Musikmanager Gerard Mortier ist tot Der Mann, der die Oper entstaubte

Gerard Mortier galt als einer der wichtigsten Musikmanager Europas, sorgte in der verstaubten Opernbranche für frische Luft - und zeigte sich stets als sehr streitbarer Geist. In der Nacht zum Sonntag ist der große belgische Opern- und Theaterintendant nun im Alter von 70 Jahren gestorben.

DPA

Madrid/Brüssel/Hamburg - "Ich habe zwar Krebs, aber ich bin noch nicht tot, auch wenn dies einigen gefallen würde", hatte Gerard Mortier noch im September 2013 gesagt. Ein in Tonfall und Temperament sehr charakteristischer Satz für den streitbaren Opernmanager, den er in diesem Fall an die Verantwortlichen des Madrider Teatro Real richtete. Und noch hinzufügte: "Ich werde kämpfen."

Das tat der 70-Jährige auch, wie stets in seinem Leben mit vollem Einsatz. Das Teatro Real hatte den früheren Intendanten der Salzburger Festspiele und Gründungsintendanten der Essener Ruhrtriennale im Jahr 2010 nach Madrid geholt. Kurz nach Bekanntgabe seiner Krankheit im vergangenen Sommer - Mortier litt unter Bauchspeicheldrüsenkrebs - wurde er dort dann durch den Katalanen Joan Matabosch, 52, abgelöst; drei Jahre vor Ablauf seines Vertrages und mit großem Getöse.

Der Belgier Mortier machte damals seinem Ruf wieder einmal alle Ehre, Konflikte eher zu suchen, als ihnen aus dem Weg zu gehen. Das Vorhaben des Kulturministeriums, einen Spanier zu seinem Nachfolger zu küren, kritisierte er scharf. "In Spanien sehe ich aber niemanden, der in Frage käme", donnerte er damals barsch, wurde jedoch übergangen.

Der am 25. November 1943 in Gent in eine flämischen Bäckerfamilie geborene Mortier hatte in den siebziger Jahren zunächst für Christoph von Dohnányi und Rolf Liebermann in Düsseldorf, Frankfurt am Main und Hamburg gearbeitet, bevor er 1981 die Leitung des Brüsseler Opernhauses La Monnaie übernahm. Dort machte sich er sich als Erneuerer der Oper auch über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus einen Namen. Sein Modernierungsrezept bestand aus klug durchdachten Spielplänen, ungewöhnlichen Besetzungen, neuen Deutungen alter Stoffe und originell zusammengesetzten Produktionsteams.

Gedenkminute in Madrid

Mit dem Ziel, die renommierten Salzburger Festspiele auch einem jüngeren Publikum zu öffnen, wurde Mortier dann 1991 nach Österreich berufen - als Nachfolger des großen Herbert von Karajan. Die Verpflichtung verärgerte jene Traditionalisten, die der Belgier schon als junger Mann so oft mit scharfen Worten attackiert hatte. Bei der Oper denke er "nur an Krankenpflege", schimpfte er einmal und sah sie schon "als Kunstform untergehen".

Zwischen 2004 und 2009 leitete Mortier, der auch Mitglied der Berliner Akademie der Künste war, dann die Pariser Oper. Und 2010 landete er schließlich in Madrid, allerdings eher per Zufall. Eigentlich hatte er von Paris nach New York wechseln wollen, verzichtete aber auf den Posten in den USA, weil die City Opera ihr Budget drastisch kürzen musste. Als künstlerischer Leiter in Madrid wollte er stattdessen das bis dahin international wenig bedeutende Teatro Real an die europäische Spitze führen. Seinen Ambitionen kam bald die Wirtschaftskrise in die Quere - auch in Madrid regierte der Sparzwang.

Trotz leerer Kassen und des Nachfolgestreits blieb Mortier - der in Deutschland in ärztlicher Behandlung war - dem Opernhaus am Plaza Isabel jedoch bis zuletzt als künstlerische Berater verbunden und kämpfte weiter für seine Vision eines modernen Opernhauses.

Seinen letzten Kampf hat Gerard Mortier nun endgültig verloren. In der Nacht zum Sonntag ist der große Opern- und Theaterintendant in Brüssel gestorben, wie die belgische Kulturministerin Fadila Laanan mitteilte. Die spanische Nachrichtenagentur efe berichtete, er sei "im Kreise von Freunden und Familie" verschieden.

Das Teatro Real will Mortier am Sonntagabend die Aufführung der Christoph-Willibald-Gluck-Oper "Alceste" widmen, eine Gedenkminute einlegen und zudem die Fahnen des Hauses auf Halbmast setzen. Zusätzlich sei eine besondere Gedenkfeier geplant, bei der jüngere Menschen eine besondere Rolle spielen sollen - als Vertreter jenes neuen Opern-Publikums, das Mortier immer zu erschließen versucht habe.

tdo/dpa

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