Fucked Up in Deutschland Pavarotti in Unterhose

Fasst mich an! Der kanadische Sänger Pink Eyes ist ein Berserker der Liebe. Seine gefeierte Hardcore-Band Fucked Up stellte zum Auftakt ihrer Deutschlandtourne in Hamburg ihre neue Punkrockoper vor. Harte Riffs und jubilierende Gesänge, hier sind sie Mittel der totalen Entgrenzung.

Thorsten Dörting

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Hat jemand etwas dagegen, wenn der Herr in Unterhose auftritt? Als die Frage gestellt ist, steht Pink Eyes schon bis auf die Boxershorts entkleidet auf der Bühne des Hamburger Hafenklangs. Die nächsten 90 Minuten wird er, die Shorts in den Kniekehlen, brüllen und knuddeln, sich auf die Leute schmeißen und die Wampe streicheln, über seine Verdauungsprobleme sprechen und sein seelisches Innenleben ausbreiten. Zwei Zentner Zärtlichkeit suchen Bestätigung.

Als ob Pink Eyes, der bürgerlich Damian Abraham heißt, diese Bestätigung nicht schon reichlich bekommen hätte. Seine Fucked Up sind die Punkrocksensation aus Kanada, ein sechsköpfiges Ensemble, in dem der Sänger sein massives Röhren über wunderschönstes melodisches Gitarrenrauschen legt. Stars wie Moby oder Nelly Furtado reißen sich darum, bei Konzerten oder im Studio mit ihnen kooperieren zu dürfen, aber wenn Fucked Up auf Tour gehen, werden grundsätzlich nur die ganz kleinen Punkrockclubs gebucht.

Das Sextett aus Toronto schafft es, Medienaufmerksamkeit im großen Stil für sich zu generieren, um dann wieder ganz in ihrer kleinen Community aufzugehen. Sie haben einen spektakulären Gerichtsstreit gegen Camel geführt, weil das Unternehmen sie für eine Werbekampagne missbrauchte. Der rhetorische beschlagene Pink Eyes wird gerne im amerikanischen TV als Talkgast gebucht, so verbreitete er seine explizit linken Gedanken schon mehrmals in einer Talkshow auf Fox News, dem explizit rechten Nachrichtenkanal des Medienmoguls Rupert Murdoch. Alle wollen Pink Eyes. Unlängst war er auf einer ausgiebigen Tour mit den kanadischen Überstars Arcade Fire.

Kiffen statt Fressen

Ein bisschen peinlich ist ihm der Rummel schon. Vor den 250 Leuten im heillos ausverkauften Hafenklang entschuldigt sich der Sänger, dass sein bühnefüllender behaarter Körper ein paar Kilos verloren hat: Man möge ihm glauben, das sei jetzt kein Ausverkauf, weil er mit Arcade Fire und all den anderen schönen und berühmten Menschen verkehre. Er arbeite hart daran, wieder zur alten Plauze zurückzukommen, aber im Moment rauche er soviel Marihuana, da käme er einfach nicht zum essen.

Die Gestaltungswut hat unter all dem Kiffen nicht gelitten. Gerade haben Fucked Up ihr neues Doppelalbum "David Comes to Life" veröffentlicht, eine Punkrockoper mit jubilierenden Chören, opulenten Gitarrencrescendi und einem kunstvoll brunfenden Bassgesang, die sie nun auf Deutschlandtour vorstellen. Hamburg ist der erste Stop, und Pink Eyes, dieser Pavarotti in Unterhose, hat an diesem Abend offensichtlich besonders viel Liebe zu geben.

Gleich beim ersten Song stürzt er sich ins Publikum, schiebt sich durch die Menge, umarmt die Leute, die anschließend das Mikrokabel hinter ihm so andächtig in die Höhe halten, als handele es sich um eine Lichterkette mit humanistischem Auftrag.

Komisch, man hat noch nie gehört, dass ein Mensch bei einem der offensiv chaotischen und radikal entfesselten Konzerte von Fucked Up zu Schaden gekommen sei. Niemand wurde unter dem Körper des manisch Kontakt suchenden Pink Eyes begraben, niemand von seinem in die letzten Winkel der Clubs hinterhergezogenen Mikrokabel stranguliert. Er selbst sieht allerdings mit der um den Kopf gewickelten schwarzen Schnur so aus, als hätte ihn ein Bondage-Künstler verpackt.

