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Kultband Talk Talk: Rätselhaftes aus Eden

Foto: EMI Records UK

Kultband Talk Talk Rätselhaftes aus Eden

Genial: Das Album "Spirit of Eden" der britischen Band Talk Talk gilt als so rätselhaftes wie meisterhaftes Opus. Nun kommt das historische Werk frisch restauriert als Neuauflage auf den Markt.

Es gibt Platten, deren Namen weitergegeben werden wie ein gutgehütetes Geheimnis, wie das Losungswort zu einem elitären Geheimbund, wie ein Versprechen auf ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Oft sind das Platten, die nie im Radio laufen.

Das 1991 erschienene "Spirit of Eden" von Talk Talk ist so ein Werk. Das Album sieht schon rätselhaft aus; es ist eingepackt in eine Hülle, auf der ist ein gemalter Baum abgebildet, an dem allerlei Schnecken und Muscheln hängen. Von den verantwortlichen Musikern keine Spur. Auch kein Hinweis, was für Musik in dieser Verpackung stecken könnte. Das perfekte Mysterium also.

Interessant sind auch die heftigen Reaktionen der Hörer, was sich sehr schön an den Nutzer-Kommentaren bei "Amazon" ablesen lässt, wo "Spirit of Eden" nahezu ausnahmslos mit Höchstwertungen bedacht wird: "Ich spielte dieses Album bei der Geburt meines Sohnes". Oder: "Wenn mein Haus brennen würde, und ich könnte nur einen Gegenstand retten, wäre es diese CD". Oder: "Es kann kein anderes Album geben, das diese Intimität erreicht."

Erst nach den Hits wurde die Musik spannend

Für Menschen, die nur die Radio-Hits von Talk Talk kennen, ist diese Euphorie wohl kaum nachvollziehbar. Kein Wunder, denn auch Talk Talk begannen mal ganz konventionell. "The Party's Over", das erste Album der Londoner Band um den Sänger und Songwriter Mark Hollis, erschien 1982 und klang eher unauffällig nach New-Wave-Pop. Der große Erfolg kam zwei Jahre später mit dem Nachfolger "It's My Life" und Hits wie "Such A Shame", die Hollis vermutlich bis heute ein entspanntes Leben bescheren. Erst danach wurde es spannend: Auf "The Colour of Spring" begann Hollis, mit Stilen und Genres zu experimentieren, aber letztlich war das auch nur das Vorspiel zu seinem Meisterwerk "Spirit of Eden".

Die Musik auf "Spirit of Eden" klingt, gut zwei Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen, noch immer rätselhaft und atemberaubend. Sechs kunstvolle Songs, von denen die ersten drei ineinander fließen, die über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren in einem abgedunkelten, nur von Kerzen erleuchteten Studio als Resultat ausgiebiger Sessions entstanden.

Da wird deutlich, was Mark Hollis meinte, als er immer wieder Can, Miles Davis, Bartok, Debussy, John Coltrane, Otis Redding und Burt Bacharach als musikalische Helden nannte. Und nach Hits wie "It's my Life" hatte er endlich das Budget, die Freiheit, die Musik zu machen, von der er immer träumte. Die Melodien sind hier verschachtelt, die Stimmung: Moll! Es erklingen schwelend Trompeten, Klarinetten, ein Kirchenchor und die alles zusammenhaltende, faszinierende Klagestimme von Mark Hollis.

Vielen Spezialisten gilt "Spirit of Eden" längst als Ausgangspunkt dessen, was heute als Post-Rock bezeichnet wird. Nachgewachsene Bands wie Radiohead oder Elbow haben ihre Begeisterung für die Platte betont. Nur die zuständige Plattenfirma hörte keine Radio-Hits und war entsetzt. Mark Hollis scherte das überhaupt nicht. Für ihn war es der Beginn eines Dauerkrieges mit der Musikindustrie. Es folgte das noch rätselhaftere Talk-Talk-Album "Laughing Stock", sowie ein Mark Hollis Solo-Album, das 1998 erschien.

Seitdem ist Mark Hollis abgetaucht. Auf Tournee war er seit Jahrzehnten nicht mehr, Interviews gewährt er nie und reiht sich so ein in die Galerie der großen, stoischen Verweigerer des Pop wie Scott Walker, Kevin Shields oder Kevin Rowland. Vollkommen isoliert lebt er mit Frau und zwei Kindern in London. Weil die Nachfrage nach seiner Musik eher steigt, sind seine Talk-Talk-Wunderplatten nun mal wieder restauriert neu aufgelegt worden. Elbow-Sänger Guy Garvey gab mal zu Protokoll, dass Mark Hollis' Musik "so beeindruckend wie die Mondlandung" sei.

Dem ist nichts hinzu zu fügen.


Talk Talk: "Spirit of Eden"; "The Colour of Spring"; "The Party is Over"; "It's My Life" (alle neu aufgelegt bei EMI).

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.