Friedrich Geiger

Umgang mit russischen Klassikstars Der Traum von der unpolitischen Musik

Friedrich Geiger
Ein Gastbeitrag von Friedrich Geiger
Ist es richtig, jetzt reihenweise Putin-nahe Künstler zu canceln? Nicht unbedingt. Im Fall von Waleri Gergijew ist aber klar: Eine Demokratie muss sich wehren, wenn Musik aus Überzeugung für Propaganda missbraucht wird.
Dirigent Gergijew: Er missbraucht Musik für Propaganda

Dirigent Gergijew: Er missbraucht Musik für Propaganda

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Danil Aikin / ITAR-TASS / IMAGO

Wilhelm Furtwängler war ein großer Dirigent, politisch aber eine problematische Figur – das gehört mittlerweile zum musikgeschichtlichen Allgemeinwissen. Worin genau seine Schuld lag und wie schwer sie wog, darüber wird bis heute debattiert. Dass er aber für die Propaganda des NS-Regimes ein Segen war, steht außer Zweifel.

Er lieferte den Schergen des Dritten Reichs einen effektvollen Soundtrack, adelte es mit dem guten Ruf deutscher Musik und schien mit jedem Konzert aufs Neue die anmaßende Behauptung zu bekräftigen, dass die eigene Kultur allen anderen weit überlegen sei.

Furtwänglers Verteidigung in seinem Entnazifizierungsprozess 1946 beruhte vor allem auf der alten Idee der deutschen Romantik, Kunst und Politik seien zwei getrennte Welten. Mit seiner Musik habe er lediglich dem unterdrückten deutschen Volk einen Raum für Rückzug und Hoffnung bieten wollen. Doch selbst wenn man Furtwängler dies abnehmen möchte, bestürzt die Naivität eines Mannes, der glaubte, das Vorspiel zu Wagners Meistersingern vor riesigen Hakenkreuzflaggen auf eine unpolitische Art und Weise dirigieren zu können.

Der russische Dirigent Waleri Gergijew hat für das Putin-Regime eine Funktion, die auf der strukturellen Ebene des Diktaturvergleichs zu derjenigen Furtwänglers für den NS-Staat viele Parallelen zeigt, auch wenn Putins Russland natürlich keineswegs mit Hitlers Deutschland gleichzusetzen ist.

Gab es jedoch bei Furtwängler immerhin vereinzelte Versuche, sich – etwa im März 1934 durch die Verteidigung des Komponisten Paul Hindemith – der Gewaltherrschaft zu widersetzen, sorgt Gergijew seit vielen Jahren ungebrochen, begleitet von markigen Bekenntnissen zu seinem Herrscher, für die klingende Inszenierung einer aggressiven großrussischen Ideologie, die offen die Vorherrschaft über Europa proklamiert.

Dazu passt das auf der Homepage seiner »Valery Gergiev Foundation« ausdrücklich genannte Ziel, »Russlands kulturellen Einfluss in der Welt zu vergrößern«. Schon das schändliche »Konzert der Sieger«, das er im Sommer 2008 in dem von Russland besetzten Teil Georgiens gab, ließ keinen Zweifel daran, wie reibungslos Putins Politik und Gergijews kulturimperialistische Propaganda ineinandergreifen.

Dmitri Schostakowitschs »Leningrader Sinfonie«, 1941 während der Belagerung der Stadt als verzweifelter Appell zum Widerstand gegen die NS-Truppen komponiert, wurde hier in genau die Richtung umgedeutet, in die heute Putin gegen die angeblich nazistisch unterwanderte Ukraine geifert, um seinen Überfall entgegen den offenkundigen Fakten zu rechtfertigen. Gergijew verdeutlichte dies noch mit einer zynischen Ansprache, in der er das Konzert den Opfern der georgischen (!) Aggression widmete.

Es folgten weitere unsägliche Aktionen, darunter die Unterzeichnung eines offenen Briefes, der schon im März 2014 nicht nur die Annexion der Krim, sondern generell »die Haltung des Präsidenten der Russischen Föderation zur Ukraine« befürwortete.

Deshalb hätte Gergijew schon 2015 unter gar keinen Umständen Chefdirigent der Münchner Philharmoniker werden dürfen, und noch weniger hätte die Stadt 2018 seinen Vertrag verlängern sollen. Doch aus diesen gravierenden Fehlern jetzt nichts zu lernen und in einer Situation, in der Putin mit allen Grundsätzen der Humanität bricht, weiter an Gergijew festzuhalten, wäre ein noch größerer Fehler.

Insofern ist es falsch, wie Peter Uehling in der »Berliner Zeitung « dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter wegen des Ultimatums an Gergiijew Bigotterie zu attestieren, wie Helmut Mauró in der »Süddeutschen Zeitung«  zu zweifeln, ob Gergijews Schweigen wirklich bedeuten müsse, »dass er zu Putin hält« oder wie der Dirigent Christian Thielemann zu beklagen, hier käme »der menschliche Aspekt« zu kurz.

Gewiss kann man Reiter vorwerfen, zu spät die Reißleine gezogen zu haben. Doch dass er sie nun gezogen und Gergijew endlich entlassen hat, dazu gab es keine Alternative, will man nicht Putins Auslandspropaganda aus Steuergeldern finanzieren und dabei zugleich den Traum von der unpolitischen Musik weiterträumen, der nicht nur im Fall Furtwänglers ins Verderben geführt hat. Man stelle sich vor, wie das Orchester von Kiews Partnerstadt unter Putins Pult-Paladin wie geplant am 12. Mai die »Leningrader Sinfonie« gespielt hätte – Georgien reloaded. Wer kann und will sich das reinen Gewissens anhören?

Unangebracht ist es auch, Gergijews Recht auf freie Meinung einzuklagen, wie es etwa in der »Welt« geschah:  »Müssen nun auch andere Künstler fürchten, je nach Weltlage zu politischen Statements gedrängt zu werden, bevor sie in München auftreten dürfen?«

Gewiss besteht die Gefahr übereifrigen Cancelns und mangelnder Differenzierung, etwa mit Blick auf Anna Netrebko, die den Krieg gegen die Ukraine wenigstens verurteilt hat. Auch sollte man sich in unseren bequemen Breiten noch wesentlich klarer machen, was es heißt, Künstlerinnen und Künstlern, die in Diktaturen leben, distanzierende Äußerungen abzuverlangen – und sich fragen, ob es jeweils einen Sinn hat oder nur der eigenen Beruhigung dient.

Er arbeitet für einen Despoten

Doch Gergijews Fall liegt anders. Denn dieser Dirigent missbraucht ohne jeden Zwang, vielmehr nachweislich aus eigener, gut dokumentierter Überzeugung Musik für Propaganda, im Dienst eines zutiefst inhumanen, die Existenz der freien Welt bedrohenden ideologischen Wahnsinns. Er arbeitet für einen Despoten, der seinerseits das Recht auf freie Meinung unterdrückt und den der »menschliche Aspekt« beim Bombardement der ukrainischen Zivilbevölkerung gerade herzlich wenig interessiert.

»Uneingeschränkte Toleranz«, diese Lehre zog Karl Popper 1945 aus der Geschichte, »führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz«. Das gilt auch für Künstler, und deshalb muss sich die Demokratie gegen die intoleranten unter ihnen wehren, anstatt sie auch noch zu bezahlen.