantasien und Verwünschungen gegen die anonymen Gegner wimmelt es in den Texten. In "Nennt es Zufall / Nennt es Plan" kokettiert die Band mit einer wilden Jugend im Schlägermilieu: "Haben Leute verdroschen, über die Folgen nicht nachgedacht", heißt es da. "Keine Gefangenen gemacht / Wir haben gesoffen und geboxt, standen oft vorm Richter / Keine Reue, haben darüber gelacht."

Die Band sieht sich von Feinden umgeben, die Political Correctness einfordern, in Wahrheit aber Heuchler, Kokser und Päderasten sind: "Nach außen Saubermänner, können sie jeden Fehler sehen / Sind selbst die größten Kokser, die zu Kinderstrichern gehen" heißt es in "Gutmenschen und Moralapostel". Eben diese Gutmenschen sind auch die, die alles tun, um "die Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen". Dass die "Geschichte" der Holocaust sein könnte und dass das Andenken an ihn bloß geschieht, weil es "Kohle bringt" - sprechen sie nicht aus - aber jeder, der es will, kann es sich denken. Eine Technik, die Frei.Wild häufig anwenden: Nebulös bleiben, um nicht angreifbar zu sein. Die Sympathie von Geschichtsrevisionisten, die zum Beispiel eine "Holocaust-Industrie" beklagen, dürfte der Band sicher sein.

Umgekehrt vergleicht die Band in "Wir reiten in den Untergang" die Kritik, der sie ausgesetzt sind, mit der Judenverfolgung: "Nichts als Richter, nichts als Henker / Keine Gnade und im Zweifel nicht für dich / Heut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr / Und schon wieder lernten sie es nicht."

Um das Bild abzurunden: Ein bisschen saufselige Verächtlichkeit gegen Frauen kriegen die Jungs aus Südtirol auch hin. "Weiber kommen, Weiber gehen / Und im Suff, dass weiß auch jeder, sind alle schön", heißt es in "Das Beste für die Besten".

Wie reagieren die Fans auf die Vorwürfe?

Ausgesprochen unwirsch. Die Facebook-Seite von Kraftklub, die wegen Frei.Wild ihre Echo-Nominierung zurückwiesen, ist übersät mit Schmähungen. "Kommt mal raus aus eurem Schuldkult und dosiert das Kiffen ein bisschen mehr", schimpft ein Frei.Wild-Anhänger. Auch auf der Facebook-Seite von Mia., die ebenfalls aus dem Echo ausgestiegen sind, wimmelt es von Troll-Kommentaren. Dummerweise haben sich viele der empörten Fans auf die falsche Seite  verirrt. Sie landeten auf dem Profil der britisch-tamilischen Musikerin M.I.A., die sich über den plötzlichen Traffic aus Germany nun herzlich wundern dürfte.