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30. Oktober 2018, 16:53 Uhr

Abgehört - neue Musik

Ella, Nina, Roberta... und jetzt Georgia!

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Mit ihrem Brainfeeder-Debüt "Overload" beansprucht Georgia Anne Muldrow ihren Sitz an der R&B-Ehrentafel. Außerdem: Bittersüßes von Miya Folick, Meta-Balladen von Jens Friebe und Kissenschlacht mit Say Lou Lou.

Georgia Anne Muldrow - "Overload"
(Brainfeeder/GoodToGo, seit 26. Oktober)

"She's incredible. She's like Flack, Nina Simone, Ella", schwärmte Hip-Hop-Einflüsterer Mos Def schon vor gut einem Jahrzehnt in der " New York Times" über die Sängerin Georgia Anne Muldrow. Für sein ohnehin schon großartiges Album "The Ecstatic" hatte sie damals den Track "Roses" als Gastvokalistin veredelt. Warum Muldrow nicht spätestens danach zum Superstar wurde? Ein Rätsel der Pop-Historie. Umtriebig genug blieb sie immerhin: 16 Alben, vier EPs und ein Mixtape hat die Musikerin und Produzentin seit 2006 veröffentlicht, ihr jüngstes erscheint jetzt - durchaus prominent - bei Brainfeeder, dem ultracoolen, auf der Schwelle zwischen Jazz und Hip-Hop agierenden Label von Flying Lotus. Dessen Großtante, Jazz-Legende Alice Coltrane, war übrigens mit Muldrows Tante befreundet, aber das nur nebenbei, denn familiäre Beziehungshilfe braucht diese Künstlerin nicht, um zu überzeugen.

"Overload" bezeichnet sie selbst als "Experiment in Zurückhaltung". Zusammen mit einer versierten Band bemüht sie Geduld, Disziplin und Hingabe, um mit ihrer Musik zu einem möglichst freudigen Geräusch vorzustoßen, einem "Sweet Spot", wie sie es nennt. Das hört sich komplizierter an, als es letztlich klingt, denn was damit gemeint ist, offenbart sich im hinreißenden Titeltrack, in dem Muldrow euphorisch flötet: "I'm overload, and overdrive/ I'm overwhelmed", darunter aber dezidiert unterkühlt und gelassen swingende Trap-Beats und R&B-Moods legt. Die mitgroovende Melancholie erinnert an Solanges bahnbrechendes Album "A Seat At The Table", das vor zwei Jahren die weibliche "Black Experience" so weh- wie anmutig auf den Punkt brachte.

Muldrow, 1983 in L.A. geboren, fächert diese Erfahrungen stilistisch diverser auf und dringt tiefer in die Historie ihres Genres. Angeblich war sie es, die Erykah Badu einst den Begriff "being woke" beibrachte, lange bevor diese Wendung zu einem Synonym für politisch bewussten R&B und Rap neuerer Prägung wurde. "Blam", mit Hip-Hop-Motiven aus den Neunzigern unterlegt, ist das Schlüsselstück des Albums: Träge marschierend wie ein neuzeitlicher Gospel-Blues, erzählt es von alltäglicher Polizeigewalt gegen Schwarze und endet mit der Beschwörung: "Before I be a slave, I'll be buried in my grave". "Aerosol", analog zu Solanges "Cranes In The Sky", mischt die kindliche Freude über einen mit Helium gefüllten Luftballon mit der Klage über harte Beton-Bürgersteige und Crackpfeifen, in deren Giftschwaden ganze Biografien verenden.

Muldrow beherrscht nicht nur solche poetisch-klugen, an Langzeit-Kollaborateuren wie Madlib geschulten Beats der Straße, die sie mit eindrücklichem Gesang illustriert, sie steuert mit sicherem Gespür auch durch Fusion-Jazz-Essays wie "Vital Transformation" oder "Bobbie's Dittie". Der Gap-Band-Klassiker "You Can Always Count On Me" mutiert bei ihr zur vertrackten P-Funk-Ballade, "These Are The Things I Really Like About You" (mit Rapper Dudley Perkins) ist eine urbanisierte New-Orleans-Dixie-Nummer - und der nur 55 Sekunden lange "Williehook"-Skit eine schmissige Soul-Fingerübung mit, nun ja, einem Killer-Hook. Das alles, die ganze emotionale, stolze Bandbreite afroamerikanischer Musik, wirft Muldrow in nur 37 Minuten einfach mal so hin. Ganz zurückhaltend, versteht sich. (8.3) Andreas Borcholte

