Konzert in Kopenhagen Lady Gaga singt mit Gentleman Grandezza

Glitzernde Lady trifft auf swingenden Großvater: Beim Copenhagen Jazz Festival standen Tony Bennett und Lady Gaga gemeinsam auf der Bühne. Eine seltsame Kombination - die funktioniert.

Tony Bennett und Lady Gaga: Jazz meets Pop
Rasmus B. S. Hansen/ Tivoli/ Copenhagen Jaz Festival

Tony Bennett und Lady Gaga: Jazz meets Pop

Von Ralf Dombrowski


Tony Bennett besingt die Liebe. Er macht das seit mehr als sieben Jahrzehnten, bevorzugt im jazzorchestralen Ambiente und hat damit im Laufe seines Lebens mehr Trophäen eingesammelt, als auf den Kaminsims passen - unter anderem 17 Grammys.

Lady Gaga besingt auch die Liebe; allerdings seit kaum mehr als einer Dekade und für ein Publikum, das Musik bevorzugt über Knöpfe im Ohr hört. Erfolgreich ist sie trotzdem und einer der wenigen Popstars der Gegenwart, der die Inszenierung als Figura der Glamourwelt bis ins Detail ausgefeilt hat.

Beide gemeinsam auf eine Bühne zu schicken, ist daher erst einmal eine seltsame Idee: Ein Großvater, dem noch Frank Sinatra auf die Schulter klopfte, der die Frauenwelt betörte, trifft eine Enkelin, deren Aura synthetischer wirkt als einst die von Grace Jones.

Doch es funktioniert. Denn das ungleiche Paar nützt die Chance der Gegensätzlichkeiten. "Manche Fans sind vielleicht etwas irritiert", sagt Lady Gaga auf der Freiluftbühne im Kopenhagener Tivoli, einem der ältesten Vergnügungsparks Europas. "Vielleicht vermisst auch jemand mein Kleid aus Fleisch. Ich mag das Kleid, aber heute machen wir etwas anderes. Heute singen wir Jazz."

Zwei Zielgruppen wollen vergnügt werden

Zu diesem Zeitpunkt der Show hat sie bereits zum zweiten Mal ihr Kostüm gewechselt und sich in Windeseile von der Glitzerlady mit der Muschelfrisur in eine Blondzopf-Heidi verwandelt. Weitere Rollenspiele folgen: das durchsichtige Rote zu "I Can't Give You Anything but Love", das rosa Knallbonbon zu "La Vie En Rose" oder das schillernd weiße Nichts zu "It Don't Mean a Thing (If It Ain't Got that Swing)" im Finale.

Das ist Showbiz: die Übertragung des bunten Popzirkus in die Welt der Swing-Schlager. Um einen Konzertabend nicht nur auffällig, sondern auch bemerkenswert werden zu lassen, muss allerdings mehr Substanz vorhanden sein. Mindestens zwei grundverschiedene Zielgruppen wollen vergnügt werden - und beide kommen auf ihre Kosten.

Tony Bennett ist kurz vor seinem 89. Geburtstag noch immer in der Lage, nicht nur kraftvoll und inspiriert zu singen; er schafft es auch nach dem Tausendsten Mal, Balladen wie Duke Ellingtons "Solitude" oder Charlie Chaplins "Smile" mit einer Herzenswärme zu singen, dass die Menschen gerührt sind.

Vor allem aber kann Lady Gaga anders singen als im Chart-Modus, hat ein Gespür für den Schmalz und bewährt sich im fortgeschrittenen Fach anspruchsvoller Interpretation. Ihre Version des bösen Liedes "Bang Bang" lässt die Zuhörer schlucken, Billy Strayhorns "Lush Life" gelingt ihr ergreifend mit der passenden Mixtur aus Naivität, Traurigkeit und Divenhaftigkeit.

Im Duett mit Bennett schließlich läuft sie zur Form auf, bezirzt den alten Herrn, umtanzt und umgarnt ihn, während er selbst die immerwährend großen Gesten und Lieder seines Genres auspacken kann. Auf diese Weise verneigt sich Lady Gaga bei aller Extrovertiertheit klar vor der Opulenz der Tradition. Kein Song entstammt ihrem eigene Repertoire, kein Beat deutet Hitparaden-Pop an. Das ganze Konzept ist für sie ein Spiel mit der Camouflage.

Damit aber gelingt dem Team, das sich für mehr als 30 Konzerte auf Welttournee begeben hat, ein Meisterstück mit Perspektive. Tony Bennett kann sich noch einmal auf die richtig großen Bühnen begeben und einem internationalen Publikum einen Einblick in sein Lebenswerk gewähren, das eng mit der amerikanischen Musikkulturgeschichte verknüpft ist. Lady Gaga bringt ihre Fans mit in die Arenen und kann sich einerseits als vielseitige, darüber hinaus aber auch als ernsthafte Künstlerin präsentieren.

Gemeinsam feiern sie Melodien, die zu den schönsten des vergangenen Jahrhunderts zählen - in ästhetisch modifizierter, inhaltlich aber konsequent historischer Form. Wenn man sich für Jazz als zeitlose Popkultur stark machen will, dann ist diese die Generationen übergreifende Zusammenarbeit eine gelungene Maßnahme.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
slade 09.07.2015
1. Auch schon aufgewacht
Das machen die beiden seit Jahren
vollpfostin 09.07.2015
2. Keine wirklich neue Erkenntnis
Daß Lady Gaga durchaus eine Schwäche für jazziges hat und außerdem eine bemerkenswerte Sängerin ist, kommt nicht wirklich überraschend. Auch wenn es jahreszeitlich nicht passt, sei hier bspw. mal ihre Live-Version von "White Christmas" empfohlen, die einen ersten Eindruck vermittelt.
W. Robert 09.07.2015
3. Absolut belanglos
Lady Gaga ist eben auch eine dieser relativ gut ausgebildeten Musical-Sängerinnen, wie meinetwegen Helene Fischer, die fast jeden Stil ihrer Produzenten performen können. Hinter diesen "Künstlern" stehen eben die jeweils angesagten Produzenten, die exakt den Geschmack des anvisierten Zielpublikums treffen. Die dabei entstehenden Belanglosigkeiten sind nicht der Rede wert, verkaufen sich dank eines guten Marketings ausgezeichnet.
harryholdenwagen 09.07.2015
4.
Blitzmerker Die beiden sind sogar schon bei den Oscars aufgetreten.
christian.steinmetz 09.07.2015
5. Wirklich dreist.
Die Nummer ist in der Tat super, aber nun wirklich nichts Neues. Schon lange her, das Lady Gaga mit Können trotz ihrer Rumpel-Music überraschen und überzeugen konnte. Und mit Tony Bennett tritt sie schon seit mehr als einem Jahr auf. Was ist hier los, noch tieferes Sommerloch? Kein Wunder dass sie so einen Act nach Dänemark holen und nicht nach "Deutscheland",...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.