Zum Tod von DAF-Sänger Gabi Delgado Türsteher der Neuen Deutschen Welle

Punk war ihm zu spießig, Krautrock zu dezent: Mit DAF, dem "Mussolini" und elektronischer Härte hat Gabi Delgado-López den deutschen Pop für immer verändert - und Bands wie Depeche Mode und Rammstein geprägt.
Ein Nachruf von Christoph Dallach
Gabi Delgado mit DAF beim Berliner CTM-Festival (2018): "Zum Glück hat das nichts mit Rock zu tun"

Gabi Delgado mit DAF beim Berliner CTM-Festival (2018): "Zum Glück hat das nichts mit Rock zu tun"

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Roland Owsnitzki/ imago images

Wir konnten schon das Wort "Rock" nicht ausstehen, erinnerte sich Gabi Delgado vor nicht allzu langer Zeit an die Anfänge der Band Deutsch Amerikanische Freundschaft, der Einfachheit halber DAF genannt. Rock war damals, zum Ende der Siebzigerjahre hin, für eine junge Generation Deutscher die Musik der Anderen, der Engländer und Amerikaner und des Establishments. Für den 1958 im spanischen Córdoba als Gabriel Delgado-López geborenen Musiker war die Idee von Rock eben auch eine Zumutung: eine verstaubte Kultur, die es herauszufordern und zu zertrümmern galt.

Delgado war 1966 mit seiner Familie nach Deutschland gezogen. Sie seien als Gastarbeiter gekommen und lange Außenseiter in der BRD geblieben, sagte er. Nach Stationen in Remscheid und Dortmund landete die Familie Ende der Siebzigerjahre in Wuppertal. Düsseldorf war nah und bot verlockende Abenteuer. Beflügelt von einem neuen Londoner Phänomen namens Punk fanden auch in der Rhein-Metropole junge Wilde zusammen, um mit Kunst und Randale aufzubegehren.

Es war eine Zeit, in der Bands schneller zusammenkamen, als man eine Bierflasche öffnen konnte, denn die Botschaft von Punk war auch, dass Virtuosität überschätzt und was für Spießer sei. Ob einer ein Instrument beherrschte, war herzlich egal, darum ging es nicht. Es ging Gabi Delgado allerdings darum, die Instrumente des Rock zu meiden, denn das Ziel war, einen neuen und eigenen Sound zu finden, sagte er. Dazu kam die Lust an der Provokation.

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Gabi Delgado

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In Düsseldorf kamen Gleichgesinnte damals in einer Kneipe namens Ratinger Hof zusammen, wo in so gut wie jeder langen Nacht neue Bands und Galerien auf den Weg gebracht wurden. In einer dieser Nächte lernte Delgado-López den Schlagzeuger Robert Görl kennen, mit dem er 1978 die Band Deutsch Amerikanische Freundschaft gründete - schon der Name war Lichtjahre von allen Klischees des Rock entfernt. Zu DAF gehörten in den frühen Tagen auch noch Kurt Dahlke, Wolfgang Spelmans, Michael Kemner und Chrislo Haas.

Allein die Idee, dass etwas Neues versucht wurde, sorgte in den Anfangstagen dafür, dass die Band von Beginn an in vollen Läden auftrat, lange bevor sie sich überhaupt an Tonträger gewagt hätte. Allerdings war die Kommunikation untereinander so kompliziert wie in anderen Bands, was auch dazu führte, dass Delgado die Band vor der Produktion des 1979 veröffentlichten Debütalbums "Ein Produkt der Deutsch Amerikanischen Freundschaft" verlassen hatte - aber dann doch wieder schnell an Bord war.

Er wollte Beats, die wie donnernde Faustschläge klangen

"Neue Deutsche Welle" nannte man damals diese junge Musik, die in Hamburg, Berlin, München und Düsseldorf produziert wurde - und ihren kreativen Ursprung in Punk und New Wave hatte. Allerdings war der Sound von Punk letztlich altbacken und Bands wie The Clash oder die Sex Pistols auch nur weitere Rockbands. Die Freiheit des Neuen versprach hingegen die elektronische Musik.

Die wiederum hatte in Düsseldorf Tradition, wo Bands wie Kraftwerk und NEU! zu Beginn der Siebziger die Popmusik revolutioniert hatten, als sie einen Weg suchten, der so weit weg wie nur irgend möglich von allem Etablierten führen sollte. So entstanden Klänge, die auch Gabi Delgado beeindruckt hatten, ihm aber viel zu dezent waren. Er wollte Beats, die wie donnernde Faustschläge klangen.

Zu Hilfe kam DAF damals Produzent Conny Plank, der Klassiker wie Kraftwerks Album "Autobahn" oder das Debüt von NEU! betreut hatte. Plank, erzählte Delgado später, habe den DAF-Sound, der letztlich nur noch aus Schlagzeug, Elektronik und Gesang bestand, eigentlich erfunden. Auch der visuelle Stil und die Texte von DAF waren kühne Provokationen. Delgado und Görl - die anderen waren irgendwann auf der Strecke geblieben - sahen nicht aus wie Rocker, sondern wie militante Türsteher eines Sexklubs, in schwarzes Leder gekleidet, mit zackig geschorenem Haar.

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Für die Wucht der Worte sorgte Delgado, der persönlich sanfte, aber auf der Bühne extrovertierte Sänger, dessen Texte wie Parolen von Propaganda-Plakaten rüberkamen: "Tanz den Mussolini", "Verschwende deine Jugend", "Absolute Körperkontrolle". Es half dann natürlich doch, dass der in München geborene Schlagzeuger und Komponist Robert Görl eine klassische Musikausbildung genossen hatte - und Delgados knallige Slogans mit angemessen zwingenden Melodien ausstatten konnte. Das führte, vor allem bei der Hit-Single "Der Mussolini" (1981) immer wieder zu Missverständnissen: "Tanz den Mussolini! Tanz den Adolf Hitler! Tanz den Jesus Christus!" - aber wer darin mehr als eine pure Herausforderung der deutschen Gesellschaft und ihrer Tabus sah, hatte es eben nicht verstanden.

Während Deutschland noch verstört und irritiert war ob dieses neuen Sounds, zeigten sich die Engländer sofort begeistert. Kein Wunder also, dass DAF 1980 nach London zogen, wo sie umgehend einen Plattenvertrag bekamen. Insbesondere die drei Alben "Alles Ist Gut", "Gold Und Liebe" und "Für Immer", die DAF zu Beginn der Achtzigerjahre veröffentlichten, gelten als Klassiker der modernen elektronischen Musik. Sie dienten als Blaupause für Bands wie Depeche Mode oder später Rammstein.

Doch wie in so vielen Bands gab es auch bei DAF regelmäßig Zank hinter den Kulissen. Immer wieder trennten sich Görl und Delgado in den vergangenen Jahrzehnten, um dann doch in schöner Regelmäßigkeit wieder zueinander zu finden und gemeinsam auf Tournee zu gehen.

Gabi Delgado veröffentlichte dazwischen immer mal wieder Soloalben, die weniger bemerkt wurden, und war zuletzt zurück nach Spanien gezogen. Von dort aus merkte er vor nicht allzu langer Zeit an: "Die Deutschen haben mittlerweile einen eigenen Sound und dadurch eine musikalische Identität gefunden. Zum Glück hat das nichts mit Rock zu tun."

Am vergangenen Sonntag ist Gabi Delgado-López im Alter von 61 Jahren gestorben.