Frühbarocke Gesänge Fremdgehen mit Gefühl

Lust auf einen Seitensprung? Ja, sagten Klassik-Stars wie Rolando Villazón und Joyce di Donato - und wateten für die französische Dirigentin und Gefühlskrankenschwester Emmanuelle Haïm knietief in frühbarocken Trauergesängen. Ganz schön traurig!

Von Kai Luehrs-Kaiser


Klassik heute wird weitgehend von den ehemaligen Revoluzzern der Alten Musik beherrscht. Nikolaus Harnoncourt, den Berühmtesten von ihnen, darf man ohne weiteres als den wohl wichtigsten Dirigenten der Gegenwart anpreisen. Auch die besten Opernaufnahmen stammen seit Jahren von René Jacobs, William Christie und Marc Minkowski – allesamt aus dem Alten Lager.

"Lamenti"-CD: Pralinenschachtel voll frühbarocker Klagegesänge
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"Lamenti"-CD: Pralinenschachtel voll frühbarocker Klagegesänge

Selbst Simon Rattle krempelt seine Berliner Philharmoniker nach den schroffen Klangidealen der historischen Aufführungspraxis um. Bloß: Etwas muss doch verkehrt sein an alldem. Die hinreißendsten Gesangsaufnahmen, die es etwa in der Barockmusik gibt, stammen – für viele Kenner – noch immer von Fritz Wunderlich, Irmgard Seefried und Alfred Deller. Von Sängern also, die viel älter sind als der Sieg des (scheinbar) Authentischen.

Die französische Dirigentin Emmanuelle Haïm, eine alte Flamme (sprich: Assistentin) von Simon Rattle, zieht daraus seit einigen Jahren eine originelle Konsequenz. Sie verpflichtet für Alte Musik nicht etwa die spezialisierten Knatter-Chargen des politisch korrekten Barock-Formelwerks. Sondern die fettstimmigen Tenöre und gleißenden Primadonnen, die sonst bei Verdi und Rossini für volle Häuser sorgen.

Ihr neuester Coup namens "Lamenti" ist eine Pralinenschachtel voll frühbarocker Klagegesänge mit Rolando Villazón, Natalie Dessay und anderen Rampenstürmern. Eine der schönsten CDs des Jahres.

In einer Hotelhalle vis à vis der Berliner Philharmonie bricht Emmanuelle Haïm prompt in ihr glucksendes, berstendes Lachen aus bei der Frage, wie sie den fachfremden Seitenspringern das Selbstvertrauen verleihe, damit sie sich sicher fühlen im fremden Revier. "Ich sage ihnen einfach: Ich will nur dich! Dem kann doch kein Sänger widerstehen."

Gut so. Rolando Villazón als beseelt und aufrührend klagender Egisto etwa (aus Francesco Cavallis gleichnamiger Oper), Veronique Gens' leidende Arianna oder Joyce DiDonato als verzweifelt ringende Poppea (Monteverdi) bringen in die Barockmusik das zurück, was unter Kunstfertigkeit und Verzierungsterror gern verborgen bleibt: Gefühl, Unmittelbarkeit und Theater-Donner.

Die zierliche Dirigentin und Schülerin von William Christie, die seit 2000 mit ihrem eigenen Ensemble Le Concert d'Astrée tourt, wurde anfangs für ihre Besetzungspolitik für verrückt gehalten. Noch heute ist sich die Pariserin und Mutter einer kleinen Tochter nicht sicher, ob die Granden der Bewegung, etwa René Jacobs und John Eliot Gardiner, ihr aufrichtig die Meinung sagen. Haïm ist unkonventionell genug zuzugeben, dass sie Maria Callas am liebsten in Kantaten des Barock-Drechslers Giacomo Carissimi besetzt hätte – und den schwedischen Puccini-Tenor Jussi Björling für Bach. Dafür ist es leider zu spät.

Ihre "Lamenti", auf der man eine gute Stunde lang knietief in Trauergesängen watet, zeigt rückhaltlos die Schönheit unmittelbarer Schmerz-Entäußerung. Die kanadische Mezzo-Sopranistin Marie-Nicole Lemieux jauchzt vor Unglück, Patrizia Ciofi zagt und klagt herzzerreißend als Maria Stuarda und Natalie Dessay wringt ihr Taschentuch in Monteverdis "Lamento della ninfa".

Sogar die Gesellschaft echter Barock-Großmeister wie Philippe Jaroussky (in einem Werk von Barbara Strozzi) wirkt positiv bei diesem Sanges-Crossover. Es wird bis zum Exzess getan, was wir heute vor lauter virtuellen Welten kaum noch beherrschen: die Auslebung überlebensgroß negativer, erschütternder und eben darum wohltuender Gefühle.

Können wir es wieder lernen? Hoffentlich. Die "Lamenti" der Gefühlskrankenschwester Emmanuelle Haïm zeigen das Glück des Unglücks.


CD "Lamenti" von Carissimi, Cavalli, Cesti, Landi, Monteverdi und Strozzi. Ciofi, Dessay, Gens, DiDonato, Lemieux, Jaroussky, Lehtipuu, Villazón, Naouri u.a. Le Concert d'Astrée, Ltg.: Emmanuelle Haïm (Virgin 236929 2).



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tincos 19.11.2008
1. lamenti
Kleiner Fehler im Beitrag: Das "A Dio Roma" in Monteverdis "L#Incoronazione diePoppea" singt Ottavia, nicht etwa Poppea.
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