Jens Friebe - "Fuck Penetration"
(Staatsakt/Caroline, ab 2. November)

Das Schönste an diesem an Schönheit nicht armen Album sind die drei Klavierballaden. Zu ihnen stellt man sich Jens Friebe im weißen Anzug am Flügel vor, vielleicht auf einer Benefiz-Gala für die nun verarmte Bourgeoisie, ein paar Jahre nach der Revolution. "Fuck Penetration", die sechste Solo-Veröffentlichung des in Berlin lebenden Musikers und Pop-Kritikers, beginnt mit "Worthless" einem der geglücktesten Liebeslieder seit Monaten.

Der aufwallende Refrain geht so: "When money is afraid of being worthless/ It becomes a house or a piece of art/ When you're afraid of being worthless/ You tear out my heart". Das Lied bringt Ökonomie und Beziehungselend assoziativ zusammen und erklärt nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat (Pop muss ja auch nichts erklären). Es behauptet aber, dass man über das eine und das andere in derselben Strophe singen kann. Und weil es so schlüssig klingt, ist es dann wohl auch wahr - ein materialistisches Liebeslied! "Körperfresser oder Das Vergessen" und "Es leben die Drogen" sind zwei weitere, euphorisierende Abgesänge auf dieser Platte, gleichfalls wunderbar.

Die flotteren Lieder des Albums sind dann nicht dermaßen bezaubernd, aber immer wieder von einer strahlenden Intelligenz. Es ist, wie oft bei Friebe, ein bunter Strauß an Möglichkeiten, der einem hier in die Arme geworfen wird. Manche sind realisiert, andere verweisen auf eine sehr gute Idee oder interessante Haltung, verpuffen dann aber als Songs. "Tränen eines Hundes" und "Herr der Ringe" beispielsweise lassen einen ratlos zurück. Was ja aber auch nicht unbedingt schlecht ist.

"Fuck Penetration" ist eine schillernde Mischung aus tanzbarem, thesenverliebten Pop, Sprachwitz, mondäner Wehmut und einer befreit schwebenden, absichtlich ungreifbar gehaltenen Meta-Ebene. "Komisch ist, was über die Mühe erhebt", schrieb der kommunistische Schriftsteller Ronald M. Schernikau, dem Friebe einst das Lied "Königin im Dreck" gewidmet hat. Ihm hätte diese Platte vermutlich sehr gefallen. (7.7) Benjamin Moldenhauer

Miya Folick - "Premonitions"
(Terrible Records/Interscope/Universal, seit 26. Oktober)

Die Art-Hardcore-Band Fucked Up, bat Miya Folick unlängst darum, die Vocals für "Joy Stops Time", den Abschlusstrack ihres neuen Albums "Dose Your Dreams" zu übernehmen. Folick war sich nicht ganz sicher, was sie mit dieser Anfrage anfangen sollte und sang vorsichtshalber verschiedene Versionen des Textes ein. Fucked Up legten sie einfach übereinander, das Ergebnis ist ein dräuender Monumentalsound. Jetzt hat die Amerikanerin mit russisch-japanischen Wurzeln, die ihre Band über die Dating-App Tinder akquirierte, ihr Debütalbum veröffentlicht. Es hat mit dem Sound von Fucked Up wenig zu tun, eine Parallele gibt es aber doch; auch Folick hat offenbar keine Lust, sich Genregrenzen unterzuordnen.

Es ist irre, was einen in diesen zehn Tracks alles anspringt, wie man händeringend nach Vergleichsmöglichkeiten sucht, um diese gleich wieder zu verwerfen. Ist die Tatsache, dass Produzent Justin Raisen unter anderem mit Angel Olsen und Charli XCX gearbeitet hat, ein Hinweis auf irgendwas? Nein, das sind nur Eckdaten einer Arbeitsbiografie. Hat man da eben Sophie B. Hawkins und ihren Neunziger-Riesenhit "Damn I Wish I Was Your Lover" herausgehört? Nee, der war eine Spur simpler gestrickt. Erinnerte das gerade an Tori Amos? Aber deren Verkieksungen fehlen hier völlig.

