Violinvirtuose Hadelich Aber bitte mit Bartók!

Augustin Hadelich gehört vor allem in den USA zu den gefragtesten Geigenvirtuosen, bei uns ist er immer noch ein Geheimtipp. Auf seiner neuen CD präsentiert er Bartók in Vollendung. Aber erst muss noch ein populärer Konzert-Hit ran.

Edel

Ein kultureller Weltbürger: Augustin Hadelich wurde als Sohn deutscher Eltern in Italien geboren, erhielt seine musikalische Ausbildung an der New Yorker Juilliard School, pflegt heute aber neben Gastspiel-Engagements bei fast allen Nordamerikanischen Elite-Orchestern auch eine Vorliebe für skandinavische Musiker. Jetzt hat er mit dem fabelhaften Orchester des Norwegischen Rundfunks Violinkonzerte von Bela Bartók und Felix Mendelssohn Bartholdy aufgenommen.

Sicher ein wenig dem unerbittlichen Marketing geschuldet: Erst das Zuckerbrot der eingängigen Romantik, dann die Peitsche des spröden 20. Jahrhunderts. Stimmt natürlich nur halb, denn wie gut der rauschende Mendelssohn und der analytische Bartók zusammenpassen, belegt Hadelich mit den Interpretationen auf seiner neuen CD. Aber nicht nur deshalb überzeugt sie.

Zuckerbrot und Peitsche

Nun erwartet zunächst niemand ernstlich Neues, wenn Mendelssohns e-moll-Monster auf dem Programm steht. Doch unter der Wirkung von Augustin Hadelich blitzen orchestrale Klangfinesse und technische Solisten-Bravour um die Wette, dank seines Zugriffs lässt man sich gern noch einmal in die romantisch-griffigen Melodiewallungen entführen, die dieses Violinkonzert zum einem der Top-Hits der Allzeit-Klassik-Charts gemacht haben.

So selbstbewusst flott wie Hadelich muss man dieses Konzert spielen: Nur wenn die Höhen so sicher stehen und alles natürlich fließt, stellen sich Geigen-Glücksgefühle beim Hörer ein. Und das sehr präzise aufspielende Norwegian Radio Orchestra unter Leitung des Peruaners Miguel Hart-Bedoya (ebenfalls in den USA ausgebildet) sympathisiert hörbar mit Hadelichs schlank-geschliffenem Ansatz.

Bartóks Violinkonzert sZ 112 passt so wunderbar dazu, weil es nach Aussage des Komponisten ein Aussöhnungsversuch zwischen gemäßigter Zwölftonmusik und tonaler Welt sein sollte. Das pflegt sowohl die Spätromantischen, ja klassischen Wurzeln des Konzertes in stringenter Sonaten-Form und entsprechender motivischer Gestaltung.

In den Jahren 1937/38 entstand das Werk, war dem zeitgenössischen Geigenvirtuosen Zoltan Székely gewidmet und vor allem im Finale mit technischen Herausforderungen gespickt, die alles vom Solisten fordern. Dass der Weg dahin kein "Durch das Raue zu den Sternen" wurde, geht auf das Konto von Bartóks Kontrolle aller tollen Ideen - nicht nur reiner Klangrausch, dafür viel Form und Strenge finden statt. Trotzdem hohe Sinnlichkeit, schließlich steht die virtuose Geige im Mittelpunkt. Eine tollkühne Quadratur des Zirkels, die Augustin Hadelich hier gelingt.

Anders könnte es auch kaum sein, denn wie das Mendelssohn-Konzert gehört Bartóks Werk zu den Lieblingskonzerten Hadelichs, die er schon seit seiner (Wunder-)Kindheit spielt. Dies beschreibt er lebendig in den Liner-Notes des informativen CD-Booklets, auch im Text ist seine Begeisterung für die Stücke und ihre Umsetzung spürbar.

Klangrausch plus Strenge

Noch ein zeitlicher Sprung nach vorn: Die britischen Musik-Fans schätzen Thomas Adès (geboren 1971) nicht nur als vielseitigen Komponisten, sondern auch als einfühlsamen Pianisten und Liedbegleiter. Der Mann kann spüren, wie Solisten denken und arbeiten, daher gelang ihm auch sein Violinkonzert von 2005 so innovativ wie profund, dass kurz nach Erscheinen sogleich mit jenem von György Ligeti verglichen wurde.

2014 erschien Augustin Hadelichs Aufnahme dieses Stückes, bei dem ihm der subtil führende finnische Dirigent Hannu Lintu (und das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra) zur Seite standen. Die Aufnahme ging ein wenig unter, deshalb soll hier, auch wegen der blendenden Sibelius-Interpretation, noch einmal auf sie hingewiesen werden.

Zu Gast beim Rheingau-Festival

Derzeit befindet sich Augustin Hadelich wieder einmal auf USA-Tour, doch am 27. und 28. August ist er in Deutschland zu Gast: Beim Rheingau Musikfestival, auf Schloss Reinhartshausen und in Hattenheim spielt er mit dem Gitarristen Pablo Villegas ein buntes, lateinamerikanische geprägtes Programm mit Musik von Piazzolla, de Falla, Rodrigo und auch Paganini. Neben der Hingabe an die klassischen Säulen des Repertoires zählen für Hadelich stets Spielfreude und Vielseitigkeit. Auch in dieser Hinsicht, ein Weltbürger.


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