Generationenwechsel Bayreuther Festspielchef Wagner tritt zurück

Lange hatte er gezögert - jetzt hat sich Wolfgang Wagner zum Rücktritt entschlossen. Der Bayreuther Festspielleiter will damit eine lange schwelenden Streit beenden - und seine Töchter als Nachfolgerinnen installieren.


Bayreuth - Nach Angaben des bayerischen Kultusministers Thomas Goppel (CSU) wird Wolfgang Wagner heute seinen Rücktritt vom Amt der Bayreuther Festspielleitung verkünden. Das genaue Datum des Rückzugs war ihm jedoch nicht bekannt. Die Nachrichtenagentur dpa meldet dagegen unter Berufung auf einen Brief Wagners an den Bayreuther Stiftungsrat, dass der Festspielchef spätestens bis zum 31. August von seinem Amt zurücktreten werde. Das hieße, dass Wagner direkt nach den diesjährigen Festspielen, die am 25. Juli beginnen, seinen Abschied nehmen würde. Der 88-Jährige leitet seit 1951 die Bayreuther Festspiele.


Wagner schreibt in seinem Brief, er halte es "für an der Zeit", die Verantwortung abzugeben. Er werde in seinem Beschluss bestärkt durch den Umstand, "dass sich für die Gestaltung der Zukunft der Bayreuther Festspiele eine einvernehmliche, von breitem Konsens getragene Lösung abzeichnet".

Wolfgang Wagner selbst hatte vor rund drei Wochen seinen Rücktritt angeregt, indem er zuletzt eine, viele Beobachter überraschende, doppelte Nachfolge-Regelung vorgeschlagen hatte: Seine 29-jährige Tochter Katharina und seine Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier, 63, sollten gemeinsam seine Aufgabe übernehmen. Damit hatte er seine Nichte Nike Wagner verärgert, die sich zuvor gemeinsam mit ihrer Cousine Eva Chancen auf den prestigeträchtigen Posten ausgerechnet hatte.

Entsprechend erzürnt äußerte sich Nike Wagner zuletzt in der Presse. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sprach sie davon, von ihrer Cousine hintergangen worden zu sein. Zu dem nun angekündigten Rücktritt von Wolfgang Wagner wollte sich Nike Wagner heute zunächst nicht äußern. Mit Wagners Rücktritt tritt ein, was sich nach diesen unangenehmen Auseinandersetzungen viele Mitglieder des Stiftungsrates der Festspiele erhofft hatten. Der Bayreuther Oberbürgermeister Michael Hohl (CSU) hatte noch kurz vor Beginn der heutigen Sitzung des Rates auf entscheidende Fortschritte in der Nachfolgefrage gesetzt. "Ich hoffe, dass wir heute einen großen Schritt weiterkommen", sagte Hohl . Aus dem Festspielhaus seien zuvor "gute Signale" gegeben worden.

Wolfgang Wagner, ein Enkel des Komponisten Richard Wagner, führt die Richard-Wagner-Festspiele seit 1951. Zunächst leitete er sie gemeinsam mit seinem Bruder Wieland, dem Vater der nun offenbar ausgebooteten Nike. Seit Wielands Tod im Jahr 1966 herrscht Wagner allein am Grünen Hügel.

Unter Wolfgang Wagners Regentschaft entstanden insgesamt rund 1600 Aufführungen im Festspielhaus, er selbst zeichnete für zwölf eigene Inszenierungen verantwortlich - mit denen er allerdings kaum bei der Kritik reüssierte. Als Intendant erntete Wagner hingegen viel Lob. Er öffnete die Festspiele für Regisseure von außen, holte etwa 1972 Götz Friedrich, dessen "Tannhäuser" für einen Skandal sorgte. Später kamen Patrice Chereau, Heiner Müller oder Christoph Schlingensief hinzu, der 2004 "Parsifal" inszenierte.

Mit dem Rücktritt Wagners dürfte der Weg frei sein für das Konzept seiner beiden Töchter. Wolfgang Wagner hatte bereits zuvor versucht, eine weibliche Leitung auf dem Grünen Hügel zu installieren: Er schlug seine zweite Frau Gudrun Wagner, die er 1976 geheiratet hatte, vor. Das Vorhaben scheiterte allerdings 2001 am Widerstand der Geldgeber. Gudrun Wagner starb überraschend am 28. November 2007.

tdo/AP/dpa



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