Gene Pitney ist tot Der letzte Troubadour

Im Schatten Roy Orbisons: Der amerikanische Sänger Gene Pitney machte sich in den sechziger Jahren mit herzzerreißenden Pop-Balladen wie "Something's Gotten Hold Of My Heart" einen Namen. Heute starb Pitney überraschend im Alter von 65 Jahren.

Hamburg - Als die Rock and Roll Hall of Fame Gene Pitney im Jahre 2001 aufnahm, waren das späte Lorbeeren für einen  Sänger, der in die lange Riege der US-Popstars der sechziger Jahre nur schwer einzuordnen ist. Pitney changierte mit seinen Liedern zwischen weichem Kuschelrock und Country und machte das Country-Pop-Genre, in dem sich heute Shania Twain und die Dixie Chicks tummeln, populär, bevor es überhaupt existierte.

Als Zeitgenosse Roy Orbisons und anderer Musikgrößen des Rock'n'Roll-Booms agierte Pitney zunächst nur im Hintergrund. Mit gerade mal 20 Jahren schrieb er für Rick Nelson den Hit "Hello Mary Lou". The Crystals hatten ihren größten Erfolg mit Pitneys "He's a Rebel". Für Orbison, dem er als Sänger und Interpret leicht das Wasser reichen konnte, schrieb Pitney unter anderem "Today's Teardrops". Auch "Rubber Ball" floss aus Pitneys Feder und wurde für Bobby Vee ein Top-Ten-Hit.

Dass er aber nicht nur ein talentierter Songwriter, sondern ein ebenso begabter Sänger war, fand die Pop-Industrie schnell heraus. Befördert durch seine frühen Kontakte mit den Stars trat Pitney bald ins Rampenlicht: Die Rolling Stones, die Pitney 1963 in London näher kennen gelernt hatte, liehen ihm eines ihrer frühen Lieder. Pitney nahm es neu auf, und die Single "That Girl Belongs to Yesterday" stieg in die US-Charts ein. Es war der erste von Mick Jagger und Keith Richards komponierte Song, der es in die amerikanischen Hitparaden schaffte - Anfang 1964, ein halbes Jahr vor dem Stones-Hit "Tell me". Die Edelfedern Burt Bacharach und Hal David lieferten Pitney schließlich die Songs, mit denen er die Top-Ten stürmte: "(The Man Who Shot) Liberty Valance," "Only Love Can Break The Heart" und "24 Hours From Tulsa."

Mitte der sechziger Jahre nahm Gene Pitney Platten mit dem Country-Star George Jones auf. Zum letzten Mal schaffte er es 1968 mit "She's a Heartbreaker" in die Top-20 der amerikanischen Billboard-Charts.

Mit seinen Herz-Schmerz-Liedern und seiner klangvollen Stimme traf Pitney also offenbar den Zeitgeist der frühen sechziger Jahre - zumindest den all jener, denen der neue Rock'n'Roll der British Invasion zu wild war. Pitney war nicht so bürgerlich und etabliert wie die Schnulzensänger Perry Como und Paul Anka, aber er war auch kein Poprebell wie Elvis. Kritiker mokierten sich immer wieder über die überbordende Emotionalität von Pitneys oft bombastischen Hymnen, die ihm als Weinerlichkeit ausgelegt wurde. Doch auch wenn Pitney das Leiden an der Liebe zum zentralen Motiv seiner Musik machte - bodenlos wirkte sein Kummer nie. Stets fand sich ein Stück heile Welt, das die gebrochenen Herzen kitten konnte. Dennoch - die unglückliche Liebe war Pitneys großes Thema, das er mit viel Pathos füllte.

Bei allen Schmähungen als selbstmitleidiger Schnulzensänger bekommt Pitney erst heute auch musikalische Anerkennung. "Er war nicht nur der Archetypus seiner Musikrichtung, sondern auch einer der Besten", schreibt "All-Music" über den Sänger. Und der Musikwissenschaftler Mitchell Cohen bemerkte laut "Rock and Roll Hall of Fame": "Wie Roy Orbison und Del Shannon war Pitney am Stärksten bei Liedern, die von Leid handelten." In einer Umfrage wurde Pitney 1964 sogar zum beliebtesten Sänger überhaupt gewählt - in Italien.

Pitneys Erfolg blieb kein Strohfeuer der sechziger Jahre: Als er 1989 zusammen mit Soft-Cell-Sänger ("Tainted Love") Marc Almond seinen alten Song "Something's Gotten Hold of My Heart" neu aufnahm, feierte Pitney seinen ersten Nummer-eins-Hit in Großbritannien.

Dass er trotz Schwiegersohn-Image auch Gemeinsamkeiten mit den Rowdys der Rock-Szene hatte, zeigt vor allem ein Blick in sein Privatleben: Wie viele andere hatte auch Gene Pitney ein kurzes Techtelmechtel mit Musiker-Muse Marianne Faithful.

Überhaupt schien Pitney, 1941 im US-Bundesstaat Connecticut geboren, besonders die Briten zu begeistern. Seine größten Erfolge feierte er in Sechzigern abseits der Metropole London in den südenglischen Küstenstädten mit ihren Strandpromenaden und der spießigen Welt des gemähten Rasens. Auch in den vergangenen Wochen tingelte Pitney wieder durch die Tanzhallen der britischen Badeorte. Nach einem Auftritt im walisischen Cardiff sollte er heute Abend in einem Club in Bristol auftreten. Doch Pitney wurde in seinem Hotelzimmer tot aufgefunden. Offenbar ist er friedlich eingeschlafen. Er wurde 65 Jahre alt.

Anna Reimann

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