Christoph Twickel

WDR beschließt "Funkhaus Europa"-Reform Der Sound des Immergleichen

Der WDR-Rundfunkrat will es so: Aus "Funkhaus Europa", einem der letzten Nischen-Musiksender, wird eine weitere Berieselungsstation. Ein trauriger Schritt - der allerdings Tradition hat.
WDR in Köln: Angst vor dem Sendersuchlauf

WDR in Köln: Angst vor dem Sendersuchlauf

Foto: imago

Nicht alles ist schrecklich an der Programmreform von "Funkhaus Europa", die der WDR-Rundfunkrat am Montag abgenickt hat.

Eine wochentägliche 30-Minuten-Infosendung in arabischer Sprache: sehr wichtig in Zeiten, in denen hunderttausende Menschen aus dem arabischen Raum versuchen, in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Allerdings: das "Herzstück" der Reform ist diese 30-Minuten-Sendung sicher nicht.

Das Herzstück ist vielmehr ein Sparprogramm, das - mal wieder - einen öffentlich-rechtlichen Sender zu einer musikalischen Berieselungsstation degradiert, ihm also einen Großteil seiner Eigenständigkeit und Besonderheit raubt.

Oldies - und das Beste von heute

Seit gut zwei Jahrzehnten säubern die öffentlich-rechtlichen Sender mit stumpfer Systematik alles aus ihren Programm, was musikalisch außerhalb des Oldie-Hits-und-das-Besten-von-heute-Schemas liegt.

Im Tagesprogramm darf für Sounds jenseits der immergleichen Dudelfunk-Rotation, die laut den Senderleitungen "Durchhörbarkeit" garantieren soll, ohnehin kein Platz mehr sein. Die nächtlichen Sendeplätze für Autoren-Musikradio sind rar geworden. Beim NDR gibt es noch ein paar, bei "Funkhaus Europa" sind sie mit der gestern beschlossenen Reform abgeschafft worden.

Statt die Hörer mit kompetenten Autoren-Moderatoren auf eine Entdeckungsreise zu globaler Musik zu schicken, zu neuen Sounds aus Buenos Aires, São Paulo, Luanda, Lissabon, Bamako oder Südafrika, will man sie nun mehr mit der "Farbe der Weltmusik" einseifen, so das ahnungslose und desinteressierte Wording von Senderchefin Valerie Weber, einer ausgewiesenen Dudelfunk-Radiofrau.

Die obskure Lust, sich selbst überflüssig zu machen

Mit dem allgemeinen Sparzwang lässt sich diese öffentlich-rechtliche Musikvernichtungspolitik kaum erklären. Für das Geld, das die nächtlichen "Funkhaus Europa"-DJs für zwei Stunden Musikauswahl und Moderation bekommen haben, kann man im Tagesprogramm nicht mal einen Drei-Minuten-Beitrag einkaufen.

Nein, es scheint ein Kampf der Kulturen zu sein, den die Senderchefs und Intendanten kämpfen. Weg mit den Nischen, weg mit allem, was anders klingt, noch unbekannt ist, aufregend sein könnte. Weg mit all dem, was die Hörer - die man sich in den Chefetagen der Öffentlich-Rechtlichen offensichtlich vorstellt wie Laborratten, die auf Chartsfutter konditioniert sind - irritieren könnte. Was sie dazu verleiten könnten, auf den Sendersuchlauf zu drücken.

Man will ja gern zugestehen, dass private Radiosender so denken und agieren; weil sie Unternehmen sind, deren Erfolg an Werbeeinnahmen hängt, die wiederum über ihre Marktanteile, sprich: die Quote, generiert werden.

Dass öffentlich-rechtliche Sender, die über Milliardenetats aus Rundfunkgebühren verfügen, diese Strategie verfolgen, lässt sich wohl nur noch aus einer obskuren Lust an der Selbstüberflüssigmachung erklären.

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