Ungestüme Vereinigung

Pink Eyes ist ein Performer, der aus jeder Perspektive betrachtet werden will und aus jeder Perspektive funktioniert. Er ist der erste, der ernst macht mit der Idee der 360-Grad-Aufführung. Die bescheuerte Rundbühne von U2, die nur dazu dient, dass die Bombastrocker sich noch eitler ausstellen können, ist ein Witz dagegen. Pink Eyes ist an diesem grandiosen Abend in Hamburg wirklich aus jedem Winkel zu sehen - weil er eben jeden Winkel des Clubs beim Pogen und Liebkosen ausmisst. Er hängt oben rechts vom Raum an den Leitungen, er kriecht unten links zwischen den Leuten durch, und wenn du nach dem Pinkeln vom Klo kommst, dann steht er auf einmal ins Mikro schreiend im Gang vor Dir und schmeißt freundlich lächelnd seinen nassen nackten Körper auf dich. Pink Eyes ist überall.

Es ist das alte Versprechen der zärtlichen Entgrenzung, das Fucked Up ausgerechnet mit den rabiaten Mitteln des Punkrock umsetzen: in der Musik mit dem anderen aufgehen, die Demarktionslinien zwischen Ich und Du zum Verschwinden bringen.

Aus Kanada sind in den letzten Jahren ja eine ganze Reihe von Ensembles gekommen, die als Kollektiv die üblichen Musikerhierarchien und Band-Publikum-Konstellationen aufgelöst haben, der schwule Gesangsverein Hidden Cameras etwa oder die Noiserock-Symphoniker Godspeed You Black Emperor! Pop wird bei ihnen zur Kollektivkunst, bei der alle gleichberechtigt im großen melodischen Schwingen zusammenkommen und aufgehen.

So wie eben am Montag bei Fucked Up im Hamburger Hafenklang. Am eindrücklichsten vollführt sich diese so ungestüme wie liebevolle Vereinigung in "The Other Shoe", der herausragenden Passage der neuen Fucked Up-Oper: Die anderen Bandmitglieder jubilieren melodieseelig, die drei Gitarren spielen Riffs, die so ausladend und aufwühlend sind wie Streicherteppiche, und Pink Eyes barmt davon, wie er innerlich zu sterben droht - um sich dann doch noch im letzten Moment mit der Menge zu vereinigen. Fasst ihn an, diesen Beserker der Liebe!

Fucked Up: "David Comes to Life" (Matador/Beggars/Indigo). Weitere Konzerte: Berlin: 16. August, SO 36; München: 17. August, 59 to 1; Wiesbaden: 18. August, Schlachthof; Köln: 19. August, Underground

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
madala 16.08.2011
1. ok
Zitat von sysopFasst mich an! Der kanadische Sänger Pink Eyes ist ein Berserker der Liebe. Seine*gefeierte Hardcore-Band*Fucked Up stellten zum Auftakt ihrer Deutschlandtourne in Hamburg ihre neue Punkrockoper vor.*Harte Riffs*und jubilierende Gesänge,*hier*sind sie*Mittel der totalen Entgrenzung. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,780409,00.html
Klasse, habe mir gerade ein paar arrangements angehoert. Ich glaube dass das die erste neue stilrichtung seit den sex pisols und the clash ist. Ich hoffe die Jungs lassen sich nicht unterkriegen und kommerzialisieren,
angst+money 16.08.2011
2. .
Zitat von madalaKlasse, habe mir gerade ein paar arrangements angehoert. Ich glaube dass das die erste neue stilrichtung seit den sex pisols und the clash ist. Ich hoffe die Jungs lassen sich nicht unterkriegen und kommerzialisieren,
Ja, schlecht ist es auf keinen Fall, aber sooo neu nun auch wieder nicht. "The Shape of Punk to come" von Refused hat ja auch schon 13 Jahre auf dem Buckel und ist sogar noch ein bißchen radikaler. In den Spiegel haben die es aber leider nicht geschafft.
sample-d 16.08.2011
3.
Zitat von madalaKlasse, habe mir gerade ein paar arrangements angehoert. Ich glaube dass das die erste neue stilrichtung seit den sex pisols und the clash ist. Ich hoffe die Jungs lassen sich nicht unterkriegen und kommerzialisieren,
Also mir gefällts auch ganz gut, aber eine neue Stilrichtung kann ich da nicht erkennen.. Klar hat jede Band hat irgendwas eigenes - aber neu hört sich hier für mich nichts an...
kleintal 16.08.2011
4. .
Zitat von angst+moneyJa, schlecht ist es auf keinen Fall, aber sooo neu nun auch wieder nicht. "The Shape of Punk to come" von Refused hat ja auch schon 13 Jahre auf dem Buckel und ist sogar noch ein bißchen radikaler. In den Spiegel haben die es aber leider nicht geschafft.
Dr Ozzy Osbourne der Klassenlosen.
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