Fotostrecke

Geheimtipp Brent Cash: Der Tagträumer

Foto: Marina Records

Geheimtipp Brent Cash Ein luxuriöses Hobby namens Sunshine-Pop

Er hat keine mächtige Plattenfirma und kein Heer von Facebook-Freunden, er beschallt keine hippe TV-Serie und twittert nichts Aufregendes - also nehmen die Medien den soften Retro-Pop von Brent Cash kaum wahr. Welch' himmelschreiende Ungerechtigkeit!

In dem Hollywood-Film "High Fidelity" gibt es diese herrliche Szene, in der ein Plattenverkäufer ein Album der eher obskuren Beta-Band in seinem Laden auflegt und tatsächlich, wie von ihm prognostiziert, im Handumdrehen einen Schwung Beta-Band-Platten verkauft.

Jedes Jahr erscheinen viele tolle Platten, die kaum bemerkt werden, weil niemand das Publikum auf sie aufmerksam macht. Ein aktuelles Beispiel ist ein Amerikaner mit dem klangvollen Namen Brent Cash. Dessen neues Album "How Strange It Seems" ist seit vergangener Woche zu haben, und die Wahrscheinlichkeit, dass es überhört wird, ist bestürzend groß.

Das wäre ein Jammer, denn "How Strange It Seems" zählt zu den beglückendsten Alben dieses Frühsommers. Gut, es ist keine Platte, die die Welt aus den Angeln hebt, aber immerhin außergewöhnliche Musik, die über die Distanz von elf Songs hinweg elegant und verspielt ihre Hörer bezirzt. So entrückt wie die Mädchen, die auf der Plattenhülle mit ausgebreiteten Armen am Strand tanzen, klingen die Songs von Brent Cash: Schwelgerisch und virtuos inszeniert er Tagtraum-Retro-Pop, zusammengesetzt aus geschmeidigen Streichern, Bläsern, Vibraphonen, Harfen und der samtenen Stimme des Künstlers.

Dass das umwerfend klingt, ist der Erbschaft einer Tante zu verdanken, die möglich machte, dass nichts am Computer generiert, sondern alles tatsächlich eingespielt worden ist. Ein Reiz dieser Musik liegt auch darin, dass sie aus der Zeit gefallen scheint, wie ein verschollenes und wiederentdecktes Meisterwerk der frühen siebziger Jahre. Das erinnert mal an alte TV-Serien-Melodien und überrascht mal mit einem Hauch von Disco. Aber vor allem ist es eine Sammlung erstklassig geschriebener Songs.

Atemberaubend unmodern

Damit reiht sich Brent Cash ein in ein sonniges amerikanisches Genre, das Spezialisten Sunshine-Pop nennen und zu dessen Helden The Carpenters, Burt Bacharach, Paul Williams, Roger Nicols, Todd Rundgren, Swingle Singers, Harry Nilsson und Brian Wilson zählen. Alles Spezialisten für sanft melancholische Wohlklänge, alte Meister, die von Kritikern in diesem Jahrtausend gern zu Vergleichen herangezogen werden. Nachwuchskräfte wie Brent Cash hingegen werden von den Medien kaum wahrgenommen.

Das mag daran liegen, dass einer wie Cash von allen hippen Genres der Gegenwart Lichtjahre entfernt ist. Er hat auch kein Heer von Facebook-Freunden, twittert nichts Aufregendes, ist also atemberaubend unmodern. Cash muss obendrein ohne Medienkampagnen auskommen, zu ihm werden keine Journalisten geflogen, es werden keine Plakate geklebt, und in coolen US-TV-Serien wird seine Musik schon gar nicht platziert.

Dass man mit Siebziger-Jahre-Soft-Pop in diesem Jahrtausend dennoch punkten kann, bewies im vergangenen Jahr Rumer mit ihrem exzellenten Debüt-Album. Doch hinter der Britin steht der mächtige Warner-Konzern. Um Brent Cash kümmern sich dagegen nur zwei Idealisten aus Hamburg-Eimsbüttel, die dort das kleine Label Marina Records betreiben. Statt viel Geld haben sie nur Leidenschaft zu bieten. Damit haben sie sich weltweit einen so exzellenten Ruf erarbeitet, dass Brent Cash vor einigen Jahren eine Demo-CD aus Athens, Georgia, nach Hamburg schickte.

Via E-Mail lässt er nun wissen, dass ihm kommerzieller Erfolg nicht besonders wichtig sei. Er habe einen richtigen Job, und die Musik sei sein luxuriöses Hobby. "Sie macht mich glücklich." Daran sollten mehr Menschen teilhaben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.