In der Tat bedienen sich Folick und Rosen in Tracks wie "Baby Girl" beim Synthie-getriebenen Mainstream-Pop der ersten Hälfte der Neunzigerjahre. Doch der dient lediglich als Warenlager: Schon Folicks Stimme, die ohne jedes Problem von Beiläufigkeit in Pathos wechselt, die Oktaven überwindet und in den Höhen ebenso sicher ist wie in den Tiefen, sorgt dafür, dass jede Ähnlichkeit ungefähr bleibt. Stattdessen ist ihre Idee von Pop eine sehr eigene und inklusive. Sie nimmt jene Offenheit und textliche Präzision, die man von Folicks früheren EPs kennt, mit ins Rampenlicht. Denn ein Song wie "Stock Image" ist wuchtiges Empowerment mit Stadionqualitäten. "Freak Out" hat eine Pop-Intensität, die durchaus mit Hits wie Icona Pops "I Love It" mithalten kann. Und "Leave The Party" ist mit seinen fröhlichen Bläsern und der netten Botschaft - Hey, geh' nach Hause, wenn Du möchtest. Leg dich ins Bett und hör deine Musik - bestes Radiomaterial. Aber auf diesem Album ist auch Platz für Beklemmung, nachzuhören in "Deadbody", wo Folick die Geschichte eines Missbrauchs nachzeichnet: "Don't want your money for my silence/ I don't care who knows your name/ Don't tell your friends that I'm lyin' to convince them I'm insane", heißt es da. Und plötzlich bleibt einem jedes Lachen im Halse stecken. (8.1) Jochen Overbeck

Say Lou Lou - "Immortelle"
(à Deux/Cosmos Music, seit 26. Oktober)

Erstmal maximale Chuzpe demonstrieren: "Ana", der erste Song auf dem Album von Say Lou Lou, variiert Gordon Jenkins' legendäres Arrangement von Sinatras "It Was A Very Good Year" zu einem Trip-Hop-Schwulst frankophoner Prägung, das zum Finale in einem donnernden Crescendo aus Gitarren und Geigen mündet. Fünf Minuten pompöseste Pop-Kissenschlacht, eine Hymne für den weiblichen Bondfilm der Zukunft.

Denn Elektra und Miranda Kilbey begnügen sich auf ihrem zweiten Album nicht mehr damit, sich als stilistisch und geschmacklich versierte Supermodels zu inszenieren wie noch auf ihrem Debüt "Lucid Dreaming"; zur Veröffentlichung von "Immortelle" erschien auch ein aufwändig-esoterisches Kurzfilm-Manifest, der den feministischen Anspruch der Zwillinge illustrieren soll. Das klappt so mittel, sieht aber sehr gut aus.

Wobei man wieder beim primären Oberflächen-Reiz von Say Lou Lou wäre: Sie hauchen kryptische Zeilen wie "I'm kissing you kissing me, self-destruction" (aus "Limbo") so lasziv und von opulentem Orchesterdrama umwölkt dahin, dass eine Bedeutungsebene suggeriert wird, die letztlich nur Teil eines Verführspiels ist: "Life is a dance, it's a game of seduction". Warum Say Lou Lou also mit ihrer glamourösen Überwältigungs-Ästhetik im Zeitalter des Topical Advertisings noch nicht die Popstars der Stunde sind? Muss ein Versehen sein. Stattdessen veröffentlichen sie ihre Musik auf ihrem eigenen Label und gelten weiterhin als Geheimtipp.

Dabei haben süße Siebziger-Singsänge wie "Golden Child" durchaus breitenwirksames Hit-Potenzial. Und dass ihm seine talentierten Töchter mal eine so entzückend verrauschte Version seines (einzigen) Charterfolgs "Under The Milky Way Tonight" widmen, hätte sich The-Church-Frontmann Steve Kilbey wohl auch nicht träumen lassen. Auf nur einer halben Stunde Länge bietet diese reichhaltige Plüschigkeit dann aber doch zu wenig Halt. "I'm melting in your memory", singen Say Lou Lou im schön auf und ab wogenden "Phantoms". Tja, das ist ein Problem. (6.9) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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